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Feuilleton

So nahm das Unheil seinen Lauf

Vajiko Chachkhiani dreht Kurzfilme mit georgischem Hintergrund. Alle drei jetzt in Dresden ausgestellten Werke deuten ein Unglück an.

Szene aus dem Film "Heavy Metal Honey"
Szene aus dem Film "Heavy Metal Honey" © Daniel Marzona

Von Uwe Salzbrenner

Ein Mann mit Hund zieht hinter seinem Pick-up-Truck eine Betonplastik nach Hause, die aus dem See geborgen wurde und einen der alten Staatsführer darstellt. Aber auch ihm sieht sie ähnlich. Er schleift die Figur auf dem Asphalt dahin, bis die Stahlbewehrung funkt. Im zweiten Film trifft sich die Familie daheim, schwatzt bei reich gedecktem Tisch, die Alten und die Jungen für sich.

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Dann fällt kräftig Regen durchs Dach, doch es schert sich keiner drum. Im dritten Film geht eine Frau mit ihrer Enkelin in eine Zirkusvorstellung. Wo die Kinder die Manege sehen, sieht sie ein Haus im Wasser und weint. Ort und Zeit der Handlung: Georgien, heute. Die Länge der Filme: jeweils eine Viertelstunde. Das gemeinsame Element ist das Wasser. Und der Verlust der Maske bei den Hauptpersonen. 

Diese Filme bestreiten die zweite Ausstellung des im Vorjahr gegründeten Kunstvereins Dresden. Sie stammen von Vajiko Chachkhiani, der in Tiflis Informatik und in Amsterdam und in Berlin bildende Kunst studiert hat. Neben der Filmarbeit fotografiert er auch, führt Performances auf, baut Installationen. In der Kunstwelt hat der 34-Jährige einen guten Ruf. Seine jetzt in Dresden gezeigten Filme wurden einzeln in Mailand, London und im finnischen Turku vorgeführt. 

2017 gestaltete er den Beitrag Georgiens für die Biennale in Venedig. Auch seine damals gezeigte Arbeit beschäftigte sich mit dem Wasser, mit der Transformation des Materials: In einem Regenhaus wuchs Moos. Wie Chachkhiani sagt, gehen die Werke auf ein Unglück in seiner Heimatstadt zurück, als 2015 der sonst ruhige Fluss Were Teile der Stadt Tiflis und den Zoo überschwemmt hat: die Hälfte der Tiere tot, ein Mann von einem Tiger umgebracht.

So arbeiten alle drei Filme auf ein Unglück hin. In „Winter Which Was Not Here“ weiß man als Betrachter nicht genau, wann die Not eintritt: Als der Mann sich im Denkmal erkennt? Als die Zerstörung einsetzt? Wenn man merkt, dass das Auto nur noch die leeren Gurte zieht, der Mann aber nicht aufhören kann, sich selbst zu schinden? In „Heavy Metal Honey“ ist die Hausfrau von der Unerschütterlichkeit der Tafelrunde irgendwann geschafft. Aber hat sie sich die befreiende Tat nur vorgestellt? 

Und in „Cotton Candy“: Fällt die titelgebende Zuckerwatte nach dem Zirkus auf die Straße, weil die Großmutter die Enkelin vor ein Auto schubst? Wahrscheinlich auch nur befürchtet, vorgestellt. Alles läuft im melancholisch abgesicherten Modus ab. Oder kommt man als Mitteleuropäer mit Pathos nicht zurecht?

Diese Filmkunst wirkt seltsam entrückt. Was sehr deutlich wird, bei drei gleichzeitig laufenden Filmen im schmalen Raum, ist der gleichlaufende Rhythmus. Wenn hier das Auto stoppt, setzt dort die Marschmusik aus. Wenn da das Haus im Wasser zu sehen ist, fallen hier Schüsse. Und der Schnurrbartmann, jetzt ohne Denkmal, Auto und Hund, sitzt mit im Manegenpublikum. Eine feine Verwendung des Materials rundum. Der Einsatz von Bildern, die an andere Kunst erinnern, gelingt Vajiko Chachkhiani tänzerisch leicht.

Bis 10. Juni im Kunstverein Dresden, Neustädter Markt 8, geöffnet Do/Fr von 16 bis 20 Uhr, Sa von 12 bis 16 Uhr

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