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Allein unter Jungs

Korinna Fiedler spielt mit den Eishockey-Schülern aus Dresden in der Bundesliga. Das bringt sie voran. Kürzlich gab die 17-Jährige ihr Debüt in der Frauen-Nationalmannschaft.

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© Ronald Bonß

Von Alexander Hiller

Korinna Fiedler schlägt sich mit einem Luxusproblem für Mädchen ihres Alters herum. Die 17-Jährige würde gern zunehmen, aber bislang halfen da weder Pizza noch Pommes. Von ihren 55 Kilogramm kommt die Dresdnerin nicht runter – oder vielmehr hoch.

Dabei könnte sie acht bis zehn Pfund zusätzlich ganz gut vertragen – für ihre weitere Karriere als Eishockey-Nationalspielerin. „Ja“, sagt sie frech grinsend, „mein Plan ist es, etwas zuzunehmen. Ich habe kaum Körperfett. Die Trainer sagen, ich soll da etwas zulegen. Für die Nationalmannschaft ist das wichtig. Die meinen, 60 Kilo soll ich wiegen, denn mit weniger Gewicht hat man im internationalen Bereich kaum mehr eine Chance“, sagt Fiedler, die als Verteidigerin im Sommer ihr Debüt in der Frauen-Nationalmannschaft des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) feierte.

Zuvor hatte die 1,68 Meter große Athletin seit 2014 alle Nachwuchs-Auswahlteams des DEB durchlaufen. Und Fiedler gehört zum Stammkader der U-18-Auswahl, die vom 6. bis 13. Januar 2018 in Russland die Weltmeisterschaft der A-Gruppe bestreitet, nachdem in diesem Jahr, als Titelträger der sportlich schwächeren B-Gruppe, der Aufstieg unter die Top-Acht-Teams der Welt gelang. „Ich gehöre zum älteren Jahrgang der U 18, da ist es sehr wahrscheinlich, dass ich dabei bin. Das ist auch mein Anspruch“, sagt sie selbstbewusst.

Diese Ambition kann die Zwölftklässlerin des Sportgymnasiums nur hegen, weil ihr Bruder Konrad mal ein bisschen aus der Reihe getanzt ist. „Meine Eltern wollten, dass wir zwei Kinder Sport treiben. Ich wollte zum Reiten, mein Bruder Fußball spielen“, erzählt sie. Konrad fiel allerdings bei den Kickern in Radeburg durch, „weil er mit seinen Kumpels zu viel rumgekaspert hat“, erinnert sich die ältere Schwester lachend. Stiefpapa Fiedler war damals schon Fan der Eislöwen und sah Eishockey als sinnvolle Alternative zum Fußball – für seinen Sohn. „Also hat er meinen Bruder zum Eishockey gebracht. Ich war beim Probetraining zuschauen, fand das so cool, dass ich auch mitmachen wollte“, sagt Korinna Fiedler. Das war im Oktober 2008. „Ich bin da mit aufs Eis, das hat Megaspaß gemacht. Da habe ich das mit dem Reiten völlig vergessen.“ Nun ist sie das bekannteste Gesicht der insgesamt 15 Eishockeymädels beim ESC Dresden.

Heute spielen die beiden Anfänger von damals in derselben Mannschaft: im U-16-Team des ESC Dresden, das in der Schüler-Bundesliga antritt. Konrad als Torhüter, Korinna als Verteidigerin. „Diese Saison darf ich noch bei den Jungs mitspielen, theoretisch wäre dann altersmäßig für mich Schluss“, sagt sie, hofft aber noch auf eine Hintertür. Dem Eis will Korinna so oder so treu bleiben. Auch, wenn sie wie bisher ihre Ausrüstung selbst bezahlen muss. Durch einen kleinen Beitrag der Sporthilfe wird Fiedler dabei unterstützt.

Die Dresdnerin besitzt eine Doppelspiellizenz und darf damit für die Eisbären Juniors Berlin in der Frauen-Bundesliga spielen. In dieser Saison wurde Fiedler noch nicht für die Eisbären eingesetzt, da sich die ESC-Termine und die für Berlin meist überschneiden. „Dresden hat da das Vorrecht, und das ist gut so“, sagt sie.

Denn die sympathisch offene und direkte junge Frau hat sich längst mit ihrem Sportlerdasein in einer Jungenmannschaft arrangiert. „Im Training sind alle sehr rücksichtsvoll“, erklärt sie. „Auch im Spiel gibt es welche, die bremsen ab, weil sie den Kontakt mit mir vermeiden wollen. Aber es gibt da auch die anderen, die voll in mich reinbrettern wollen und wo es auch schon mal die eine oder andere Beleidigung hagelt. Damit muss man umgehen“, sagt Fiedler. Sie kann das: „Ich muss immer lachen, wenn man mich beleidigt. Es muss ja einen Grund dafür geben.“

Berührungsängste kennt das Talent auf dem Eis keine – und in der Kabine erst recht nicht. Weshalb auch? „Ich ziehe mich mit bei den Jungs um, ich kenne die schon so lange, da habe ich kein Problem. Die nehmen das auch gelassen“, berichtet sie. Zum Duschen fährt Fiedler nach den Trainingseinheiten aber heim, bei Auswärtspartien „gibt es entweder eine Extramöglichkeit – oder die Jungs müssen eben warten, bis ich fertig bin“, sagt sie. „Im Endeffekt stehe ich da in Unterwäsche vor den Jungs. Wenn wir baden gehen, sehen sie genauso viel.“

Wenn es Fiedler darauf anlegen würde, könnte sie auch in Dresden eine separate Umkleide nutzen. „Dafür bin ich nicht der Typ, da ist man zu weit weg von der Mannschaft.“ Leuchtet ein. Zumal sie in ihrer Dresdner Schülermannschaft als Stimmungsbarometer gilt. „Das Spiel nach vorn treiben und die Motivation hochzuhalten, das ist so meine Aufgabe. Die Jungs lassen sich von mir auch was sagen“, betont die Nationalspielerin. Vielleicht könnten ihre männlichen Teamkollegen sie im Gegenzug nun häufiger zum Essen einladen.