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Akute Atemnot nach Gipfelsturm

Touristen und Schweizer stöhnen unter dem Turbo-Franken. Aber einige freuen sich.

© Reuters

Von Jan Herbermann

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Die beiden Deutschen studieren die Speisekarte in einem Restaurant in Genf, starren sich an und schütteln den Kopf. „Das ist ja der Hammer“, stöhnt einer von ihnen. Für eine normale Pizza verlangt der Gastwirt 24 Franken. Umgerechnet sind das 24 Euro.

In Genf legen die Männer aus der Nähe von Frankfurt nur einen Zwischenstopp ein. Sie wollen nach Zermatt, zum Skifahren, eine Woche. „Da steht uns ja noch einiges bevor“, murmelt der andere. So wie den beiden Deutschen ergeht es seit dem 15. Januar vielen Tausenden Touristen aus dem Euroraum in der Schweiz. Mit einem Schlag verteuert sich der Urlaub in dem Wintersportland um einen zweistelligen Prozentsatz. Für alles müssen Deutsche, Franzosen oder Luxemburger tiefer in die Tasche greifen: Restaurant, Hotel, Bus, Skilift, Aprés-Ski.

Nicht nur die Gäste aus Europa klagen: Seitdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) Mitte Januar den Mindestkurs des Franken von 1,20 gegenüber dem Euro aufhob, ächzen auch etliche Eidgenossen unter ihrer starken Währung. Seit Tagen gilt praktisch Parität zwischen Franken und Euro. Konjunkturexperten fürchten einen Wachstumseinbruch von bis zu zwei Prozentpunkten für die erfolgsverwöhnte Schweizer Wirtschaft.

Tausende Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Es gilt: Je stärker der Franken, desto schlimmer wird es. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman, sonst ein nüchterner Mensch, sagt zu der SNB-Entscheidung: „Es war der erste Donnerschlag eines heftigen Gewitters mit ungewisser Dauer.“ Uhrenkönig Nick Hayek, Chef der Swatch-Group, sieht sogar einen „Tsunami“ über die Schweizer Wirtschaft hinwegfegen.

Besonders hart trifft es die Tourismusbranche. In Wintersportorten wie St. Moritz oder Crans Montana, aber auch in den Städten wie Zürich, Basel oder Lugano mussten die Reisenden aus Euro-Land schon vor der Entscheidung der Nationalbank viel tiefer in die Tasche greifen als in den meisten anderen Orten Europas. Jetzt aber wird’s noch happiger.

Kurzarbeit statt Entlassung

Tages-Skipässe gibt es in vielen Orten erst ab 60 Euro aufwärts, eine Übernachtung in einem simplen Hotel kostet 120 Euro. Es sind Preise, die nur abschrecken. Zwar macht der Tourismusverband noch keine Aussagen über Rückgänge bei den Buchungen. Aber in der Branche herrscht Entsetzen. „Mich hat die Nachricht von der Aufhebung des Euromindestkurses getroffen wie ein Schlag“, sagt der Chef des Nobelhotels Palace in Gstaad, Andrea Scherz. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen.“

Helvetiens Exportbranche hat nicht minder unter dem starken Franken zu leiden. Gehen doch knapp die Hälfte der Schweizer Exporte in Länder des Euroraums. Allein Deutschland bezieht fast 20 Prozent der eidgenössischen Ausfuhren: Von Chemie- und Pharmaerzeugnissen über Autoserienteile bis hin zu Präzisionsmaschinen, Käse und Schokolade. „Bereits der Kurs von 1,20 Franken zum Euro hat der Exportindustrie im europäischen Markt große Schwierigkeiten verursacht“, erklärt der Chef der Industriegruppe Adval Tech aus Niederwangen, René Rothen. Jetzt werde es noch enger.

Angesichts der Krise legen Lobbyisten drastische Konzepte auf den Tisch. Erörtert wird eine Aussetzung der Mehrwertsteuer für Tourismus und Gastronomie. Vertreter der Exportindustrie brachten Lohnkürzungen und die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ins Gespräch. Gewerkschaften und Unternehmen forderten staatliche Unterstützung für den Fall von Kurzarbeit – auch, um die Abwanderung von Firmen ins Euroland zu verhindern. Dem gab die Regierung rasch statt. Am Dienstag wies sie die Arbeitslosenversicherung an, allen Betroffenen von Kurzarbeit, die durch den Frankenschock begründbar ist, einen Ausgleich zum bisherigen Lohn zu zahlen. Derzeit beträgt die Arbeitslosenquote in der Schweiz lediglich 3,4 Prozent.

Der Brauereibesitzer und Abgeordnete der Christlichdemokratischen Volkspartei, Alois Gmür, kontert: „Für mich ist das unverantwortliche Panikmache.“ Nicht alle helvetischen Unternehmen liebäugeln mit Rauswürfen. Einige Firmen, die vom billigen Euro profitieren, wie die Discounter Migros und Coop, geben den Vorteil an Kunden weiter. Es gibt auch Gewinner des starken Franken: So strömen Schweizer in die grenznahen Städte Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Österreichs. Die Eidgenossen mit der starken Währung kaufen, was das Zeug hält. (mit dpa)

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