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Görlitz

„Alle Kraft auf Görlitz konzentrieren“

Was bringt der Strukturwandel? Der Berliner Forscher Harald Simons lobt die Attraktivität der Stadt und ermuntert die Politik, sie stärker zu fördern.

"Grenzenlose Perspektiven“ nimmt Görlitz für sich in Anspruch. Und erntet damit mehr und mehr Unterstützung. Hier war es der Direktor des Senckenberg-Museums Frankfurt/Main, Volker Mosbrugger, bei einer Veranstaltung im Görlitzer Tierpark.
"Grenzenlose Perspektiven“ nimmt Görlitz für sich in Anspruch. Und erntet damit mehr und mehr Unterstützung. Hier war es der Direktor des Senckenberg-Museums Frankfurt/Main, Volker Mosbrugger, bei einer Veranstaltung im Görlitzer Tierpark. © Pawel Sosnowski

Görlitz arbeitet sich vor, hieß es in der vergangenen Woche in der SZ. Bei einem Landkreis-Ranking schnitt der Landkreis Görlitz 40 Plätze besser ab als noch vor knapp zehn Jahren und verließ die Schlusszone der Landkreise und kreisfreien Städte, die deutschlandweit die schlechtesten Zukunftsaussichten haben. Aber ist das nun die Trendumkehr? Zugleich wird dem Kreis prognostiziert, bis 2035 jeden fünften Einwohner zu verlieren. Wir sprachen mit Professor Harald Simons vom Empirica-Forschungsinstitut in Berlin. Von ihm stammte vor drei Jahren die Studie über die Entwicklung von Groß- und Mittelstädten in Sachsen, und er kreierte die Begriffe „Schwarmstädte“ für Großstädte, die viele junge Familien anziehen, und Ankerstädte, die in schrumpfenden Regionen der Landschaft Halt geben. Seitdem ist er einer der gefragtesten Gesprächspartner für den Strukturwandel.

Herr Professor Simons, in aktuellen Studien über die Zukunftsfähigkeit von Landkreisen arbeitet sich der Kreis Görlitz vor und verbessert sich bei dem deutschlandweiten Ranking um 40 Plätze. Ist das schon eine Trendwende in der Entwicklung der Region, die Sie selbst auch erforscht und eher als abgehängt beschrieben haben?

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An den Grundaussagen meiner Studien von vor drei Jahren hat sich nichts geändert: Es bleibt für die Region im Ganzen schwierig, aber wir haben mit Görlitz und Bautzen zwei Städte, auf die alle Kräfte konzentriert werden müssen, um sie zu Ankern für die gesamte Region zu entwickeln.

Was haben diese beiden Städte, was Hoyerswerda, Zittau oder Weißwasser nicht haben?

Sie liegen gut, sie sind gut erreichbar, sie haben funktionierende, schöne, attraktive Innenstädte. All das sind Grundvoraussetzungen dafür, dass die Jüngeren nicht scharenweise nach Dresden und Leipzig weggehen. Da sieht es nördlich von den beiden Städten ganz anders aus, teilweise katastrophal, wenn man sich Orte wie Weißkeißel anschaut. Bautzen und Görlitz aber haben das Zeug, um zu den Entwicklungskernen der Region zu werden.

Die Kohlekommission hat mit Blick auf Görlitz die Ansiedlung von Forschungsinstituten, beispielsweise von Helmholtz, empfohlen, auch die ICE-Verbindung von Berlin über Weißwasser/Görlitz nach Breslau, die Elektrifizierung der Bahnstrecke Görlitz-Dresden, den Ausbau der Autobahnen von und nach Berlin und Dresden, die Stärkung der Hochschule Zittau/Görlitz. Sind das richtige Schritte aus Ihrer Sicht?

Ich habe mich sehr gefreut, dass im Zuge des Strukturwandels wegen des Kohleausstiegs viel über Görlitz geredet wird. Ich finde, da geht die sächsische Politik den richtigen Weg. Sie ist unbedingt darin zu unterstützen, alle Kräfte in der Oberlausitz auf Görlitz und Bautzen zu bündeln. Deswegen sind die vorgeschlagenen Initiativen auch wunderbar. Ein Helmholtz-Institut nach Görlitz macht Sinn, eine ICE-Verbindung nach Görlitz wird mehr bringen als nach Hoyerswerda. Ich bin völlig einverstanden, den Fokus auf Görlitz auszurichten. Ich würde mir noch wünschen, etwas mehr Bautzen in den Blick zu nehmen. Aber es wird schwer werden, das politisch durchzuhalten.

Warum?

Die Konzentration von Geldern in den Ankerstädten Görlitz und Bautzen hat zwei Konsequenzen. Sie soll einerseits zulasten von Schwarmstädten wie Dresden, Leipzig und Berlin gehen, die allein klarkommen. Da stimmen alle zu. Die zweite ist heikler und eben auch politisch schwieriger durchzusetzen. Görlitz und Bautzen werden dadurch im Vergleich zu Städten und Dörfern in ihrem Umfeld gestärkt. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Von meinen Untersuchungen ist meist hängengeblieben, dass ich die Lausitz wegen der hohen Abwanderung nach 1990 als problematische Region eingeschätzt habe. Aber es ist meist dabei übersehen worden, dass ich in den schrumpfenden Regionen Ankerstädte wie Görlitz und Bautzen sehe, die alle Voraussetzungen haben, sich gut entwickeln zu können. Wenn jetzt die Politik das jetzt erkennt und darauf hinarbeitet, dann ist das richtig.

In Städten wie Zittau, die sich gerade als Europäische Kulturhauptstadt bewirbt, sehen sie dieses Potenzial nicht?

Nein. Dazu ist die Lage der Stadt Zittau zu schlecht. Auch Zittau hat eine historische und in weiten Teilen funktionierende Innenstadt, aber sie wird nicht an die Rolle von Görlitz heranreichen können.

Wird es denn dadurch gelingen, dass die Einwohnerzahl von Görlitz wieder wächst durch Zuzug und Geburten, also eine Trendumkehr?

Zunächst haben die vergangenen Jahre bereits gezeigt, dass Görlitz ganz gut funktioniert. Andere Städte wie Plauen haben sich noch besser entwickelt, aber die Görlitzer Vorteile einer attraktiven Stadt ziehen Menschen an. Ob der Wanderungssaldo wirklich auf Dauer positiv gestaltet werden kann, ist nicht sicher. Es bleibt eine enorme Herausforderung, Zuzug zu erwirken. Allein durch Arbeitsplätze ist das nicht möglich. Die gibt es überall in Deutschland, junge Leute können sich aussuchen, wo sie in den Beruf starten wollen. Und sie nehmen dafür auch das Pendeln vom Wohn- zum Arbeitsort in Kauf. Durch die ICE-Verbindung in Montabaur haben sich neue Unternehmen in der Stadt angesiedelt. Die neuen Mitarbeiter wohnen aber häufig in Köln, Koblenz oder Frankfurt/Main.

Harald Simons hat sich mit der Entwicklung der Lausitz tiefgründig beschäftigt.
Harald Simons hat sich mit der Entwicklung der Lausitz tiefgründig beschäftigt. © Empirica

Görlitz hat in den vergangenen Jahren vom Zuzug polnischer EU-Bürger so stark profitiert wie beispielsweise Frankfurt/Oder. Sehen Sie darin auch eine Chance?

Auf jeden Fall. Es sind meist Jüngere, die zuziehen, mit Kindern, gut ausgebildet. Dank diesem Zuzug können Schulen offen gehalten werden. Die neuen Mitbürger zahlen Steuern, in ein paar Jahren, wenn vor allem ihre sprachliche Integration Fortschritte gemacht hat, wird man das bestimmt positiv bemerken.

Trotzdem bleibt das große Problem des demografischen Echos aus Abwanderung und Geburtenknick in den 1990er Jahren, das dazu führt, dass in der Oberlausitz der Anteil der Hochbetagten über 74-Jährigen höher und der unter 35-Jährigen niedriger liegt als in den beliebten Schwarmstädten oder Wachstumsregionen. Ist das ein Unglück?

Grundsätzlich ist es kein Unglück. Schon gar nicht für die Älteren, die länger leben. Wir sollten uns alle darüber freuen, eine höhere Lebenserwartung zu haben. Und Längerleben bedeutet ja nicht, dass sich nur die Pflegezeit am Ende des Lebens verlängert, sondern alle Lebensphasen. Wir werden also mehr aktive 70- und 75-Jährige haben. Andererseits aber bleibt diese Entwicklung für die Region schwierig, weil sich unter 30-Jährige nicht unbedingt von über 70-Jährigen angezogen fühlen. Grundsätzlich wird an dieser demografischen Entwicklung nichts zu ändern sein. So viel Zuwanderung ist gar nicht möglich und politisch nicht zu steuern. Deswegen werden sich die Städte in der Lausitz auch dieser Entwicklung anpassen, das Angebot in den Geschäften, die abgesenkten Bordsteinkanten. Aber das ist in ganz Deutschland so, ausgenommen die 30 Schwarmstädte. Und dort erleben wir nun teilweise, dass sich beispielsweise in Berlin und München Ältere von den Partymeilen der Jüngeren abgestoßen fühlen und mehr Ruhe in mittleren Städten suchen.

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