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Alles anders in drei Tagen

Wegen der Corona-Krise sitzt Gastronom Lars Lemke aus Döbeln auf reichlich Ware. Dennoch schaut er nach vorn.

Nachdenklich blickt Gastronomieunternehmer Lars Lemke in die Zukunft und hofft, dass die Corona-Beschränkungen schnell aufgehoben werden können.
Nachdenklich blickt Gastronomieunternehmer Lars Lemke in die Zukunft und hofft, dass die Corona-Beschränkungen schnell aufgehoben werden können. © Dietmar Thomas

Döbeln. Soforthilfedarlehen für Kleinstunternehmen und Freiberufler, KfW-Kredite für Unternehmen, steuerliche Erleichterungen, Kurzarbeitergeld oder der vereinfachte Zugang für Selbstständige in die Grundsicherung. In Sachsen scheint die Corona-Hilfe vermeintlich angelaufen. Unsere Zeitung machte sich bei Gastronomieunternehmer Lars Lemke ein Bild, welche Probleme, Sorgen und Ängste betroffene Gewerbetreibende haben.

Eines schickt Lars Lemke ganz klar voraus. „Es wird weitergehen. Denn irgendwie geht es immer weiter, auch wenn nach Corona die Welt nicht mehr sein wird, wie sie war“, sagt er nachdenklich. „Wir hatten angenommen, dass in diesem Jahr alles läuft, waren gut vorbereitet. Aber urplötzlich ist innerhalb von drei Tagen alles anders.“ Seit 20 Jahren führt Lemke den Bürgergarten in Döbeln als Pächter, ehe er ihn vor zwei Jahren gekauft hat. 

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Große Investition vor der Krise

 Im vergangenen Jahr stellte Lemke das komplette Objekt auf den Kopf, baute eine neue Küche ein, veränderte den Gastraum, überdachte die Terrasse und erstellte einen Außenpavillon. „Sodass sich die Gäste wirklich wohl fühlen können“, sagt der 45-Jährige und fügt an: „Es war ein Riesenerfolg nach der Wiederöffnung im vergangenen Mai.“ Selbst der Januar und Februar seien gut gelaufen. Und so war Lars Lemke guter Dinge. „Ich hatte erstmals für alle Bereiche gutes Personal. Wir hatten Köche, wir hatten Servicekräfte. Alle waren motiviert und die Bücher voll“, sagt er. Der Bürgergarten schien sich zu einem richtig guten Standbein neben dem parallel in Großweitzschen geführten Getränkehandel und Gastroservice zu entwickeln.

„Von heute auf morgen ist dann praktisch alles weggebrochen. Wir haben noch Pflegeheime, wo noch etwas Wasser geliefert wird – ansonsten ist es bei Null“, sagt Lemke. „Das bedeutet, seit knapp zwei Wochen keine Einnahmen. Das ist schon beängstigend, weil man nicht weiß, wie lange das anhält. Wie geht es danach weiter? Werden die Leute wieder in der Gastronomie Geld ausgeben?“

All das weiß der Unternehmer nicht, den unterdessen in allen Bereichen Stornierungen bis Mitte Juli erreichen. Auch Ostern sei der Bürgergarten gut gebucht gewesen. Um dieses Geschäft wenigsten teilweise zu retten, versucht Lemke, Osteressen außer Haus zu liefern oder abholen zu lassen. „Ob das angenommen wird, kann niemand sagen. Aber ich will nicht den Kopf in den Sand stecken und sagen, dass ich nicht weiter weiß“, sagt Lars Lemke. „Das ist nicht meins, das war noch niemals meins. Ich habe zweimal das Hochwasser miterlebt, wo ich gerade 2013 mit mehreren Objekten abgesoffen bin. Aber ich bin ein Stehaufmännchen.“

Schlimmer als die eigentliche Situation sieht der Gastronom die Ankündigungen in den verschiedensten Medien, dass der Staat helfen wird. „Das ist Rumgebranse. Wir werden nichts kriegen“, sagt Lemke, der über zehn Mitarbeiter beschäftigt.

SAB-Kredit als Mogelpackung

Was ihm angeboten werde, das seien SAB-Kredite. „Davon halte ich aber überhaupt nichts. Das klingt zwar alles immer sehr gut, aber das böse Erwachen kommt für viele, wenn das Geld zurückgezahlt werden muss. Und dann in einer kurzen Zeit, was gar nicht stemmbar ist“, meint er. Deshalb komme es für ihn nicht infrage, einen solchen Kredit zu nehmen. „Da ich erst in den beiden vergangenen Jahren richtig investiert habe, würde ich mein eigenes Grab schaufeln. Man kann nicht innerhalb von fünf oder zehn Jahren eine Summe zurückzahlen, die nicht machbar ist. Denn auch das laufende Geschäft muss ja am Leben erhalten werden.“

Lobende Worte findet der Unternehmer in diesem Zusammenhang für seine Hausbank, die Sparkasse Döbeln. „Die steht auch jetzt, in der harten Zeit, zu mir. Ich hab da einen guten Berater, der sagt, was am besten für uns ist - und nicht einfach: Unterschreibe die Kredite, und hinterher erlebt man sein blaues Wunder“, sagt Lemke. Ein weiteres Problem der Firma wären die vollen Lager. Vor der Fassbierpreiserhöhung wurden die noch einmal richtig vollgebunkert. „Nun sitzen wir auf dem ganzen Zeug“, so Lemke. Keine Brauerei würde dergleichen tun, etwas zurückzunehmen. Das sei beängstigend, weil niemand weiß, wenn zur Normalität zurückgekehrt werden kann. Aber dann sei sicherlich ein Großteil der Saison mit Maifeiern, Himmelfahrt oder auch Stadtfesten vorbei. 

„Wir werden es stemmen und auch überleben. Aber es wird danach anders. So wie es einmal war, wird nichts mehr bleiben“, ist sich Lemke sicher und fügt an: „Ich weiß nicht, wie lange die Politik denkt, uns in die Knie zu zwingen, denn die Wirtschaft liegt ja schon langsam am Boden. Je länger alles geschlossen bleibt, umso mehr machen wir alles platt. Am schlimmsten in der Gastronomie.“

Die wäre im Gegensatz zu kleinen Handwerks- oder Baubetrieben nicht darauf vorbereitet gewesen. Ein langsameres Herunterfahren hätte die Situation wirtschaftlich sicher entschärft. Aber eine Idee, wie die Situation in der Gastronomie hätte gelöst werden können, hat aber auch Lemke nicht parat. „Klar, den Schuh will sich niemand anziehen“, sagt er und erklärt: „Die kleine Baufirma wird es auch irgendwann treffen, wenn Aufträge wegbrechen. Aber die ist dann gefasster als wir, wo über Nacht nichts mehr läuft und es ums nackte Überleben geht.“

Andere Situation als bei den Fluten

Lemke ist sich sicher, dass einige seiner Kunden die Krise nicht überleben werden. Vor allem die, die bereits vorher am Limit arbeiteten. Ohnehin stände im Gegensatz zu den beiden Fluten vieles in den Sternen.

„Damals wusste man, dass man ein halbes Jahr die Arschbacken zusammenkneifen muss und es dann weitergeht. Was hier flächendeckend passiert, kann niemand sagen.“ sagt Lemke. „Ich kann nur an die Politik appellieren, die Einschränkungen nicht zu lange aufrecht zu erhalten, denn dann stehen viele nicht wieder auf.“ Auch wünscht er sich mehr direkte Hilfen oder langfristigere Kredite, die den Gaststätten, aber auch anderen betroffenen Unternehmen, eine größere Perspektive bieten. Denn es könne keiner die Gewähr geben, wann und wie es wieder anlaufe. „Es muss bei mir weitergehen und es wird weitergehen. Denn ich habe auch Verantwortung für über zehn Leute an Personal, das ich auch brauche, wenn es wieder anläuft“, sagt Lars Lemke. „Wir können nur hoffen, dass alle gesund bleiben und startklar sind, wenn es wieder losgeht.“

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