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Pirna

AfD will Ernst Thälmann loswerden

Der Kommunist soll nicht länger Namensgeber der zentralen Straße sein. Der Gegenvorschlag lässt in Heidenau viele kalt.

Bleibt Ernst Thälmann Namensgeber der Straße oder kommt Woldemar Winkler: Der Heidenauer Stadtrat muss entscheiden.
Bleibt Ernst Thälmann Namensgeber der Straße oder kommt Woldemar Winkler: Der Heidenauer Stadtrat muss entscheiden. © Norbert Millauer

Woldemar wer? Winkler. Zwar ist der Name einer von sieben, die Wikipedia als Söhne und Töchter Heidenaus nennt, aber die meisten Einwohner können mit ihm nichts anfangen. Das aber soll sich nach Ansicht der AfD-Fraktion im Stadtrat ändern. Die nämlich will die Ernst-Thälmann-Straße in Woldemar-Winkler-Straße umbenennen.

Winkler ist 1902 in Mügeln geboren und hier aufgewachsen, ging erst nach Dresden und später nach Gütersloh, wo er 2004 im Alter von 102 Jahren starb. Im Dresden der Weimarer Republik traf er auf Künstler wie Otto Dix und Oskar Kokoschka. Winklers Arbeiten wurden von den Nationalsozialisten teilweise als „entartet“ zerstört. Außerdem wurde ihm unterstellt, Juden und Kommunisten zu unterstützen und zu verstecken. 1982 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1987 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Ein Angebot der DDR, nach Dresden zurückzukehren, lehnte er ab.

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Dem gegenüber steht Ernst Thälmann. In der DDR glorifizierter Kommunist, dessen Bild in der aktuellen Geschichtsschreibung kritischer gesehen wird. Die Heidenauer Ernst-Thälmann-Straße heißt seit 1945 so. Die Umbenennung erfolgte damals wohl auf Anordnung des Bürgermeisters, ist aus Unterlagen der Stadt ersichtlich. Zuvor war es 51 Jahre die Bismarckstraße gewesen.

„Keine anderen Sorgen?“

In der Wendezeit vor 30 Jahren, als vielerorts Thälmann, August Bebel, Karl Marx, Friedrich Engels und andere Kommunisten von den Straßenschildern verschwanden, hat sich Heidenau zurückgehalten. Man einigte sich damals lediglich darauf, bei neuen Namen auf die von Persönlichkeiten zu verzichten. So sind Thälmann, Bebel, Marx und Engels in Heidenau nach wie vor präsent. Für die AfD steht fest: „Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum eine der schönsten Straßen Heidenaus weiterhin den Namen einer historisch umstrittenen Persönlichkeit wie Ernst Thälmann tragen sollte.“

Zentrumsmanagerin Katrin Geißler hält sich auffällig zurück. Der Antrag sei vom Stadtrat zu behandeln, dessen Positionierung abzuwarten. Der Interessenverein Stadtzentrum hatte zum Thema Straßennamen 2017 eine kleine Umfrage durchgeführt. Damals sprachen sich sowohl die Gewerbetreibenden als auch die Kunden mehrheitlich gegen eine Umbenennung aus, sagt Katrin Geißler. „Ich gehe davon aus, dass sich am damaligen Meinungsbild nichts geändert hat.“ Aus Sicht von Verein und Managerin ist das Thema damit erledigt. Beide sehen es als ihre Aufgabe, die Straße weiter zu beleben, ihren Wandel zu gestalten. Ernst Thälmann sei dabei bisher kein Problem gewesen.

Dem Vorstand der Gütersloher Woldemar-Winkler-Stiftung ist nicht bekannt, dass es in Deutschland irgendwo eine Straße zu Ehren des Künstlers gibt. Man würde sich also freuen. Doch aufgrund der Größe der Stiftung und deren Möglichkeiten sei ein Engagement, insbesondere finanziell oder organisatorisch, nicht möglich. Man könne zwar in Gütersloh etwas Öffentlichkeitsarbeit machen, mehr habe man aber auch der AfD-Fraktion nicht zugesichert. „Sollte es zu einer Umbenennung kommen, wünschen wir der Stadt Heidenau, dass die damit verbundenen Erwartungen in Erfüllung gehen“, sagt der Stiftungsvorstand.

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Zufällig gefragte Heidenauer haben mit dem derzeitigen Namen kein Problem. Sie sind mit ihm aufgewachsen, sehen die Straße mit dem bisherigen Namen als bekannt. Ganz Junge können freilich immer weniger mit Thälmann anfangen, was bei Winkler sicher ähnlich wäre. Manchen ist es auch egal, ob nun Thälmann- oder Winklerstraße. Abgesehen davon, dass so eine Umbenennung immer auch für die Betroffenen allerlei Formalitäten und Kosten mit sich bringt. Wieder andere sagen, man könne ja, wenn es mal eine Straße zu benennen gibt, auf Winkler zurückgreifen. Ein älterer Mann winkt ab. „Hat Heidenau keine anderen Sorgen?“, sagt er.

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