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Alle wollen den Sachsen-Whisky

Schottland war gestern: Meißner und Dresdner tüfteln am eigenen Brand – und können sich vor Nachfrage nicht retten.

Von Christoph Scharf

Es gluckst. Es zischt. Es plätschert. Zahllose Röhren durchziehen den Arbeitsplatz von Siegbert Hennig. Der 54-Jährige dreht an Stellschrauben, behält große Thermometer im Auge, nimmt Proben. In einem der Kupferkessel wird gerade die Maische für den nächsten Traubenbrand gerührt. Daneben läuft der Meißner Schlehengeist durch die Röhren.

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Längst vergriffen: Der erste sächsische Whisky von Siegbert Hennig war 2012 in kürzester Zeit ausverkauft.
Längst vergriffen: Der erste sächsische Whisky von Siegbert Hennig war 2012 in kürzester Zeit ausverkauft.

Doch die gefragteste Rarität lagert längst im Fasskeller: Der Meißner Whisky, abgefüllt 2003. Seitdem reift die goldbraune Kostbarkeit im Eichenfass. 360 Liter hochprozentiges Destillat hat Siegbert Hennig vor elf Jahren eingelagert. Davon werden nächstes Jahr wohl nur noch 300 Liter übrig sein. „Der Rest geht in der Zwischenzeit durch die Holzporen verloren.“ Verhindern könnte das ein voll klimatisiertes Fasslager – aber für diese Investition müsste die 1998 gegründete Manufaktur im Dorf Reichenbach bei Meißen erst einmal eine fünfstellige Summe übrig haben. „Aber wir wollen nur in kleinen Schritten wachsen“, sagt Siegbert Hennig.

Für die Liebhaber des ersten sächsischen Whiskys dürfte das tragisch sein. Denn schon jetzt ist klar: Die 300 Liter Destillat werden nicht reichen. Die erste Auflage des Meißner Whiskys war 2012 „binnen eines Wimpernschlags“ ausverkauft. Am Tag, als die Zeitung verkündete, dass der Whisky fertig sei, klingelte Punkt drei Minuten nach sieben zum ersten Mal bei Siegbert Hennig das Telefon – um fortan nicht mehr stillzustehen. „Mit einer regen Nachfrage hatten wir gerechnet. Wir wurden aber förmlich überrannt!“ Die insgesamt 926 Halbliterflaschen der ersten Auflage waren quasi weg, noch bevor überhaupt überall Etiketten draufklebten.

Deshalb hat der Chef der Meißner Spezialitätenbrennerei es längst aufgegeben, eine Warteliste zu führen. „Die wäre sowieso viel zu lang – für das bissel, was da ist.“ Und deshalb gilt auch 2015 wieder: Es gibt keine Anteilsscheine, keine Optionen, keine Voranmeldung. Aber der Destillateurmeister verspricht: Die SZ wird informiert, wenn es so weit ist. Und der Whisky soll nicht erst Weihnachten abgefüllt werden, sondern eher Mitte des Jahres. „Aber immer nur unter der Voraussetzung, dass er mir gefällt!“, beeilt sich der Mann in der blauen Latzhose zu sagen. „Andernfalls trinke ich ihn selbst.“ Das dürfte allerdings selbst für den Hersteller ein teurer Spaß werden: Muss er doch für jeden Liter produzierten Alkohols allein 13,03 Euro Alkoholsteuer abführen. Doppelt gesicherte Röhrensysteme, 170 verplombte Stellen an der Anlage und ein spezielles Zählwerk sorgen dafür, dass dem Zoll nichts entgeht. Nicht einmal die zwei Zentiliter, die Siegbert Hennig zwischenzeitlich zum Kosten abzapft. „Wenn in Europa alles so stark überwacht werden würde, wie die Brennereien, hätte es nie zu einer Finanzkrise kommen können.“

So verdient an jeder Halbliterflasche Traubenbrand, Schlehengeist oder Whisky kräftig der Staat mit. Über den bürokratischen Aufwand mit Kontrollvorschriften dick wie Telefonbücher könnte sich der Ingenieur stundenlang aufregen – schaut aber doch lieber danach, was die Maische im Kupferkessel macht. Um den reifenden Whisky nebenan braucht sich Hennig erst nächstes Jahr wieder zu kümmern.

Ganz anders sieht es bei der Konkurrenz in Dresden aus. Dort hat auch Georg Schenk von der Spezialitätenbrennerei „Augustus Rex“ mittlerweile einen sächsischen Whisky angesetzt. Der Chef hat ihn im Frühjahr bereits probiert, aber noch nicht für reif genug befunden. „Aber in der zweiten Jahreshälfte soll es so weit sein“, sagt der gebürtige Schweizer. Die Dresdner probieren es mit einer dreijährigen Lagerung. Spezielle Fässer sollen dafür sorgen, dass das Destillat von 2011 nicht erst zehn Jahre braucht, um zu reifen. „Das Wichtigste sind nicht die Jahre, sondern dass es schmeckt.“ Anders als Siegbert Hennig in Reichenbach führt Georg Schenk eine Warteliste – die schon viel zu lang ist, als dass die 300 Liter Destillat von 2011 reichen würden. Deshalb wurden ein Jahr später gleich 500 Liter angesetzt, die 2015 fertig werden sollen. „Für diesen Jahrgang hat man auf der Warteliste noch Chancen“, sagt der 63-Jährige. Um die Zusammensetzung der speziellen Malz-Sorten wird hier wie dort ein Geheimnis gemacht. „Augustus Rex“ wirbt aber damit, Quellwasser aus dem Erzgebirge für den Whisky zu holen.

Die Dresdner Halbliterflasche wird später – je nach entstandenem Alkoholgehalt – 80 bis 90 Euro kosten. „Das ist nicht billig, aber preiswert“, sagt Georg Schenk. Siegbert Hennig war bei seiner ersten Auflage mit 69 Euro pro halbem Liter hingekommen. Für viele Normalverdiener sind das stolze Preise – und dennoch wird weder in Meißen noch in Dresden das Angebot für die Nachfrage reichen. Nur warum? „Whisky geht immer“, sagt Siegbert Hennig. „Die Schotten haben es geschafft, einen wahren Kult um ihr Getränk zu entfachen. So wie die Italiener mit ihrem Grappa – nur noch stärker.“ So gibt es mittlerweile in Deutschland schon zwischen 160 und 180 Whisky-Brennereien. Nichts läge Siegbert Hennig allerdings ferner, als deshalb auf Masse zu setzen. „Wir sind eine kleine Manufaktur. Und das wollen wir bleiben.“