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Alles ist anders

Amine Aoudia sucht das Abenteuer in Dresden und will mit Algerien zur WM. Dabei gibt es ein kulturelles Missverständnis.

© osnapix

Von Sven Geisler

Belgien, Russland und Südkorea. Das sind Algeriens Gegner in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft. Als Amine Aoudia von dem Los erfährt, hat er bereits ein Achtungszeichen gesetzt: mit seinem Kopfballtreffer in der Nachspielzeit zum 1:1 für Dynamo in Bielefeld. „Unser Coach wartet auf meine Tore in Dresden.“ Nationaltrainer Vahid Halilhodzic hatte den Stürmer nicht zum entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Burkina Faso eingeladen. Trotzdem rechnet sich Aoudia gute Chancen aus, im nächsten Sommer in Brasilien dabei zu sein.

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So jubelt einer, der in Deutschland das Abenteuer sucht. © nordphoto

Der 26-Jährige weiß, dass Treffer das beste Argument sind, und seine Quote kann sich sehen lassen. Aoudia ist mit fünf Saisontoren Dynamos erfolgreichster Schütze, obwohl er bei seinen 13 Einsätzen für die Schwarz-Gelben nur viermal in der Startelf stand. Auch in Bielefeld hielt ihn Trainer Olaf Janßen in Reserve, ehe er nach dem Rückstand auf totale Offensive setzen musste. „Natürlich möchte ich gern von Anfang an spielen“, gibt Aoudia zu, „aber egal, ob es zehn Minuten oder 30 Sekunden sind – ich gebe alles und glaube an meine Chance. Das ist meine Mentalität.“

Mit etwas Verspätung und Trainingsrückstand war er Anfang August zu Dynamo gekommen, weil ihn sein bisheriger Verein, der algerische Meister ES Setif, nicht freigeben wollte. „In Algerien haben viele nicht verstanden, warum ich weggegangen bin“, erzählte Aoudia im Interview mit dem Stadionmagazin Kreisel. „In meiner Heimat haben mich die Leute gewarnt: ,Bleibe doch hier, denn da weißt du, was du hast. Du bist ein gefeierter Fußball-Held. In Europa kennt dich keiner, da musst du dich erst durchsetzen und dir einen Namen machen.’“

Doch genau das ist es, was Aoudia an dem Abenteuer Deutschland besonders reizt. Dafür schlägt er lukrativere Angebote aus, verzichtet auf Geld, „weil ich glaube, dass ich es irgendwann zurückbekomme“. Bei Dynamo unterschreibt er einen Vertrag bis 2015. Es ist seine persönliche Investition in die Zukunft, „ein perfekter Start in Europa“. Seine ersten Erfahrungen fasst er in drei Worten zusammen: „Alles ist anders!“ Das Wetter. Kälte und Schneeschauer wie am Freitag in Bielefeld kannte Aoudia bisher nicht. „Ich lerne von Tag zu Tag, damit umzugehen.“ Und der Fußball. „Die Taktik spielt sowohl im Training als auch in den Liga-Spielen eine große Rolle.“

„Ich bin kein Freund von Waffen“

Das macht die Aufgabe für ihn nicht leichter. Denn nach dem Systemwechsel spielte Dynamo zweimal nur mit einer nominellen Spitze. Trotz seiner Reservistenrolle spüre er das Vertrauen des Trainerstabes, meint Aoudia, und das zahle er auch als Einwechsler zurück. Er solle seinen Körper einsetzen, seine Kopfballstärke ausspielen, habe ihm Janßen eingeschärft. Auftrag ausgeführt. „Ich habe schon immer viele Tore gemacht. Das ist meine Qualität“, meint der Angreifer.

Mit einem Foto, das ihn in Kriegerpose mit einer Waffe zeigt, hatte Aoudia für Aufregung gesorgt. Das, erklärte er jetzt im Kreisel, sei ein „kulturelles Missverständnis“ gewesen. „Ich bin kein Freund von Waffen und wollte Waffen mit diesem Bild nicht verherrlichen oder verharmlosen.“ Es sei zu seiner Zeit in Ägypten entstanden, als ihn die Fans wegen seiner Treffsicherheit „Shooter“ nannten – in Anlehnung an gleichnamigen Thriller, in dem Mark Wahlberg einen Scharfschützen spielt. „In meiner Heimat hat die Aufnahme niemanden interessiert, weil die Menschen sie immer im Kontext gesehen haben und meinen Charakter kannten“, meint der Moslem. „Dass das Foto eventuell das Klischee vom Terroristen hervorgerufen hat, finde ich ehrlich gesagt etwas absurd und durch Vorurteile geprägt.“

Gemeinsam mit seinem Glaubensbruder und Freund Mickael Poté, der für den Kreisel sogar das Gespräch gedolmetscht hat, zieht sich Amine Mohamed Aoudia vor Spielen und Trainingseinheiten zurück, um zu beten. „Ja, unsere Religion ist für uns von großer Bedeutung. Wir sind Brüder im Geiste.“ Aber auch Konkurrenten um einen Platz im Team. „Ich habe Konkurrenz immer als etwas Positives kennengelernt“, sagt Aoudia. „Denn wir alle müssen uns ständig beweisen, und das macht uns als Mannschaft stärker.“

Das ist nicht etwa nur ein pflichtbewusstes Lippenbekenntnis, bestätigt Janßen. „Es ist natürlich extrem bitter für sie, auf der Bank sitzen zu müssen“, meint der Trainer über seine Edelreservisten Aoudia und Zlatko Dedic. „Aber sie nehmen es an und brennen auf ihren Einsatz. Wenn es dann so klappt – umso schöner.“

Wer sich die größeren Chancen ausrechnen darf, für die Partie am Freitag beim Spitzenreiter 1. FC Köln den nach der fünften Gelben Karte gesperrten Poté zu ersetzen, lässt der Trainer freilich offen. Er hat aber kein Problem damit, dass Torjäger Aoudia in die Startelf drängt. „Das will ich hoffen, dass er das will!“, sagt Janßen.

Aoudia weiß, dass er öfter spielen muss, um im Sommer mit nach Brasilien fliegen zu dürfen. Das habe ihm Halilhodzic, der ihn als Persönlichkeit schätze, unmissverständlich klargemacht. Schließlich muss sich Aoudia mit Top-Stürmern wie Ishak Belfodil von Inter Mailand oder Rafik Djebbour von Sivasspor messen. „Sie kommen für europäische Erstligisten zum Einsatz und haben Marktwerte in Millionenhöhe.“ Aoudia, der erst als 13-Jähriger mit dem Fußball angefangen und mit 17 sein Profi-Debüt gegeben hat, war bis zu seinem Wechsel nach Dresden der einzige algerische Nationalstürmer, der noch in der Heimat spielte. „Auch das begründet meinen Kultstatus. Die algerischen Fußball-Fans identifizieren sich einfach stark mit mir“, sagte er dem Stadionmagazin.

Doch auch in Dresden empfindet er nicht etwa Heimweh, wie es seine Mutter vermutet. Mit ihr telefoniert er täglich. „Meine beiden Schwestern sind zwar jünger als ich“, erzählte Aoudia lachend, „aber meine Mutter sorgt sich schon immer mehr um mich.“ Er sei schon mit 18 Jahren ausgezogen, lebe seitdem viele Hundert Kilometer von zu Hause entfernt und stehe auf eigenen Füßen. „Aber irgendwie kann sie sich nicht daran gewöhnen.“

Wenn der Sohn dann von seinen Toren für Dynamo berichtet, ist sie mit ihm glücklich und stolz. So wie am Freitag. Seine wichtigste Botschaft an Janßen: „Ich bin immer bereit, egal, ob warm oder kalt.“ Und Aoudia hat sein Potenzial noch lange nicht ausgereizt. „Wenn ich in der Winterpause gesund bleibe und die ganze Vorbereitung mitmachen kann, werde ich stärker sein als zuvor.“ Seine Ziele sind klar definiert: Erst mit Dynamo die zweite Liga sichern, dann mit Algerien bei der WM das Achtelfinale erreichen. Mit dem Los ist er zufrieden. „Das ist eine gute Gruppe.“