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Landtagswahl 2019

Alle meine Wahlabende: Ein Reporter erzählt

SZ-Politikredakteur Thilo Alexe hat seit 1999 von jeder Landtagswahl in Sachsen berichtet. Es gab Schreie, Tränen und stürmische Umarmungen. 

Die CDU feiert 2014 ihren Wahlsieg im Restaurant gleich über dem Landtag mit Blick auf die Elbe.
Die CDU feiert 2014 ihren Wahlsieg im Restaurant gleich über dem Landtag mit Blick auf die Elbe. © Robert Michael

1999: Warten auf die Mehrheit

Ein Gerücht machte die Runde an jenem Sonntag im Jahr 1999. Lange vor 18 Uhr kroch es quasi über die Landtagsflure. Es ging so: Die CDU schafft die Zweidrittelmehrheit und kann damit, wenn sie will, sogar die Verfassung ändern. Damals waren nur drei Parteien im Landtag vertreten, neben der Sachsen-Union die PDS und die SPD. Auch nach der Wahl änderte sich daran nichts.
Die CDU dominierte wegen Regierungschef Kurt Biedenkopf. Letztlich fehlten ihr vier Mandate zur Zweidrittelmehrheit. Markant waren die Verluste der SPD. Die fuhr sechs Punkte weniger ein und erreichte etwas mehr als zehn Prozent der Stimmen – ein Wert, bei dem sie sich einpegeln sollte. Spitzenkandidat Karlheinz Kunckel, ein Finanzexperte, der bei Presserunden gerne Camel rauchte, legte den Vorsitz der Landes-SPD und der Fraktion nieder.

Nach dem Wahlsieg perfekt: Der triumphale Einzug des alten und neuen Ministerpräsidenten Kurt. Biedenkopf mit seiner Frau Ingrid in den sächsischen Landtag.
Nach dem Wahlsieg perfekt: Der triumphale Einzug des alten und neuen Ministerpräsidenten Kurt. Biedenkopf mit seiner Frau Ingrid in den sächsischen Landtag. © Ronald Bonß

2004: In der Kneipe über die Hürde

Nach der dritten Landtagswahl im Freistaat war umfassendes Stühlerücken angesagt. Aus einem Drei- wurde ein Sechs-Parteien-Parlament. Die CDU hatte durch die Querelen bei der Biedenkopf-Nachfolge Sympathien eingebüßt und erreichte unter Georg Milbradt „nur“ 41 Prozent – ein Ergebnis, bei dem Christdemokraten heute jubeln würden. Der eigentliche Schock am dramatischen Wahlabend: Die rechtsextreme NPD zog in den Landtag ein und lag nur knapp hinter der SPD. Bilder vom Spitzenkandidaten Holger Apfel im Landtagsfoyer gingen um die Welt. Die NPD hatte sich im Wahlkampf gegen die Hartz-Gesetze positioniert und bereits bei der vorgelagerten Kommunalwahl Erfolge erzielt.
Grünen und FDP half vermutlich ein Dresdner Thema. Die einen waren gegen, die anderen für den Bau der Waldschlößchenbrücke. Beide schafften es, wenn auch nur knapp, ins Parlament. Besonders bibbern mussten die Grünen. Bis gegen 22 Uhr lagen sie bei 4,9 Prozent. Allerdings fehlten noch Wahlergebnisse aus der Dresdner Neustadt. Als das Ausgehviertel lieferte, setzten Schreie und wildes Umarmen ein. Im Wahlpartylokal in der Dresdner Maxstraße rann roter Wein durch grüne Kehlen. Antje Hermenau war der gefragte Stars des Abends, der am nächsten Morgen schon wieder in Berlin vor den Kameras stand. Zum Regieren brauchte die CDU nun die SPD, die damals allerdings das bislang schlechteste Ergebnis in ihrer Geschichte erzielte: 9,8 Prozent.

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Antje Hermenau, Spitzenkandidatin der sächsischen Grünen, ist nach dem knappen Einzug ins Parlament erleichtert.
Antje Hermenau, Spitzenkandidatin der sächsischen Grünen, ist nach dem knappen Einzug ins Parlament erleichtert. © Jan Woitas / dpa

2009: Partnertausch, nur einer feiert nicht mit

Stanislaw Tillich war: der Sachse. So präsentierte er sich im Wahlkampf 2009 und hielt die nach den Landesbank-Querelen ins Trudeln geratene CDU letztlich stabil. Gewechselt wurde der Koalitionspartner. Beflügelt durch den Bundestrend legte die FDP unter Holger Zastrow zu und löste die SPD als Regierungspartner der CDU ab.  Es war eine Wahl mit vielen Gewinnern. Fast alle hatten etwas zu feiern: Die CDU 40 Prozent, die Linke (20 Prozent) den nur geringen Verlust nach dem Rekordjahr 2004, die Liberalen den Zuwachs und die Grünen den Wiedereinzug. Den schaffte zudem die NPD, wenn auch nur knapp. Ach ja, auch in geknickten SPD gab es etwas zu feiern. Karl Nolle, der in früheren Jahren Druck auf Biedenkopf und Milbradt in Ausschüssen und mit Anfragen machte, schaffte es überraschend ins Parlament. Weil die CDU so stark war, erhielt die SPD ein Ausgleichsmandat, das an Nolle ging. Auch in der eigenen Partei war der hart nachfragende Oppositionspolitiker nicht unumstritten. Die Dresdner Morgenpost titelte am Dienstag nach der Wahl: "Irre! CDU-Anhänger wählten SPD-Nolle in den Landtag".

CDU-Spitzenkandidat und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich wird von Ehefrau Veronika zum Wahlsieg gratuliert.
CDU-Spitzenkandidat und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich wird von Ehefrau Veronika zum Wahlsieg gratuliert. © SZ-Archiv

2014: Alles auf blau

Drinnen gab es kein Netz, also hackten die Reporter vor dem Dresdner Gewölbelokal ihre Texte an Stehtischen im Freien in die tragbaren Rechner. Erstmals zog 2014 die AfD in ein deutsches Länderparlament ein – und das ohne Zitterpartie, ein Jahr nach der Gründung und mit fast zehn Prozent der Stimmen. Spitzenfrau Frauke Petry mahnte die feiernde, meist männliche Anhängerschaft zur Besonnenheit: „Da ist noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns." Dennoch: Die Eurokrise bescherte der AfD Wähler, auch ihr generelles Auftreten, das zwischen widerspenstig und sehr konservativ changierte. Später kam der Unmut über die deutsche Asylpolitik hinzu. Der heutige Bundestagsabgeordnete Detlev Spangenberg sagte am Wahlabend: „Wir sind auf keinen Fall rechts in dem Sinne, was man heute drunter versteht." Gemeint war der Satz als Abgrenzung zum Rechtsextremismus. Er verwies aber auch – vermutlich unbeabsichtigt – auf die Dynamik, die die Partei als neuer Spieler auf dem politischen Parkett noch entfalten sollte.

Frauke Petry, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) bei der ausgelassenen Wahlparty ihrer Partei in den Festungsmauern am Brühlschen Garten.
Frauke Petry, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) bei der ausgelassenen Wahlparty ihrer Partei in den Festungsmauern am Brühlschen Garten. © Marco Klinger

Eng war es woanders. Am frühen Wahlabend lag die NPD knapp über der entscheidenden Fünf-Prozent-Marke, die Grünen waren knapp drunter. Doch dann flossen Ergebnisse aus Leipzig und Dresden ein, und das Resultat wechselte. Die Grünen schafften es rein, die NPD flog raus. Etwa 800 Stimmen fehlten ihr, angesichts von mehr als drei Millionen Wahlberechtigten ein wirklich enges Ergebnis. Den Landtag verlassen musste auch die FDP, die die stärksten Verluste verbuchte. „Wir haben gekämpft wie die Löwen“, sagte Parteichef Zastrow vor seinen Anhängern. „Könnt ihr das verstehen? Ich verstehe es nicht.“

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