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Alis Schmerzgrenze

Fünf Jahre lang hat ein Geflüchteter aus Pakistan in Dresden versucht, alles richtig zu machen: Deutschkurs, Job, Ausbildung. Doch jetzt ist er ohne Kraft und Hoffnung.

Ali fühlt sich gescheitert. Dabei hat er oft Kraft bewiesen. Das Leben in Pakistan erschien im hoffnungslos, jetzt sieht er auch hier keine Perspektive.
Ali fühlt sich gescheitert. Dabei hat er oft Kraft bewiesen. Das Leben in Pakistan erschien im hoffnungslos, jetzt sieht er auch hier keine Perspektive. © René Meinig

Dresden. Es ist wie ein Sog. Die halbe Welt scheint in Aufruhr. Als die Aufbruchsstimmung auch Ali in Parachinar direkt an der Grenze zu Afghanistan erreicht, überlegt er nicht lange. Was soll er noch in Pakistan, wo man sich einen Job "kaufen" muss, wie er später erzählt. Sein Land gilt als eines der korruptesten der Welt. In Europa neu zu beginnen, wie so viele, die sich in jenem Jahr 2015 auf den Weg machen, das will er auch. Ausbildung, Beruf, einen festen Job. Leben in einem Land, in dem er sich auf Gesetze und Gesellschaft verlassen kann.

Ein letztes Mal reist er nach Afghanistan. Dort hatte er als Verkäufer im Supermarkt eines Natos-Stützpunktes gearbeitet, bis der 2014 geschlossen wurde und Ali ohne Verdienst blieb. Ein Schreiben des früheren Arbeitgebers bewahrt der 36-Jährige in seinem dicken Ordner voller Zeugnisse, Verträge und Behördenbriefe auf. "Wer für die Nato arbeitet, ist bei uns schlecht angesehen", erzählt er. Aber welche Wahl hat ein Mann mit Frau und vier Kindern und ohne Mittel, um Firmenbosse auf der Suche nach einer Anstellung zu bestechen.

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Von Afghanistan fährt Ali weiter durch den Iran, die Türkei, Griechenland bis nach Italien. Dort schickt man ihn nach Chemnitz in ein Flüchtlingsheim und schließlich nach Dresden. Es läuft gut für Ali. Im Heim lernt er seine ersten Brocken Deutsch, den Deutschkurs an der Euroschule schließt er mit Level B1 ab. Seine gesprochene Sprache wirkt heute um Längen besser. 

"Ich habe das Gefühl, dass man mich nicht will"

"Ali ist dünn geworden", sagt eine Freundin von ihm. Sie kennt ihn seit Jahren. Auch sein Mitbewohner sorgt sich. Die beiden Männer leben in einer Wohngemeinschaft. Vier Geflüchtete, zwei Zimmer, die Miete zahlt das Amt. Der Freund ist Künstler, Ali packte in der Produktion eines Motorenherstellers an. Beider unterschiedliches Naturell stört sich nicht an der räumlichen Enge. Doch seit Ali sich von allem zurückgezogen hat, was zuletzt seinen Alltag füllte, sind die Menschen, die ihn mögen ratlos. Von sich selbst sagt Ali: "Ich bin hilflos und ohne Plan."

Aus seinem Ordner voller Papiere zieht er den jüngsten Brief hervor, den Bescheid über die Bewilligung der Grundsicherung: 360 Euro im Monat. Nur direkt nach seiner Ankunft in Deutschland hat Ali gänzlich von staatlichen Leistungen gelebt. Zwischen all den papiernen Belegen seines Weges in ein besseres Leben findet sich auch das Arbeitszeugnis der Wittur Electric Drives GmbH in Dresden, Hersteller von Modulen für den Aufzugsbau. Geschäftsführer und Produktionsleiter bescheinigen Ali "größte Umsicht" und "hohes Verantwortungsbewusstsein". Er habe "äußerst belastbar" und "sehr gewissenhaft" gearbeitet.

Jetzt sitzt der Mann mit schriftlich attestierter "größter Beliebtheit" in seinem WG-Zimmer und sagt leise: "Ich habe das Gefühl, das man mich nicht will." Das Wittur-Zeugnis ist der bedauernde Abschied der Firma von ihrem "in jeder Hinsicht ausgezeichneten Mitarbeiter". Der hatte neue Pläne und deshalb um Aufhebung seines Arbeitsvertrages gebeten. So verlässt Ali mit allen guten Wünschen für die Zukunft das Unternehmen zum 31. August 2018. 

"Ich komme zwar aus einem rückschrittlichen Land, aber ich bin modern im Kopf und lerne viel", sagt Ali, der 2015 aus Pakistan nach Deutschland kam.
"Ich komme zwar aus einem rückschrittlichen Land, aber ich bin modern im Kopf und lerne viel", sagt Ali, der 2015 aus Pakistan nach Deutschland kam. © René Meinig

Ali ist in Deutschland nur geduldet und muss ständig damit rechnen, das Land verlassen zu müssen. Jedes halbe Jahr bittet er die Dresdner Ausländerbehörde um Verlängerung seiner Duldung. Gibt es aus Sicht der Entscheider keinen ausreichenden Grund zu bleiben, droht die Abschiebung. "Mein Anwalt hatte mir geraten, eine Ausbildung aufzunehmen. Das war sowieso mein Wunsch, doch meine damalige Firma hatte zu der Zeit keinen Ausbildungsplatz." Deshalb bewarb sich Ali anderweitig und fand die Stelle, die er suchte - als angehender Industrie-Elektriker eines Maschinenbauunternehmens am Standort Pulsnitz.

Zwei Jahre nach Ausbildungsbeginn fühlt sich Ali gescheitert. Auf seinem Zeugnis des ersten Ausbildungsjahres steht ein "Sehr gut" im Fach Deutsch, "ein Gut" in Wirtschaftskunde. Kein Fehltag. Schwer fällt ihm die Theorie der Elektro- und Informationstechnik. "Der Unterricht war für mich harte Übersetzungsarbeit", erzählt Ali. Sein Mitbewohner findet den Freund Nachmittage lang auf dem Boden des gemeinsamen Zimmers sitzend, umringt von Heftern und Lehrbüchern. Wenn andere Freizeit haben, versucht Ali, den Anschluss in der Berufsschule nicht zu verlieren.

Irgendwann kommt alles zusammen: die Herausforderungen der theoretischen Ausbildung und die Schwierigkeiten auf Arbeit. Ali fühlt sich von seinem Mitarbeiter schlecht behandelt. "Er hat sehr unordentlich mit mir geredet. Er hat mich immer so laut angeschrien und schlechte Wörter benutzt", erzählt er. Man habe über ihn gelacht. Nicht alle Kollegen hätten sich so verhalten. Viele seien sehr nett gewesen.

Sechs Monate Zeit für Neustart

Im Mai dieses Jahres kündigt Ali seinen Ausbildungsvertrag. Die Geschäftsleitung legt ihm ans Herz, doch wenigstens die reduzierte zweijährige Lehre abzuschließen. Der Facharbeiter ließe sich später aufsatteln. Da fühlt sich Ali schon völlig entkräftet. Verletzt, traurig und ernüchtert bleibt er in seinem Zimmer sitzen. 

Nach Auskunft seines früheren Lehrbetriebes sind im Unternehmen gerade 16 junge Leute in Ausbildung. Auch mit Auszubildenden, die aus ihren Herkunftsländern geflüchtet sind, habe man Erfahrung. Differenzen mit Kollegen seien nicht grundsätzlich auszuschließen. Doch es gebe große Bemühungen gerade um diese Azubis.

"Der häufigste Grund für den Abbruch der Ausbildung nach meinen Beobachtungen sind die hohen Anforderungen an die Auszubildenden, die für die Geflüchteten aufgrund der Sprache schwer zu bewältigen sind", sagt Markus Degenkolb, Geschäftsführer im Ausländerrat Dresden e.V.

Ali hätte mehr Unterstützung gebraucht, kontinuierliche Nachhilfe und einen verlässlichen Begleiter an seiner Seite. Er habe alles versucht, und nun liege Mutlosigkeit wie Blei auf ihm, sagt er. Für den 3. November ist er in die Ausländerbehörde eingeladen. "Aufenthaltsrecht Ablauf Duldung" steht gefettet über dem Schreiben. Nach Abbruch der Ausbildung gewährt die Behörde sechs Monate lang Zeit, um einen neuen Ausbildungsplatz zu finden. Das teilt das Presseamt auf Anfrage der SZ mit. So lange werde die Abschiebung ausgesetzt. Eine Arbeitsgenehmigung erhält Ali jedoch nicht - obwohl er bereits in Arbeitsverhältnissen war. 

Behördlicher Bremsvorgang

Dafür sei eine gesetzlich vorgesehene Identitätsprüfung nötig. Ali müsse deshalb einen  pakistanischen Pass vorlegen, erfährt er auf der Behörde. Den hat Ali, unabhängig von seiner gescheiterten Ausbildung bereits Anfang des Jahres beantragt. Im Februar bestätigte die Pakistanische Botschaft Alis Identität und seinen Antrag auf Ausstellung eines Passes schriftlich. Mehr ist seither nicht passiert.

"Das angesprochene Verfahren ist in der Regel erforderlich, wenn Personen ohne erforderlichen Pass oder Passersatz in die Bundesrepublik einreisen", informiert die Ausländerbehörde auf Anfrage der SZ. Dass von offizieller Seite für die Feststellung einer Identität nur Pässe anerkannt werden, bestätigt die Behörde nicht. Ali ist mit seinem pakistanischen Personalausweis eingereist. Die Ausländerbehörde hat ihn einbehalten. Auch das ist schriftlich belegt. Personalausweise gelten als Passersatz. 

Ali versteht die Welt nicht. "Die Behörden müssen doch Gut von Böse unterscheiden", sagt er und schüttelt den Kopf. Er möchte einen Job suchen, vielleicht Kraft für den Rest der Ausbildung tanken. "Aber ich bin ein Mensch und habe eine Schmerzgrenze", sagt er. 

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So viele Grenzen hat er schon passiert. Fünf Jahre getrennt von seiner Familie, seiner Heimat und Kultur, Fluchterfahrungen im Gepäck - Alis Schmerzgrenze hätte nach wochenlanger Reise, in einem Schlauchboot oder im Flüchtlingsheim erreicht sein können. Doch sie steht ihm im Weg nach Sprach- und Integrationskurs nach erfolgreicher Festanstellung und der Aussicht auf einen anerkannten Beruf.

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