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Al-Qaida geht in die Offensive

Hunderte Terroristen brachen jüngst aus Gefängnissen aus. Sie drohen mit Anschlägen. Die USA lösen Terroralarm aus.

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Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent in Kairo

Noch nie zuvor haben die Vereinigten Staaten eine so spektakuläre Terrorwarnung für weite Teile der islamischen Welt erlassen. 22 Botschaften und Konsulate blieben am Sonntag und teilweise auch die nächsten Tage geschlossen – quer durch Nordafrika, den gesamten Nahen Osten bis hinunter an die Südspitze der Arabischen Halbinsel sowie in Afghanistan und Pakistan.

Alle anderen westlichen Nationen jedoch schlossen sich dem amerikanischen Vorgehen bisher nicht an. Einzig in Jemens Hauptstadt Sanaa, aus der offenbar die konkreten Hinweise zu geplanten Anschlägen auf „amerikanische und westliche“ Ziele kommen, blieben auch die deutsche, französische und britische Mission verriegelt. In den Straßen des Botschaftsviertels fuhren zusätzliche Schützenpanzer der „Zentralen Sicherheitskräfte“, auf, die seit Jahren von amerikanischen und britischen Ausbildern im Anti-Terrorkampf trainiert werden.

Doch nicht nur im Dauerkrisenland Jemen, auch in vielen anderen Nationen des Nahen und Mittleren Ostens haben sich al-Qaida-Zellen längst etabliert. Im Juli erließ Interpol eine weltweite Anschlagswarnung, nachdem die Gotteskrieger an mehreren Gefängnisausbrüchen beteiligt gewesen waren, die spektakulärsten im Irak, Pakistan und Libyen. Es seien „Hunderte Terroristen und gewöhnliche Kriminelle“ aus der Haft befreit worden, schrieb die internationale Polizeibehörde und erinnerte daran, dass sich am Mittwoch die verheerenden Synchronangriffe auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania zum 15. Mal jähren. Damals wurden 223 Menschen getötet und über 4 000 verwundet – das erste globale Doppelattentat von al-Qaida.

Inzwischen operieren ihre Kommandos überall mit professioneller Kaltschnäuzigkeit. Vor zwei Wochen sprengten Angreifer nahe Bagdad mit simultan gezündeten Selbstmordbomben die Gefängnistore auf und befreiten über 500 ihrer Gesinnungsgenossen. „Es warten schwarze Tage auf den Irak – einige der Geflohenen waren zum Tode verurteilte al-Qaida-Führungskader“, kommentierte ein hoher Sicherheitsbeamter. Dabei erlebt der Irak schon jetzt die schlimmste Welle der Gewalt seit fünf Jahren. Mit 1 050 Toten war der Juli der blutigste Monat seit Ende des Bürgerkriegs 2006/2007.

In Tunesien führt die Armee erstmals eine regelrechte Großoffensive gegen al-Qaida, die sich in der Bergregion Chaambi nahe der Grenze zu Algerien verschanzt hat. Seit Tagen sind Hubschrauber und Infanterie im Einsatz. Gotteskrieger hatten eine Armeepatrouille in einen Hinterhalt gelockt, acht jungen Soldaten die Kehlen durchgeschnitten und ihre Leichen grausam verstümmelt.

Im Fokus der amerikanischen Terrorwarner aber steht nach wie vor der Jemen. Die befürchteten Angriffe würden möglicherweise „auf der Arabischen Halbinsel stattfinden oder dort ihren Ausgang nehmen“, heißt es in der US-Mitteilung. „Al-Qaida der Arabischen Halbinsel“ gehört aus der Sicht Washingtons zu den gefährlichsten Filialen des Terrornetzwerks. Hier sitzen die Drahtzieher des Unterhosenbombers von 2009 und der Paketbomben für Frachtflugzeuge von 2010.

Im vergangenen Jahr gab es im Jemen bereits ähnlich viele US-Drohnenangriffe wie in Pakistan. 2013 sieht das Bild ähnlich aus – 18 Einsätze in Pakistan, 15 im Jemen. Kürzlich gelang es den US-Schützen, mit dem saudischen Ex-Guantanamo-Häftling Saeed al-Shihri die Nummer zwei von al-Qaida im Jemen zu töten. Ibrahim Hassan al-Asiri jedoch, der Hosenbombe und Paketbomben bastelte, ist wie vom Erdboden verschluckt. Nach Angaben von Überläufern gibt er in seinem Versteck Sprengstoffkurse für Nachahmer und geht weiter seinem mörderischen Handwerk nach.