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Akademiker-Kinder sorgen für Boom in Privatschulen

Vor allem im Osten hängt der Besuch einer Privatschule stark vom Bildungsstand und Einkommen der Eltern ab.

© dpa/Uwe Anspach

Von Gregor Becker

Wird die Qualität der Bildung immer mehr eine Frage des Einkommens? Nach nun veröffentlichte Zahlen des Deutschen Wirtschaftsinstituts (DIW) hängt der Besuch einer Privatschule immer stärker von Bildung und Einkommen der Eltern ab. „Es sind vermehrt bildungsstärkere Haushalte, die für ihre Kinder Privatschulen in Anspruch nehmen“, sagt Katharina Spieß, eine der Autorinnen der Studie und am DIW Leiterin der Forschungsabteilung Bildung und Familie. „Insbesondere in Ostdeutschland gewinnen die Einkommensunterschiede an Bedeutung.“

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Die Studie zeigt, dass vor allem Akademiker in den letzten Jahren für den Boom der privaten Grund-, Ober- und Förderschulen sowie Gymnasien im Osten gesorgt haben. Haben 1995 gerade mal drei Prozent aller Akademikereltern ihre Kinder auf Privatschulen geschickt, so war es zwanzig Jahre später fast jede vierte Familie. Zum Vergleich: Nur acht Prozent aller Eltern mit einer abgeschlossenen Ausbildung entscheiden sich, ihren Nachwuchs auf eine Privatschule zu schicken. 

Die Repräsentationslücke zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Haushalten ist im Westen nicht annähernd so groß wie in Ostdeutschland. Privatschüler im Osten stammen sehr viel häufiger aus Akademikerfamilien als im Westen. In den alten Bundesländern machen Akademikerkinder 20 Prozent aller Schüler bei freien Trägern aus, in den neuen Bundesländern sind es 35 Prozent.

Je mehr Verdienst, desto eher Privatschule

„Ich finde diesen Trend sehr bedenkenswert, weil er zunehmend dazu führen kann, dass wir Kinder in unterschiedlichen Lernumwelten beschulen“, sagt Katharina Spieß vom DIW. „Wenn immer mehr Privatschüler aus Akademikerhaushalten stammen, dann geht das gegen eine der Grundideen von Schule – nämlich Kinder aus unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen gemeinsam zu unterrichten.“

Auch das Einkommen der Eltern wird für den Besuch einer Privatschule immer wichtiger. Je mehr eine Familie verdient, desto häufiger wird eine freie Schule einer öffentlichen Schule vorgezogen – auch dieses Phänomen ist laut DIW-Studie im Osten ausgeprägter als im Westen. Allerdings ist die in der Studie verwendete Datenbasis sehr knapp für die daran geknüpften Aussagen über die Einkommen der Eltern, sagt Manja Bürger, Geschäftsführerin Deutscher Privatschulen in Sachsen-Thüringen. In Westdeutschland wurden 873 Haushalte mit Kindern an Privatschulen untersucht, im Osten 211 Haushalte.

Schulgebühren deckeln?

Schreibt man die Entwicklungen fort, würden Kinder aus einkommensstarken und bildungsnahen Haushalten in den kommenden Jahren einen immer größeren Anteil der Privatschüler ausmachen. Und das, obwohl das Grundgesetz vorschreibt, dass Privatschulen sich ihre Schüler nicht nach den „Besitzverhältnissen“ der Eltern aussuchen dürfen. Das Schulgeld muss von allen Eltern zu schultern sein. Zwischen 100 und 200 Euro zahlen Eltern in Sachsen im Durchschnitt pro Kind und Monat.

Um zu verhindern, dass auch in Zukunft vor allem Kinder von Akademikern an Privatschulen unterrichtet werden, schlagen die Autorinnen der Studie vor, die Schulgebühren an dem Einkommen der Eltern auszurichten. Auch eine Deckelung der Gebühren könnte dem Trend entgegenwirken. „Es geht aber auch darum, dass öffentliche Schulen für alle Gruppen, auch für bildungs- und einkommensstarke Haushalte, wieder attraktiv werden, damit wir nicht zunehmend getrennte Lernumwelten haben“, so Katharina Spieß.

In Sachsen besucht mittlerweile fast jedes zehnte Kind eine allgemeinbildende freie Schule, im Schuljahr 2017/18 waren es nach Angaben des Statistischen Landesamts insgesamt etwa 37 750 Jungen und Mädchen. Die Zahl der freien Grund-, Ober- und Förderschulen sowie Gymnasien in Sachsen steigt seit Jahren – im Schuljahr 2017/18 waren es 222, das sind 67 Schulen mehr als noch vor zehn Jahren. Auf einen privaten Schulplatz in einer allgemeinbildenden Schule kommen drei bis fünf Bewerber.

„Privatschulen haben einen Teil der staatlichen Schulschließungen kompensiert“, sagt Manja Bürger. Zwischen 1992 und 2015 sei die Zahl der Schulen in Ostdeutschland von mehr als 12 000 auf etwa 5 700 zurückgegangen, im Westen wurden nur etwa 18,5 Prozent der Schulen geschlossen. „Ein Teil der Privatschulen ist zu Versorgungsschulen geworden“, sagt Bürger. „Diese Schulen sind mit ihrer Schulart die einzigen Schulen am Ort.“