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Allein, allein, wir sind nicht allein

Auch Pflanzen müssen an die frische Luft. Und ein alter Song der Dresdner Band Polarkreis 18 wird zur Hymne der Zeit: Teil 13 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Franziska Gabbert/dpa/SZ

Gleich nach dem Frühstück schleppe ich Oleander aus dem Keller in den Garten. Meine Frau führt am Computer eine zweistündige Video-Konferenz mit ihren Kolleginnen und Kollegen der Schule. Da nutze ich die Zeit, um im Haushalt mal eine tragende Rolle zu spielen. Ich hole auch Agapanthus aus ihrem Winterquartier. Die Schmucklilie möchte respektvoll behandelt werden, sie scheint sich etwas darauf einzubilden, dass sie schon vor mehreren hundert Jahren die barocken Residenzen der sächsischen Kurfürsten zierte. Ihre Blüte beginnt in der Regel im Juli und dauert bis Mitte August, aber nur, wenn der Gärtner ihr gut zuredet. Die Fülle der bläulichen zierlauchähnlichen, kugeligen Blütenstände entschädigt allerdings für das divenhafte Verhalten der Kübelpflanze.

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Am Mittag kommt SZ-Fotograf Ronald Bonss zu mir ins Homeoffice. Er fotografiert, wie ich aus dem Buch „Der große Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“ für Videoaufnahmen lese. In den nächsten Tagen wird auf saechsische.de der kleine Film zu sehen sein. In Zeiten des erzwungenen Abstands möchte die Redaktion, dass ihre Autorinnen und Autoren die Verbindung zu den Leserinnen und Lesern halten, wenigstens digital. Zugleich startet ab 20. April wieder die Suche nach den Vokabeln für das „Sächsische Wort des Jahres“, da dient der „Gogelmosch“ als gute Inspiration, dass Sächsinnen und Sachsen ihre Wortfavoriten einsenden, um sie am 3. Oktober küren zu können

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Ich muss daran denken, dass der 20. April 2020 im Moment als das magische Datum gilt, die surreale Situation zu beenden. Aber keiner weiß, ob überhaupt das gesellschaftliche Leben wieder angeschaltet wird. Jetzt heißt das Motto: „Wir sind allein, allein allein.“ 2008 veröffentlichte die Dresdner Band Polarkreis 18 den Elektro-Popsong, produziert von Sven Helbig. In einer Zeile heißt es: „We look into faces, wait for a sign.“ Wir schauen in Gesichter, warten auf Zeichen. Das war ein Hit, 2011 löste sich die Band auf, jetzt wirkt das Lied wie die Hymne zur Zeit.

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Nach dem Mittag arbeite ich am Schreibtisch. Zwischendurch telefoniere ich mit meiner Mutter. Wir rufen uns jeden Tag an. Sie erzählt, dass in ihrer Nachbarschaft ein 89-jähriger Mann neuerdings allein lebt, weil seine Frau ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sofort erklärten sich mehrere alleinstehende Nachbarinnen bereit, für den Strohwitwer zu kochen. An einem Tag habe er beinahe drei Mal ein Mittagessen bekommen, doch dann wurden alle informiert, dass er von einem Lieferservice versorgt wird. Ein anderer Nachbar habe mit seinen 90 Jahren die Apfelbäume in seinem Garten verschnitten und seine Frau unten an der Leiter gestanden, um ihn bei einem Fall abzufangen. „Die alten Leute“, sagt meine 83-Jährige Mutter, „die sollten mal etwas kürzer treten.“

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Ich bekomme eine Mail von der Dresdner Philharmonie, ob ich bei einer Aktion dabei sein möchte. Die Idee: Zweimal wöchentlich laden Mitglieder des Orchesters zu kleinen Konzerten ein und spielen mit einem oder einer freischaffenden Künstler/in ein Programm, die dafür ein Honorar als Unterstützung bekommen. Die kurzen Konzerte werden per Video aufgenommen und auf den Social-Media-Kanälen der Philharmonie verbreitet. Mit dabei war bereits die Dresdner Pianistin Masumi Sakagami. Das finde ich eine wirklich großartige Geste und freue mich, mitwirken zu dürfen. Manchmal, denke ich, sind es die kleinen Gesten, die erkennen lassen, wie verbunden die Menschen miteinander sind. Das gilt heute mehr als noch vor Wochen.

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Im Landgasthof Schwarzbachtal organisiert Barbara Siebert seit vielen Jahren literarisch-kulinarische Abende. Die Wirtin arbeitete ursprünglich als Literaturwissenschaftlerin, folgte aber irgendwann ihrer Leidenschaft, ein Restaurant zu führen. Auch ich hatte schon das Glück, zweimal in dem Haus meine Bücher vorstellen zu dürfen. Jetzt schreibt mir Barbara Siebert, dass ihre Gaststätte zwar geschlossen sei, sie aber weiter für Gäste koche. Für Ostern nehme sie Bestellungen entgegen, die dann zu einem verabredeten Zeitpunkt abgeholt werden können. Ich kann das nur empfehlen, denn die Menüs sind wirklich köstlich.

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Am späten Nachmittag packen wir in Familie kleine Oster-Überraschungen in Kartons, denn wir werden niemanden besuchen können. Als ich die Päckchen zur Post bringe, steht dort eine lange Schlange. Wir sind offenbar nicht allein mit der Idee.

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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