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Als auf dem Schützenplatz Holzbaracken standen

Reinhilde Hering und ihre Familie wurden aus Pommern vertrieben. Zuvor retteten sie einen deutschen Soldaten.

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Von Sylvia Mende

Die Harthaerin Reinhilde Hering war vier Jahre alt, als sie mit ihren Eltern von einem Bauernhof in Pommern in der Nähe von Schönlanke fliehen musste. Oft haben sie und ihre Geschwister über die dramatischen Erlebnisse während der Zeit des Kriegsendes gesprochen. „Ich kann mich nicht mehr so genau an alles erinnern, weil ich einfach noch zu jung war. Meine Schwester Brigitte, die als Diakonissin in Elbingerode lebt und einige Jahre in Hartha wohnte, kann mehr darüber berichten“, so Reinhilde Hering.

Wenn Brigitte Völker (78) von den Erlebnissen ihrer Familie erzählt, ist es eine unglaubliche, spannende und zu Herzen gehende Geschichte, die sich in den Tagen des Kriegsendes sicher an einigen Orten ähnlich wiederholte.

„Wir waren sieben Geschwister. Ein Junge verstarb und eine Schwester haben die Russen 1945 erschossen. Mein Vater hatte die Post in unserem Dorf. Als er eingezogen wurde, hat meine 18-jährige Schwester den Dienst übernommen“, so Brigitte Völker. Sie war damals neun Jahre alt. „Die Deutschen zogen sich zurück. Wir hörten schon das Grollen der Geschütze der Russen und flüchteten. Allerdings kamen wir nicht weit. Die Russen holten uns ein. Wir gingen wieder zurück auf unseren Hof“, so Brigitte Völker. Der Hof sei in einem schrecklichen Zustand gewesen. Alles hatte man kaputt geschlagen. Die Russen hatten hier deutsche Kriegsgefangene untergebracht. „Als wir auf den Hof kamen, fanden wir einen Toten. Den haben wir im Garten beerdigt. Daran kann ich mich noch erinnern“, so Reinhilde Hering. Jedem Bauernhof seien Polen zugeordnet worden. Ein gutes Miteinander gab es nicht.

An einem Wintertag 1946tauchte bei den Großeltern von Brigitte und Reinhilde Völker, die gleich in der Nähe lebten, auf der Veranda ein junger deutscher Soldat auf. Bei Temperaturen um die minus 30 Grad hatte er sich die Füße erfroren. Außerdem hatte er zwei Streifschüsse, einen an der Stirn, den anderen an der Hüfte. „Er konnte nicht mehr laufen, kam auf allen Vieren gekrochen“, so die Diakonissin. Die Oma habe dem Soldaten sofort andere Sachen gegeben und die Uniform verbrannt. Dann wurde der junge Mann versorgt und bekam ein Nachtlager in der Scheune.

„Wir haben den Soldaten heimlich etwas zu Essen gebracht. Doch dann bemerkten polnische Kinder, dass da etwas sonderbar ist, und vermuteten, dass Partisanen in der Scheune versteckt sind. Polen kamen mit Maschinengewehren und schossen wild um sich. Sie trieben die Kühe zusammen und durchsuchten das Heu. Den jungen Deutschen, der damals 18 Jahre alt war, fanden sie nicht“, so die heute 78-Jährige. Es war aber zu gefährlich geworden, den Mann in der Scheune zu verstecken.

Der damals 13-jährige Bruder baute im Wald auf einer Anhöhe einen etwa drei Meter langen Bunker. Dort wurden auch die Wertsachen der Familie versteckt. Nun musste der junge Deutsche, der immer noch nicht laufen konnte, unbemerkt in den Bunker gebracht werden. „Er legte sich zusammengerollt in den Handwagen. Meine älteste Schwester und meine Tante brachten den Deutschen in den Morgenstunden ins Versteck, in dem er vier Monate verweilen sollte“, erinnert sich Brigitte Völker. Auch wenn es damals für die Kinder der Familie ein Abenteuer war, so wussten sie, dass das, was sie taten, lebensgefährlich war. Auch die Mutter hatte Angst um ihre Kinder. Deshalb wollte sie den Deutschen am Anfang nicht aufnehmen. Die ältere Tochter musste sie lange dazu überreden.

Wichtig war, dass die Füße des jungen Mannes heilen. Ein 56-jähriger Mann aus dem Dorf habe sich einen Bart wachsen lassen und lief krumm an einem Stock gestützt, um nicht aufzufallen. Er hatte die Pflege des Deutschen übernommen.

„Unser polnischer Bürgermeister trank viel und war bestechlich. Wir hatten heimlich ein Ferkel groß gefüttert und die Hälfte dem Bürgermeister gegeben. Deshalb bekam der junge Mann offizielle Papiere und konnte nach seiner Genesung im Sommer 1946 zurück nach Westfalen fahren“, erinnert sich Brigitte Völker. Alle seien glücklich gewesen, dass diese Hilfsaktion ein gutes Ende hatte. Doch das blieb nicht so.

Im Oktober 1946 wurde Mutter Völker mit ihren fünf Kindern ausgewiesen. Auf einem Viehwagen und später in einem Güterzug waren sie 14 Tage unterwegs. Reinhilde Hering erinnert sich noch an die vielen Leute und dass sie auf Stroh geschlafen haben.

In Elsterwerda kamen sie in ein Lager und im November 1946 nach Hartha. „Viele Leute aus unserem Dorf wurden in der Region verteilt. Einige leben in Kriebethal oder Waldheim“, so Brigitte Völker. Sie habe endlich nach zwei Jahren wieder in die Schule gehen können. Die Familie kam in einer Villa unter, die den Fabrikbesitzern der späteren Elmo-Werke gehörte. Später lebten sie in einer Holzbaracke auf dem Schützenplatz. Davon gab es zehn. „Uns standen Spinde und eiserne Doppelstockbetten zur Verfügung. Nachts konnten wir oft nicht schlafen, weil es so viele Wanzen gab“, so die Diakonisse.

Langsam sei bei der Familie Normalität eingezogen. Der Vater kam nicht aus dem Krieg zurück. „Wir hatten uns Hühner angeschafft und so auch Eier. Trotzdem haben wir viel gehungert“, so Brigitte Völker. Sie erlernte im Elmo-Werk den Beruf einer Mechanikerin. „Etwas anderes war nicht möglich. Dabei hätte ich gern mit Leuten gearbeitet“, so die 78-Jährige. Sie sei in der Kinderstunde von zwei Diakonissinnen an den Glauben herangeführt worden. Doch das sei nicht die erste Begegnung mit diesem gewesen. Auch die Mutter habe immer gebetet, dass sie und die Kinder heil und gesund von ihrem Besuch im Bunker des Soldaten zurückkehren. Der Deutsche, dem die Familie Völker und andere Dorfbewohner das Leben gerettet hatten, sei katholisch gewesen und habe stets ein Gebetsbuch dabei gehabt. Eine Zeit lang hielt die Familie Kontakt mit dem Westfalen. Doch das habe sich im Laufe der Zeit verloren. Mindestens ein Mal im Jahr kommt Brigitte Völker nach Hartha. Sie nennt das Heimaturlaub.