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Airbusse auf letzter Mission in Rothenburg

Auf dem Flugplatz soll ein Recyclingzentrum entstehen. Die Details werden jetzt geklärt.

Andreas Sperl, Geschäftsführer der Elbe Flugzeugwerke, unterschreibt die Absichtserklärung zur Gründung eines Recyclingzentrums für Flugzeugteile und -materialien auf dem Rothenburger Flugplatz. Im Beisein von Ministerpräsident Michael Kretschmer und Bürg
Andreas Sperl, Geschäftsführer der Elbe Flugzeugwerke, unterschreibt die Absichtserklärung zur Gründung eines Recyclingzentrums für Flugzeugteile und -materialien auf dem Rothenburger Flugplatz. Im Beisein von Ministerpräsident Michael Kretschmer und Bürg ©  André Schulze

Dieser Tag könnte ein bedeutender für die Zukunft des Flugplatzes in Rothenburg werden. Auch wenn es keinen pompösen Empfang, keine vollmundigen Versprechungen und nur eine magere Investitionsankündigung von 100 000 Euro für die infrastrukturelle Instandsetzung des Areals gibt. Die Interessenten, die hier aktiv werden wollen, backen kleinere Brötchen. Vorerst. Denn aus der Idee könnte irgendwann auch Großes werden. Und so zücken Flugplatz-Chef Thomas Rublack und Landrat Bernd Lange am gestrigen Dienstag den Stift und unterschreiben gemeinsam mit Andreas Sperl, dem Geschäftsführer der Elbe Flugzeugwerke (EFW) eine Absichtserklärung.

Die soll der Anfang sein für ein Zentrum zur Nachnutzung von Flugzeugkomponenten und zur Rückgewinnung von Wertstoffen. Im Klartext bedeutet das: Der Flugplatz Rothenburg wird nicht nur letzte Station für ausrangierte Flieger sein. Hier feiern die meisten Teile der todgeweihten Himmelsstürmer fröhliche Auferstehung.

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Den Anfang dieses ungewöhnlichen Entwicklungsweges machten Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und EFW-Chef Sperl vor etwa einem Jahr. Gemeinsam flogen sie nach Tolouse und fühlten beim damaligen Airbus-Vorstandsvorsitzenden Thomas Enders vor, welches Interesse der europäische Flugzeugbauer wohl an recycelten Teilen haben könnte. Offenbar war das Feedback so positiv, dass man den Weg mit Nachdruck weiterverfolgte. Sperl: „Mit dem Landkreis waren wir zu diesem Thema schon seit geraumer Zeit im Gespräch. Von Experten wissen wir, dass es einen Markt für wiederverwertete Bauteile und Materialien gibt. Das sind aktuell jährlich etwa fünf Milliarden US-Dollar. Bis 2025 soll das Volumen sogar auf acht Milliarden steigen. Da ist klar, dass wir von diesem Kuchen ein Stück abhaben wollen.“ Zumal bis zum Jahr 2026 weltweit rund 9 000 Flugzeuge stillgelegt würden. 4 000 davon in der sogenannten Single Aisle Klasse. Das sind Schmalrumpfflugzeuge mit nur einem Kabinengang. Bekannteste Fabrikate sind der Airbus A 320 und die Boeing 737. Deren Zerlegung und Wiederverwertung könnte künftig also auch auf dem Flugplatz in Rothenburg passieren.

Bis es soweit ist, werden allerdings noch ein paar Monate vergehen. Zuerst muss eine neue Gesellschaft gegründet werden. Bei der sollen nicht nur die Elbe Flugzeugwerke Anteile halten, sondern auch die beiden Partner Cronimet und MoreAero. Cronimet ist in der Luftfahrtbranche ein Recyclingspezialist, MoreAero hat mobile Verwertungslösungen parat. Projektleiter Kay-Uwe Hörl hofft, dass im Frühjahr 2020 der erste Flieger ausgeschlachtet werden kann. Nach bisherigen Erkenntnissen könnten 18 Mitarbeiter damit beschäftigt sein. 14 Tage soll die Verwertung eines Flugzeuges dauern – vom Landen über das Trockenlegen und Aufbocken bis zum Abbau der Teile. Wird immer nur ein Flieger bearbeitet, könnten es im Jahr rund 25 werden. Bei parallel laufenden Zyklen entsprechend mehr.

Michael Kretschmer ist zufrieden über die Methode „step by step“. Man müsse erstmal einen Anfang machen und schauen, was sich daraus entwickelt. „Hier entsteht etwas Greifbares. Das ist seriöser, als eine Fabrik mit 1 000 Mitarbeitern zu versprechen“, meint der Ministerpräsident mit einem Seitenhieb auf chinesische Investoren, die hier zuvor eine E-Auto-Fertigung errichten wollten.

Prof. Lothar Kroll von der TU Chemnitz, der auch am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik forscht, macht die Bedeutung der recycelten Flugzeugkomponenten und -materialien deutlich. „Der Bedarf an neuen Fliegern steigt immer mehr. Allein Airbus hat einen Bestellungsbestand von rund 7 000 Stück. Dafür müssen ständig die passenden Bauteile vorhanden sein.“ Für den Fachmann ist deshalb nicht nur das einfache Ausbauen und Wiederaufarbeiten Teil des künftigen Erfolgsrezepts. „Wir können auch nicht mehr gebrauchte Kunststoffe nutzen. Die Technologie ist vorhanden.“ Dabei würden diese Kunststoffe nicht wie bisher meist üblich verbrannt, sondern ein- und umgeschmolzen. Auch aus der Vergasung der Teile könne man neue Produkte gewinnen. Kroll ist überzeugt, dass dies eine Technologie der Zukunft ist, weil Ökonomie und Ökologie miteinander verbunden würden. Und: „Die Flugzeugbranche wird wahrscheinlich nur der Anfang sein. Auch in Gasturbinen und Windrädern gibt es viele recycelbare Teile, aus denen man kostengünstig Kohlefaserverbundwerkstoffe herstellen kann.“ Dies sehen offenbar auch international agierende Unternehmen so. Europas größter Koksproduzent – eine polnische Firma – hat sich bereits nach Möglichkeiten erkundigt, in das Projekt einzusteigen.

Bis der erste ausrangierte Flieger in Rothenburg landet und seinen vielen Einzelteilen die Chance auf ein zweites Leben gibt, lassen die Elbe Flugzeugwerke ein schon seit Jahren in der Neißestadt stehendes Kleinflugzeug zerlegen. „Das ist ein Pilotprojekt für unsere Lehrlingswerkstatt. Der Auftakt für das, was wir hier etablieren wollen“, so EFW-Chef Sperl.

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