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AfD nach Rassismus-Eklat unter Druck

Die Partei zieht nach dem Rüpel-Auftritt eines Mitgliedes Konsequenzen und streitet über die Ursachen.

Über 200 Menschen haben am Dienstag im Meißner Burgkeller größtenteils diszipliniert einer Diskussion der sechs Landtagsdirekt-Kandidaten zugehört. Am Ende wurde es wegen unsachlicher und rassistischer Fragen einiger weniger Besucher turbulent.
Über 200 Menschen haben am Dienstag im Meißner Burgkeller größtenteils diszipliniert einer Diskussion der sechs Landtagsdirekt-Kandidaten zugehört. Am Ende wurde es wegen unsachlicher und rassistischer Fragen einiger weniger Besucher turbulent. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Es war der Tiefpunkt des Wahlforums der Landesanstalt für politische Bildung und Sächsischen Zeitung am Dienstagabend. Der im Mai gewählte AfD-Kreisrat Steffen Förster aus Coswig wandte sich im Meißner Burgkeller mit einer Frage direkt und ausschließlich an die CDU-Landtagskandidatin Daniela Kuge: „Stellen Sie sich bitte vor: Sie sind Rettungsschwimmerin. Es sind drei Personen in Not. Ein Deutscher, ein Israeli und ein Afrikaner. Wen retten Sie?“ 

Die Christdemokratin konterte: „Es fehlt noch, dass Sie mich fragen, ob ich einen Mann oder eine Frau zuerst rette, einen Schwulen oder eine Lesbe.“

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Damit nicht genug. Nach Angaben von Daniela Kuge passte der pöbelnde Ruheständler die Politikerin im Anschluss an das Podium ab und polterte erneut niveaulos und unsachlich gegen sie los. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn mein Mann nicht dazwischen getreten wäre“, so die 44-Jährige. Anschließend sei es ihr richtig schlecht gegangen.

Die Entgleisung Försters war dabei nicht der erste peinliche Auftritt des früheren Sachgebietsleiters im Meißner Landratsamt. Auch während einer Fragerunde mit Sachsens Verfassungsschutzchef Gordian Meyer-Plath Ende September 2016 fiel der Senior, Jahrgang 1954, durch Verschwörungstheorien auf. 

Bei der Veranstaltung in Weinböhla erkundigte er sich bei Meyer-Plath, ob dieser wisse, dass die Bundesrepublik gar keine Verfassung habe. Eine These, die vor allem in den Kreisen von Reichsbürgern sehr populär ist.

Parteiausschluss droht

Dem Mitbewerber von Daniela Kuge im Wahlkreis 39, Thomas Kirste von der AfD, ist der Rassismus-Eklat sichtlich unangenehm. Am Freitagvormittag berichtet er in der Meißner SZ-Redaktion von den Konsequenzen, die das Auftreten Försters hat und haben wird. 

Nach Angaben des Spitzenkandidaten der Alternative ist gegen den Coswiger ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. „Es sollte wenigstens eine Abmahnung geben, aber auch ein Parteiausschluss wäre möglich“, so Kirste. Zusammen mit dem Kreisvorsitzenden und AfD-Bundestagsmitglied Detlev Spangenberg habe er den Rentner am Donnerstag zur Rede gestellt. Dieser habe geäußert, seine Worte täten ihm leid. Er habe keinen Menschen diskreditieren wollen. 

Trotzdem bleibe es bei dem Disziplinarverfahren. Zusätzlich hat Kirste in einem Rundschreiben die Mitglieder des Kreisverbandes aufgefordert, einen ordentlichen und sachlichen Diskussionsstil zu pflegen und sich übertriebener Polemik zu enthalten.

Für die CDU-Spitzenkandidatin Daniela Kuge ändert das wenig an der durch die ruppigen Anwürfe entstandenen Unsicherheit. „Am Donnerstag hatte ich einen Wahlstand in Nossen. Thomas Kirste hat später auch aufgebaut. Aber es kam kein Wort von ihm, keine Geste“, so die Landtagsabgeordnete. AfD-Parlamentskollegen wie Carsten Hütter aus Riesa, Mario Beger aus Großenhain und René Hein aus Radebeul hätten sich dagegen bei ihr persönlich entschuldigt, obwohl sie für den Vorfall nicht verantwortlich seien.

Dieses Verhalten deutet bereits an, was sich in den letzten Tagen immer deutlicher herauskristallisiert hat: Im Meißner Kreisverband der AfD zeichnet sich ein deutlicher Riss ab. Einige Parteimitglieder, wie der Meißner Heiko Knorr oder Thomas Tallacker, geben Thomas Kirste eine Mitschuld an den verstörenden Ereignissen rund um das Wahlforum am Dienstag. 

„Ich möchte mich davon ganz ausdrücklich distanzieren. Die AfD steht nicht für ein solches Verhalten“, so Thomas Tallacker in einem Telefonat mit der Meißner SZ-Redaktion. Kirste erinnert den früheren Meißner Stadtrat an den Zauberlehrling aus der bekannten Ballade von Johann Wolfgang von Goethe. Auch dieser sei die Geister nicht mehr losgeworden, welche er gerufen habe. 

Ähnlich äußert sich Knorr. Er bedauert, dass einige AfD-Mitglieder offenbar nicht begriffen, wie sehr sie mit ihren Entgleisungen der eigenen Partei schadeten.

Geknickt durch die Stadt gelaufen

Direktkandidat Kirste weist die Vorwürfe zurück. Er habe Steffen Förster nicht ermutigt, Daniela Kuge mit unsachlichen Fragen anzugreifen. „Förster ist am Montag von ganz alleine auf mich zugekommen und hat angekündigt, Fragen stellen zu wollen“, so Kirste. Über die Inhalte hätte er mit dem Coswiger gar nicht gesprochen. 

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Ähnlich verhalte es sich mit dem Vorwurf, er sei mit „seiner Truppe“ nach dem Forum im Burgkeller pöbelnd durch die Stadt gezogen. „Völliger Unsinn. Wir waren völlig geknickt über diesen für uns nachteiligen Ausgang des Abends“, sagt der 44-Jährige.

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