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Riesa

Lernen am Computer ist keine Dauerlösung

Die Schulen im Landkreis Meißen organisieren den Unterricht per Internet. Die Erfahrungen sind unterschiedlich. Was wird aus Leistungskontrollen?

Arbeiten für die Schule am Laptop. Das ist durch Corona zurzeit Normalität.
Arbeiten für die Schule am Laptop. Das ist durch Corona zurzeit Normalität. © Symbolfoto: Ulrich Perrey/dpa

Landkreis. Eltern, die gelegentlich die pädagogischen Fähigkeiten von Lehrern anzweifelten, sind spätestens jetzt froh, dass es sie gibt. Die Corona-Krise hat viele Väter und Mütter von schulpflichtigen Kindern demütig gemacht. Denn sie übernehmen zurzeit die Arbeit der Lehrer. Doch ganz ohne sie geht es nicht.

Denn die Lehrer arbeiten weiter die Unterrichtspläne aus und geben die Übungsaufgaben per Internet an die Schüler bzw. Eltern weiter. Im Freistaat Sachsen geschieht das durch die staatliche Internetplattform Lernsax, die das Landesamt für Schule und Bildung in Radebeul herausgegeben hat. Ein paar Schulen, vor allem Gymnasien, arbeiten bereits seit ein paar Jahren damit. Für die meisten Schulen war es aber der berühmte Sprung ins kalte Wasser. 

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Oberschule Gröditz: Arbeiten schreiben geht jetzt nicht

Nicht ganz unvorbereitet ist die Oberschule "Siegfried Richter" in Gröditz gewesen. "Wir hatten die Einführung von Lernsax ohnehin im April geplant", sagt Schulleiterin Silke Arlt. "Ich bin überrascht, wie schnell Kollegen und Schüler damit zurechtgekommen sind." Von den rund 350 Oberschülern hätten zwar noch nicht alle einen Lernsax-Zugang. Momentan zeichne sich ab, dass die höheren Klassen deutlich aktiver sind. Priorität hätten sowieso die Abschlussklassen, denn im Mai beginnen die schriftlichen Prüfungen.

Die Kontrolle, dass die Schüler sich am Internet-Lernen beteiligen, liege in der Verantwortung der Fachlehrer, sagt Silke Arlt. "Aber Arbeiten schreiben geht jetzt nicht." Denn die Lehrer könnten nicht nachvollziehen, ob die Leistung selbst erbracht wurde oder mithilfe von Eltern oder Klassenkameraden. 

Ein großen Respekt zollt sie dem Medienpädagogischen Zentrum (MPZ) in Meißen. Dessen Mitarbeiter hätten am Wochenende Sonderschichten geschoben. Denn in der vergangenen Woche funktionierte Lernsax noch nicht hundertprozentig und stürzte mehrmals ab. Das berichten auch andere Schulen. Denn bis Anfang letzter Woche benutzten rund 20.000 Lehrer und Schüler in Sachsen diese Plattform. Mit einem Mal waren es plötzlich 600.000 Nutzer. Deshalb hatten die MPZ-Mitarbeiter die Surferleistung erhöht. "Hut ab, was sie geleistet haben!", sagt die Gröditzer Schulleiterin.

Heisenberg-Gymnasium Riesa: Lernsax ist ein Segen

Auch das Werner-Heisenberg-Gymnasium setzt auf die Plattform Lernsax. Allerdings nicht erst seit Corona, sondern seit ein paar Jahren. Es hat sich hier etabliert und gehört mittlerweile zum Schulalltag. Alle Schüler haben eine Lernsax-Adresse, bestätigt Schulleiterin Sylvia Mebus. Für die hiesigen Gymnasiasten sei es nichts Neues, Lernmaterialen hochzuladen. Zudem können Schüler und Eltern per E-Mail mit den Lehrern in Kontakt treten. "Lernsax ist ein Segen", sagt die Professorin. 

Aber auch hier wird erst einmal auf Kontrollen und Arbeiten verzichtet. "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen", sagt sie. "Es geht nicht alles digital." Sie hofft, dass am 20. April der Unterricht normal weitergeht. Wieder ganz real im Klassenzimmer. An Spekulationen, was geschieht, wenn die Schulpflicht länger ausgesetzt wird, beteiligt sie sich nicht. "Panik machen bringt nichts", so Sylvia Mebus. "Jetzt heißt es kühlen Kopf bewahren und die Aufgaben verteilen."  

Stempel-Gymnasium Riesa: Eltern sind am Limit

Nachdem vor zwei Wochen am christlichen Gymnasium in Riesa der erste Corona-Fall in einer sächsischen Schule bekannt wurde, ist hier mittlerweile Ruhe eingezogen. Auch hier sind nur das Schulleiterzimmer und das Sekretariat besetzt. Alle Lehrer arbeiten von zu Hause aus und verteilen per Internet Aufgaben an ihre Schüler. Hier wurde zu beginn es Schuljahres Lernsax eingeführt und zusätzlich mit der kostenlosen Chat-Plattform Discord gearbeitet. "Wir haben viele interessierte Kollegen, die mit dem Internet aufgewachsen sind", sagt Schulleiterin Stephanie Langer. Sie hätten den älteren Kollegen ein Crashkurs gegeben. Immerhin reicht die Altersspanne von Mitte 20 bis 75. 

"Die älteren Schüler sind selbstständiges Lernen gewohnt, aber für die Fünft- und Sechstklässler ist das digitale Lernen eine Herausforderung", sagt sie. Und auch deren Eltern seien am Limit. Mehrere Kollegen hätten ihre private Telefonnummer herausgegeben, um auf Nachfragen der Schüler und Eltern reagieren zu können.   

Pestalozzi-Oberschule Meißen: Lehrer helfen sich

Erstens kommt es anders. Und zweitens als man denkt. So ist es dem Leiter der Meißner Pestalozzi-Oberschule André Pohlenz dieses Schuljahr ergangen. Im vergangenen Sommer hatte er noch überlegt und mit den Kollegen beraten, ob Schüler und Lehrer verstärkt die Online-Plattform Lernsax des Freistaates nutzen sollten. Doch dann hätte sich das Lehrerkollegium letztlich entschieden, den Einstieg aus Zeitgründen noch einmal hinauszuschieben.

Deshalb fiel die Wahl der Mittel für den jetzt angelaufenen Online-Unterricht auch nicht schwer. "Die Fachlehrer übergeben ihre Aufgaben an die Klassenlehrer und diese verteilen alles per Mail", sagt der junge Schulchef. Dieses System funktioniere sehr gut. Die Kollegen griffen sich gegenseitig helfend unter die Arme. Gibt es in einem Haushalt keinen Drucker, werden die Aufgaben zur Not in den Briefkasten gesteckt oder von Klassenkameraden kopiert.

Die Kontrolle erfolgt Pohlenz zufolge ganz individuell. Einige Lehrer setzten Fristen, andere fragten telefonisch nach. Mittlerweile entstehen erste Online-Tutorials, um Abwechslung in der Präsentation des Stoffs zu schaffen. Mit Simpleclub befindet sich eine zusätzliche Lernplattform im Test.

Franziskaneum Meißen: Ansturm auf Passwörter

Bereits seit letztem Jahr arbeitet das Städtische Gymnasium Franziskaneum in Meißen mit Lernsax. "Die Vertreter des Elternrates haben uns hierbei sehr unterstützt und zu einer großen Akzeptanz bei den Eltern beigetragen", sagt Schulleiterin Heike Zimmer.

In der aktuellen Situation gab es noch einen großen Ansturm derer, die sich bisher nicht registrieren ließen oder ihr Passwort vergessen hatten. In der Klassenstufe 12 steht die Arbeit in den schriftlichen Prüfungsfächern mit Zentralabitur und im mündlichen Prüfungsfach im Vordergrund. Die Elftklässler sollen selbstständig ihre Komplexe erarbeiten und Aufgaben in den schriftlichen Prüfungsfächern erledigen.

Für die Fünf- bis Zehntklässler wollen Zimmer und ihre Kollegen Inhalte und Lernaufgaben bereitstellen, die circa 50 Prozent der Unterrichtszeit ausfüllen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass nicht in allen Familien für jedes Kind ein eigener PC zur Verfügung steht und die Arbeit der Eltern im Homeoffice Vorrang vor den Lernaufgaben hat", sagt Heike Zimmer.

Oberschule Weinböhla: Direktes Gespräch fehlt

Die Technik im Schulhaus der Oberschule Weinböhla ist leider noch gar nicht auf digitales Lernen ausgelegt. Auf Lernsax habe man sich deshalb nicht verlassen. Ein lückenfreies Arbeiten sei damit nicht möglich, erklärt Schulleiter Harald Schmoz.

Stattdessen setzt die Oberschule auf das bewährte System der eigenen Website. Im Bereich Vertretungsplan werden die Aufgaben für alle Klassenstufen aufgeführt. Die arbeiten sie ab. Bisher funktioniere das, so Schmoz. Nur die Kontrolle ist schwierig. Es sei den Lehrern freigestellt, wie sie mit ihren Schülern kommunizieren. Aber die Kontrolle der Heimarbeit werde wohl erst im Rahmen des Unterrichts möglich sein.

Auf keinen Fall sei das Aufgabe der Eltern. „Die sollen schauen, dass alles erledigt wird, können es aber nicht inhaltlich überprüfen.“ Je länger die Schließphase dauert, umso schwieriger werde es, den Stoff zu vermitteln, so Schmoz. „Es fehlt die direkte Kommunikation, das gesprochene Wort des Lehrers, das Methodische und Didaktische.“

Dass die Prüfungen der Abschlussklasse Ende Mai beginnen, bezeichnet er als sportliches Ziel, auch wenn die Zehntklässler gezielt mit Prüfungsaufgaben betraut werden. Dass es zu einer Verschiebung der Prüfungen kommt oder die Aufgaben leichter ausfallen, glaubt der Schulleiter aber auch nicht.

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