SZ +
Merken

"Alle redeten übereinander, nur nicht miteinander"

Zwei Kreistage: 6. Juli 1993 und 5. Juni 2000. Zwei Sondersitzungen. Thema immer: Pirnaer Sinfonieorchester. Vor sieben Jahren wurde die Überführung in Freie Trägerschaft entschieden. Frei wird es unter dem Dach der Novum GmbH auch nach dem 2000er Beschluss bleiben.

Teilen
Folgen

Von Heike Sabel

Zwei Kreistage: 6. Juli 1993 und 5. Juni 2000. Zwei Sondersitzungen. Thema immer: Pirnaer Sinfonieorchester.
Vor sieben Jahren wurde die Überführung in Freie Trägerschaft entschieden. Frei wird es unter dem Dach der Novum GmbH auch nach dem 2000er Beschluss bleiben. Vor allem von Geld aus dem Landkreis Sächsische Schweiz. So ist es seit Montag vom Kreistag beschlossene Sache. Eingeschlagen hat das wie ein Paukenschlag.
Jetzt beginnen die Gespräche, die eigentlich hätten vorher statt finden müssen. Geredet hat man schon. Doch der Novum-Geschäftsführer bevorzugte dies unter vier Augen zu tun, wie Betroffene bemängeln. So entstand eine bedrückende Situation. Selbst Mitglieder des Orchesters und der Philharmonischen Gesellschaft als Träger-Verein seien inzwischen resigniert.
Schließlich fand am Donnerstagabend sogar ein Gespräch bei Kultur-Minister Meyer statt. Krisensitzung mit den Landräten aus Pirna, Riesa-Großenhain, Meißen und dem Weißeritzkreis. Im Gegensatz zu Geisler sind seine Amtskollegen in Riesa-Großenhain und Meißen etwas optimistischer.
in richtiges Ergebnis aber gab es nicht. Außer, dass noch ein Gespräch folgt. Voraussichtlich übernächste Woche im Kulturkonvent. Das ist das Gremium im Kulturraum Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Es erhält die Gelder aus den Kreisen und finanziert damit eben zum Beispiel die Orchester.
Viel ist in den letzten Tagen über das Novum-Konzept diskutiert worden. Seit Herbst eingefordert, lag es erst im März und mit den Nachforderungen im Mai vor. Hin und her gedreht, steht unter dem Strich: Reduzierung der Musiker von Sinfonieorchester Pirna und Elbland-Philharmonie in Riesa um 16 auf 60 sowie Fusion beider Ensembles.
Was in dem Konzept nicht steht, was Landrat Michael Geisler (CDU) aber schon seit langem gewusst haben will: Auch wenn der Landkreis weiter seinen Zuschuss gezahlt hätte, wäre Novum Ende 2000 pleite. Damit das nicht so kommt, "haben wir ja das Konzept erarbeitet", kontert Novum-Geschäftsführer Müller-Rogalla.
Eine Chance über das Konzept zu diskutieren, hatten die Kreisräte kaum. Denn Müller-Rogalla habe dem Landrat verboten, es weiter zu geben. Müller-Rogalla wiederum will schon damals den fertigen Kreistags-Beschluss gesehen haben.
Aber irgendwie redeten eben alle übereinander, nur nicht miteinander, wie es Superintendent Klaus Kaden treffend charakterisiert. Jetzt hat es gekracht. Und auf einmal wundern sich alle. Auch Kaden. Nämlich, dass so schnell gegangen ist. Einen persönlichen Brief an den Landrat hatte er geschrieben, weil es ihm "bitter ernst" ist. Das Orchester sei schließlich das einzige an großer Kultur, was man hier habe.
Auch der Pirnaer Kirchenmusikdirektor Thomas Meyer forderte die Räte zu "sorgfältiger Behandlung" dieser Entscheidung auf. Geholfen hat es alles nichts. Eben so wenig wie das Veto der PDS, die sich weiter für den Erhalt des Pirnaer Orchesters einsetzen will. Das streben auch die Orchestervereinigung in Berlin sowie Prof. Haupt, Solo-Flötist an der Staatskapelle sowie Mitglied der Philharmonischen Gesellschaft, an. Deren Vize-Chefin Doris Schubert hat sogar vor, das Problem Meyers Minister-Kollegen für die Schulen vorzutragen.
Die Noten für den Trauermarsch sind zwar schon aufgeblättert. Nur spielen will ihn keiner. Bei Frau Bauer aus Pirna, einer eifrigen Konzert-Besucherin, mischt sich in die Traurigkeit Wut.
Man kann doch die Kultur nicht den Bach runter gehen lassen." Boto Kritzner aus Neustadt fordert schließlich jeden Einzelnen auf, seinen Einfluss geltend zu machen. "Indem er die Konzerte des Orchesters besucht." Und die Konzerte, die der Region wichtig sind, könnte man in Zukunft auch "einkaufen", meint Geisler.