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Ahnengalerie des Görlitzer OBs

Im Rathaus hängen die Ölgemälde von zehn Amtsvorgängern. Eine Fortsetzung der Galerie ist aber nicht geplant. Schade.

Von Sebastian Beutler

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Ein waches Auge haben seine Vorgänger auf Oberbürgermeister Siegfried Deinege und seine Stadträte. Und sei es nur von der Wand. Im kleinen Sitzungssaal des Görlitzer Rathauses vergeht Deinege aber nach eigenem Bekunden nicht wegen der zumeist streng gehaltenen Bilder der früheren OBs manchmal das Lachen. Es liegt vielmehr an den schwierigen Diskussionen, die das Stadtoberhaupt hin und wieder in diesem Raum erlebt. Aber er nimmt es gelassen: „Den Humor darf man nicht verlieren“.

Die Bildnisse von zehn Görlitzer Oberbürgermeister schmücken den wohl schönsten Raum des Rathauses, dessen Renaissancegestaltung durch den Kunstschreiner Hans Marquirt komplett erhalten blieb. Dabei stammt sie bereits aus den Jahren 1564 bis 1566. Vor allem ein hölzernes Portal, vor dem Deinege gewöhnlich die Sitzungen des Verwaltungsausschusses leitet, fällt ins Auge. Neben dem Portal stehen zwei Säulen. Dem langjährigen Görlitzer Museumsdirektor Ernst-Heinz Lemper zufolge trägt die eine eine balancierende Justitia. Bei der anderen Figur ist er sich nicht ganz sicher, ob es sich um die Glücksgöttin Fortuna oder die Personifizierung der günstigen Gelegenheit Occasio handelt. Beides aber dürfte beim Regieren einem Görlitzer OB nicht schaden.

Das dürfte auch Gottlob Ludwig Demiani so gesehen haben, der wohl berühmteste Görlitzer OB, der links von dem Portal hängt. Mit ihm beginnt die Reihe der gemalten Stadtoberhäupter, schließlich war er ja auch der erste OB der Stadt. Gemalt wurde das Bild 1856 von Theodor Thieme. Dabei kopierte er ein Demiani-Gemälde von Adolf Gottlob Zimmermann, der Demiani 1834 – also noch zu dessen Lebzeiten – porträtiert hatte. Thieme stammte aus Görlitz, berichtet die Kunsthistorikerin Ines Anders vom Görlitzer Museum, lebte ab 1855 in Dresden, verlor jedoch nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt. Vom Rat bekam er den Auftrag, sowohl Demiani als auch dessen Nachfolger Jochmann zu malen. Als einziger Künstler malte Gotthold Theodor Thieme auch noch einen dritten Görlitzer OB: 1895 fertigte er das Porträt des verstorbenen OBs Clemens Reichert an. Thieme gilt als einer der bedeutendsten Porträtisten in Dresden in der Zeit des Historismus. Das Görlitzer Museum verfügt über 16 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen und Grafiken. Es ist ein einzigartiger Schatz, denn viele Bilder von Thieme in Dresden sind in der Bombennacht des 13. Februars für immer zerstört worden.

Während die Oberbürgermeister Richtsteig, Gobbin und Büchtemann von eher anonymen, unbekannten oder unerforschten Künstlern gemalt wurden, sind Georg Snay und Georg Wiesner wiederum von einem bekannten und zugleich umstrittenen Görlitzer Künstler gemalt worden: Otto Engelhardt-Kyffhäuser. So beliebt er bei der Görlitzer Prominenz war, so sehr litt sein Ruf mit seiner Bilderserie über den „Großen Treck“, die die Umsiedlung von Deutschen aus Galizien in Gebiete zeigt, aus denen zuvor 120 000 Polen deportiert worden waren. Mit dem letzten Oberbürgermeister vor 1933, Wilhelm Duhmer, endet die Galerie der Görlitzer Rathauschefs. Bis 1950 hingen sie bereits im Kleinen Sitzungssaal, dann wurden sie ins Museum gebracht, viele von ihnen waren beschädigt und konnten erst in den letzten Jahren restauriert werden. Eine Fortsetzung fand diese Galerie weder in der DDR noch in den Jahren seit der politischen Wende. Der frühere Oberbürgermeister Joachim Paulick sprach sich auch dagegen aus und sah die Gemälde als Zeugen der Zeit. Im Grunde aber ist es schade. Selbst das Kanzleramt scheut keine Kosten und Mühe und lässt bis heute alle Kanzler Deutschlands von namhaften zeitgenössischen Malern porträtieren. Damit könnte die Stadt auch die Künste und Künstler fördern, wofür sonst wenig Geld vorhanden ist.