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Alles nur Schmu im Fernsehgericht

Was wir im Fernsehen vorgespielt bekommen, ist oft nicht zum aushalten. Die allnachmittäglichen Gerichtsshows zum Beispiel – Barbara Salesch und Co. Da werden viele Delikte verhandelt, die das Jugendgericht etwas angehen würden, aber niemals so wie in Wirklichkeit.

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Von Ines Eifler

Was wir im Fernsehen vorgespielt bekommen, ist oft nicht zum aushalten. Die allnachmittäglichen Gerichtsshows zum Beispiel – Barbara Salesch und Co. Da werden viele Delikte verhandelt, die das Jugendgericht etwas angehen würden, aber niemals so wie in Wirklichkeit.

„Dort werden Klischees und Vorurteile bestätigt, es geht um Showeffekte, und vieles wird verdreht, auch wenn es echte Richter sind und die Fälle real sein könnten“, sagt Jürgen Zobel, der seit sechs Jahren Jugendrichter am Görlitzer Amtsgericht ist.

Um mit Vorurteilen aufzuräumen und das Bild von der Jugendjustiz etwas gerade zu rücken, spricht Zobel am Donnerstag in der NeisseGalerie mit allen am Thema Interessierten. „Ich halte keinen Vortrag, ich möchte mit betroffenen Jugendlichen und Eltern reden und diskutieren“, sagt der 46-jährige Richter, der 1992 aus Bayern nach Sachsen kam, weil ihn der Osten, das Neue, das Lebendige und Unfertige reizte.

„Die Veranstaltung soll zeigen, dass Justiz nicht knallhart und kalt ist, sondern Jugendliche als Menschen wahrgenommen werden.“ An dem Abend in der Neisse-Galerie will er auch erklären, wer genau wofür zuständig ist. Wer den Haftbefehl erteilt, wer die Untersuchung angeht, was ein Staatsanwalt und was ein Richter tut. In den Fersehsendungen gehe das oft durcheinander, „da werden die Kompetenzen verwischt“, sagt Zobel.

Er wolle seine Kollegen in den Gerichtsshows nicht verurteilen. Er selber aber würde so etwas nicht machen, er bleibe lieber in der Realität. „Das Jugendstrafrecht war schon immer das, worin ich arbeiten wollte“, erzählt er. Schon im Studium – „vor etlichen Jahren in München, bei Professor Schüler-Springorum, einer Koryphäe im Jugendstrafrecht“– habe ihn das interessiert. Lange habe er als Staatsanwalt gearbeitet, doch nun, als Jugendrichter und Vorsitzender des Jugendschöffengerichts, sei er da, wohin er immer wollte. „Mit jungen Menschen umzugehen begeistert mich immer noch am meisten.“ Anders als im Erwachsenenstrafrecht gehe es in der Jugendjustiz um die Erziehung und Veränderung Heranwachsender, nicht um Vergeltung. „Erwachsene büßen für das, was sie getan haben“, markiert Jürgen Zobel den Unterschied, „junge Menschen sollen lernen, auf die gerade Bahn zu kommen.“ Die Spannbreite der Strafen sei deshalb sehr groß und der Richter habe je nach Kompetenz des Gerichts jede Menge Freiheit und Spielraum, sich Strafmaßnahmen und Methoden auszudenken. So reichen die Strafen vom erhobenen Zeigefinger, einer Verwarnung, über die Auflage, gemeinnützige Arbeiten zu verrichten, oder den Täter-Opfer-Ausgleich, wo sich die Parteien im Beisein eines Konfliktschlichters verständigen sollen, bis hin zum vierwöchigen Arrest oder sogar zum Jugendstrafvollzug von bis zu zehn Jahren Dauer. In Görlitz sei die Kriminalität der 14- bis 21-Jährigen nicht höher als anderswo. Alle Delikte außer Mord und Totschlag werden in Görlitz verhandelt. Und polnische Jugendliche seien übrigens viel weniger an kriminellen Geschehen beteiligt, als die Medien behaupten. Auch mit diesem Vorurteil will Zobel in der NeisseGalerie aufräumen.

16. November, NeisseGalerie Görlitz,

19 bis 21 Uhr, Themenabend „Jugendgericht: Barbara Salesch und Co.“ mit Jugendrichter Jürgen Zobel. Eintritt frei