merken
PLUS Sport

„Bergsteiger lassen sich nicht gern einsperren“

Der Alpinist und Extrembergsteiger Götz Wiegand setzt in Corona-Zeiten andere Prioritäten, und er hat neue Sehnsuchtsziele.

Götz Wiegand träumt mit 61 Jahren nicht mehr von den höchsten Bergen der Erde.
Götz Wiegand träumt mit 61 Jahren nicht mehr von den höchsten Bergen der Erde. © dpa/Matthias Hiekel

Dresden. Er hat auf vier 8.000ern gestanden, darunter auf dem Makalu im Himalaya, mit 8.485 Metern der fünfthöchste Berg der Welt. 1959 in Klaffenbach bei Chemnitz geboren, entdeckte der Alpinist Götz Wiegand während des Studiums in Dresden seine Liebe zur Kletterei. Bereits zu DDR-Zeiten hat er im tadschikischen Pamir den 7.100 Meter hohen Pik Lenin bestiegen.

Inzwischen treibt den Bergsteiger nicht mehr die Sehnsucht nach den höchsten Gipfeln der Welt. Er hat Fernweh nach unberührter Natur, nach Freunden und fremden Kulturen. Seine Sehnsucht allerdings muss er jetzt während der Corona-Krise auf anderen Wegen stillen. Wie? Das erzählt er im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung.

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Herr Wiegand, Sie lieben es, zu reisen, zu klettern und andere dabei mitzunehmen. Wie sehr haben Sie die Einschränkungen durch die Pandemie getroffen?

Sehr, und nicht nur, weil die Reisen, die wir organisieren, absehbar nicht möglich sind. All das, womit wir Geld verdienen, ist weggebrochen. Die Nepal-Expedition mit meinem Bergsportpartner Frank Meutzner und 14 Begleitern, die im April stattfinden sollte, wurde gestrichen. Geplant waren 25 Tage Abenteuer im Norden der Annapurnakette mit Besteigung des Chulu Far East. Das mussten wir auf nächstes Jahr verschieben, genauso eine Wanderreise nach England von der Ost- zur Westküste. In diesen Tagen sollte es von der Normandie nach Cornwell gehen. Im Februar war mit dem Verein Breitengrad in Dresden eine Rallye durch Chile und Argentinien geplant, im Herbst eine Rallye in den USA. Weggefallen sind auch Festivals und Märkte, auf denen wir Waren aus Nepal und Tibet sowie internationale Speisen anbieten. Unsere letzte Reise, die wir vor der Pandemie hatten, führte uns im März nach Südafrika. Da konnten wir gerade noch ausreisen, ehe die Grenze dichtgemacht wurde.

Sind diese Beschränkungen, die ja jetzt Stück für Stück gelockert werden, für Sie nachvollziehbar?

Teils, teils. Klar, wenn man die Bilder in Italien mit den vielen Toten gesehen hat, wurde einem schon mulmig. Aber manches halte ich für übertrieben. Ich hadere zum Beispiel mit dem Mund- und Nasenschutz und gehe so selten wie möglich einkaufen. Aber ja, ich musste und muss auch mit den Einschränkungen leben. Und wie schon zu DDR-Zeiten mache ich das Beste daraus.

Was heißt das heute?

Ich werkle mit meiner Frau an unserem Haus bei Bad Muskau, habe das Gärtnern für mich entdeckt. Da probiere ich aus, was ich unterwegs kennengelernt habe, nämlich einen nepalesischen Mix, also Gemüse- und Kräutersorten bunt durcheinander angebaut, sodass jede Pflanze von der anderen profitiert. Das funktioniert prima.

Irgendwann kommt das Fernweh …

Ja, dann werden Pläne geschmiedet. Denn das Beste, was man machen kann, wenn es irgendwann keine Beschränkungen mehr gibt, ist es, in die Länder zu reisen, die durch den Lockdown noch viel stärker betroffen sind, Nepal zum Beispiel, wo 50 Prozent der Bevölkerung für ihren Lebensunterhalt vom Tourismus abhängen.

Wie sieht es in dem Land aus, das mit seinen 8.000ern und einer faszinierenden Landschaft Bergsteiger und Touristen magisch anzieht?

Die Menschen dort waren gerade dabei, sich vom verheerenden Erdbeben 2015 zu erholen und wollten nach einer erfolgreichen Werbekampagne dieses Jahr den Tourismus weiter ausbauen. Mehr als zwei Millionen Menschen sollten kommen. Dann wurde mit Schließung der Grenzen im März die Klettersaison bis auf Weiteres beendet. Jeder, der bereits eine Genehmigung für die Besteigung eines Berges hatte, kann nicht einreisen – eine Katastrophe für die Menschen. Wir sind regelmäßig in Kontakt mit unserem Freund Mingmar in Kathmandu, der uns mit seinem kleinen Reisebüro bei unseren Touren vor Ort unterstützt. Gerade in diesen Tagen hat er uns eine Botschaft geschickt.

Was berichtet er?

Er hofft nach den ersten vorsichtigen Wiederöffnungen von Geschäften auf weitere Lockerungen im Juli und einen Neustart für Touren im Herbst, hat aber noch keinerlei Signale von der Regierung. Alle seine Buchungen für Trekkingtouren und Expeditionen wurden storniert. Sein Büro ist geschlossen. Bergtouren sind nur außerhalb der Monsunzeit im Frühjahr und im Herbst möglich – ein zusätzliches Handicap. Damit Mingmar mit seinem Tourismus-Unternehmen über die Runden kommt, hat die Sächsische Himalaya-Gesellschaft Geld gesammelt. 5.000 US-Dollar sind zusammengekommen. Die vielen Träger, deren Familien von dem leben, was sie mit der Begleitung von Bergsteigern und Touristen verdienen, haben jetzt gar kein Einkommen.

Götz Wiegand ist mit seinem Bergsportpartner Frank Meutzner auch in der Sächsischen Schweiz unterwegs. Da trainieren beide für ihre Expeditionen.
Götz Wiegand ist mit seinem Bergsportpartner Frank Meutzner auch in der Sächsischen Schweiz unterwegs. Da trainieren beide für ihre Expeditionen. © Robert Michael

Es gibt aber einen positiven Effekt: Die Natur kann sich dort erholen, wo der Menschenstrom in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat.

Ja, das hilft tatsächlich der Natur. Die Bilder von Menschen, die am höchsten Berg der Erde Schlange stehen, sind eine Katastrophe. Viele von ihnen werden für einen Haufen Geld in gefährliche Höhen geführt, obwohl sie keinerlei Erfahrungen haben und nur mit zusätzlichem Sauerstoff aufsteigen können. Dieser Kommerz hat fatale Folgen. Es sterben nicht nur Menschen, sondern es stapeln sich auch überall leere Sauerstoffflaschen und anderer Müll. Es sollten nur die eine Genehmigung erhalten, die es ohne Sauerstoff schaffen. Aber das bringt weniger Geld. Und es gibt schon Leute, die 80.000 Euro zahlen, damit sie irgendwie auf den Gipfel kommen – viel Geld für ein armes Land, ein schmaler Grat.

Profitiert von abgesagten Touren die nähere Umgebung wie das Erzgebirge und die Sächsische Schweiz?

In der Sächsischen Schweiz sind jetzt wirklich mehr Kletterer unterwegs. Aber ob das mit den Reisebeschränkungen zusammenhängt, kann ich nicht sagen. Eine Rückbesinnung auf heimatliche Regionen, wie sie in den vergangenen Wochen ja auch nötig war, hat immer Positives. Aber ich kann nun mal im Erzgebirge keine hohen Berge besteigen. Ein cooles Kletterwochenende in der Sächsischen Schweiz ist toll, aber eine Expedition in den Pamir, in den Himalaya, in die Anden oder wohin auch immer, ist doch etwas ganz anderes. Kletterer und Bergsteiger sind sehr freiheitsliebend und lassen sich nicht gern einsperren.

Was passiert mit Menschen wie Ihnen in dieser Situation?

Bergsteigerträume zu verschieben, ist immer eine schwere Entscheidung, auch die Absage der für April geplanten Expedition. Aber diesmal war es für uns einfacher als vor 20 Jahren. Das war das Jahr, in dem wir zum Makalu aufgebrochen sind. Da wären wir bei den monatelangen Vorbereitungen und der Vorfreude durchgedreht, wenn wir mit allen Genehmigungen in der Tasche eine Absage bekommen hätten. Klar können sich Bergsteiger eine Weile anders fit halten, daheim an Geräten oder an einer Kletterwand. Aber das ist nur ein kümmerlicher Ersatz für die Freiheit des draußen Seins. Reinhold Messner hat mal gesagt: „Ich habe die Freiheit aufzubrechen, wann und wohin ich will.“ Das dachte ich auch immer von mir. Und jetzt ist diese Freiheit weg – eine erschütternde Erfahrung.

Was raten Sie Menschen, die sich trotz Beschränkungen aufmachen wollen zu den Bergen dieser Welt?

In die Berge zu gehen und sich nicht von einem Virus die Freiheit nehmen zu lassen, in den Alpen ist das wieder möglich. Anderswo wird es kommen. Sie sollten der Natur dabei immer mit Respekt begegnen und jede Besteigung so angehen, als wäre es ein schwieriger Berg, sich also gut vorbereiten. Frische Luft zum Atmen ist die beste Medizin. Abstand zu halten ist in den Bergen kein Problem. Dass sich das Corona-Virus durch Berührung am Fels beim Klettern übertragen lässt, wie es ein Professor der Universität Nottingham herausgefunden haben will – da muss man erst mal drauf kommen. Für mich ist das aber kein Grund, darauf zu verzichten.

Welche Sehnsuchtsziele haben Sie gerade jetzt?

Kamtschatka ist so ein Ziel, aber auch auf Wiederbegegnungen in Grönland und im Amazonas-Dschungel freue ich mich. Einige Wünsche habe ich mir zu meinem 60. Geburtstag im vergangenen Jahr schon erfüllt. Ich habe noch mal auf dem Vichren, mit 2.914 Metern der höchste Berg des Pirin-Gebirges in Bulgarien, gestanden – wie zu DDR-Zeiten. Damals allerdings habe ich von dort sehnsuchtsvoll auf den Olymp in Griechenland geschaut. Diesmal konnte ich ihn danach auch noch besteigen.

Und die höchsten Berge der Welt?

Gehören nicht mehr zu meinen Zielen. Es ist mir viel wichtiger, Natur zu erleben, Freunde zu treffen und anderen die Faszination der Berge nahezubringen. Als ich vergangenes Jahr bei einer Trekkingtour am Fuß des Manaslu stand und in die Höhe schaute, konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich es 1999 geschafft hatte, diesen 8.163 Meter hohen Gipfel zu besteigen. Die Kälte war das Schlimmste für mich. Nun stand ich unten, wartete auf mein warmes Essen im Zelt – ein Luxus.

Das Gespräch führte Gabriele Fleischer.

Mehr zum Thema Sport