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Akkordarbeiter im Rennsattel

Hunderte Male pro Jahr riskiert Jockey Jozef Bojko sein Leben – häufig für eine Handvoll Euro.

Von Maik Schwert

Die Startboxen schnellen auf. Beresina mit Jozef Bojko im Sattel reiht sich beim ersten Galopprennen ihres Lebens hinten ein. Die Stute gehört eher zu den Außenseitern. Das Feld bleibt dicht beieinander. Der Kommentator erwähnt Beresina kaum – bis eingangs der Zielgerade. Plötzlich holt sie auf. Wie beflügelt rennt die Stute den höher eingeschätzten Favoriten davon. Die Besucher schreien. Sie gewinnt eines der beiden mit 6 000 Euro am besten dotierten Rennen in Dresden. Die Erfolgsprämie beträgt 3 300 Euro.

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„Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, in so einem bedeutenden Wettbewerb kurz vor dem Ziel auf dem besten Pferd zu sitzen“, sagt Bojko. Er gehört zu den Akkordarbeitern im Rennsattel. Der gebürtige Slowake, der seit gut 20 Jahren in Deutschland lebt, reitet innerhalb von weniger als vier Stunden in fünf von sechs Rennen – so oft wie kaum ein anderer Jockey. Immer am Vorabend schaut er sich im Internet kurz die vergangenen Ritte seiner Pferde an. Das muss genügen.

Eine Runde noch durch den Führring – dann reitet der 43-Jährige über die Bahn zu den Startboxen, um ein Gefühl für den Hengst, die Stute oder den Wallach zu bekommen. Pferde sind für ihn Arbeitsgeräte. Er wechselt sie wie Tennisspieler die Bälle und Schläger. Mehr als 500 Rennen absolviert Bojko pro Jahr und riskiert jedes Mal sein Leben. Der Sieg auf Beresina bleibt an diesem Tag sein einziger Triumph. Die Jockeys erhalten immer fünf Prozent der Gewinnsumme und 50 Euro Reitgeld. Das bekommt jeder Rennreiter pro Ritt.

Renntage funktionieren im 30-Minuten-Rhythmus. Da müssen alle Handgriffe sitzen: umziehen, wiegen, reiten. Vom Moment, in dem Bojko Beresina absattelt, bis zum Satteln des nächsten Pferdes vergeht keine Viertelstunde. Auch Erfolge wie der mit der Stute gehören zu seinem Alltag. Am 23. November 2013 überschritt er bei einer Veranstaltung in Krefeld die Marke von 1 000 Siegen – die Schallmauer für Jockeys. Triumphe sind die Währung in dieser Branche. Wer gewinnt, bekommt von den Trainern die besten Pferde, was wiederum die Erfolgsaussichten für die Rennreiter erhöht. „Prinzipiell funktioniert unser Geschäft sehr simpel“, sagt Bojko.

Heute arbeitet er wieder in seiner anderen Welt – als zweiter Stalljockey bei Trainer Andreas Wöhler in Gütersloh. Täglich ab 6.30 Uhr erledigt Bojko die Morgenarbeit mit fünf Galoppern. Nachmittags buhlt er bei anderen Trainern um Einsätze für die nächsten Renntage, beispielsweise am Sonnabend bereits wieder in Dresden. Früher, als es noch mehr Veranstaltungen mit jeweils mehr Leistungsüberprüfungen für Vollblüter gab, riefen Trainer die Jockeys an. Heute läuft es umgekehrt ab. Der Kampf um die weniger gewordenen Engagements fällt schwerer, einem Siegreiter wie Bojko aber immer noch leichter als den meisten seiner erfolgloseren Kollegen.