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Als der Flüchtlingstreck in Linz ankam

Die Ernte stand vor der Tür, als zwölf Familien aus Niederschlesien in Sachsen eine neue Heimat fanden. Ansprüche konnten sie nicht stellen.

Auch Schlesier wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Aus dem Kreis Guhrau kamen besonders viele Flüchtlinge in der Großenhainer Pflege an.
Auch Schlesier wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Aus dem Kreis Guhrau kamen besonders viele Flüchtlinge in der Großenhainer Pflege an. © Fotothek

Linz. 75 Jahre ist es nun her - auf den Tag genau am 28. Juni. Hätte der Schönfelder Ortsteil in diesem Sommer seine 800-Jahr-Feier begehen können, hätte das Thema eine große Rolle in der Festschrift und bei einer historischen Ausstellung gespielt. Werner Hoffmann ist ein bisschen traurig. Er hat viel Arbeit mit Ortschronist Frank Schneider darauf verwendet. Der 87-Jährige hofft, nun im kommenden Jahr alles noch miterleben zu können. Die Jahrfeier wurde verschoben. Doch die Erinnerungen an damals verschiebt man nicht. Sie kommen von selbst, ob man will oder nicht. 

Werner Hoffmann war 12 Jahre alt. Und mit seiner Mutter im Treck aus Schätz in Niederschlesien Richtung Westen. Die 128 Einwohner aus dem Ort im Kreis Guhrau waren für immer vertrieben worden. Als 47 Menschen an jenem 28. Juni und Tage später in Linz, Ponickau und Schönborn ankamen, ist das dennoch ihre Rettung: „Wir waren von der Straße, waren sicher.“

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Lehrer Wilhelm Frank führte die Gruppe an. Werner Hoffmanns Vater kam erst 1946 aus der Gefangenschaft. Man hatte die Schlesier in die Großenhainer Pflege geschickt, weil hier dringend Arbeiter in der Landwirtschaft gebraucht wurden: Die Ernte stand auf dem Halm. „Die Rittergüter aber waren leer, die Kriegsgefangenen waren weg, die Ostarbeiter auch“, blickt der Linzer zurück. Doch die Vertriebenen hatten Pferde. Deshalb gab der hiesige Gutsverwalter recht schnell seine Zustimmung, dass die Schlesier bleiben konnten. Sie bekamen Wohnungen, Arbeit und Essen. Mit den Linzern habe man sich „schnell vermischt“, sagt Werner Hoffmann. Doch Ansprüche stellen ging nicht.

Die Erlebnisse chronologisch notiert

Werner Hoffmann aus Linz mit seiner Chronik der Flucht. Für die ehemaligen Niederschlesier ist der frühere Bürgermeister-Vertreter von Linz ein Zeitzeuge und Bewahrer von Erinnerungen.
Werner Hoffmann aus Linz mit seiner Chronik der Flucht. Für die ehemaligen Niederschlesier ist der frühere Bürgermeister-Vertreter von Linz ein Zeitzeuge und Bewahrer von Erinnerungen. © Anne Hübschmann

Der 87-Jährige hat sich für seine „Chronik unserer Flucht 1945“ intensiv mit der Vertreibung auseinandergesetzt. Beginnend mit dem Aufbruch am 21. Januar in der Heimat, notierte er chronologisch die Erlebnisse des Trecks. Er hat alle Beteiligten von damals benannt, hat schon zu DDR-Zeiten auf eigene Kosten in Kirchenarchiven recherchiert. So weiß er, dass noch acht ehemalige Schätzer in Linz leben. Manche hat es in andere Richtungen verschlagen. Vertriebene aus dem Treck seien auch weiter Richtung Priestewitz gezogen.

„Wir Kinder“, erzählt der Linzer, hatten damals die Aufgabe, Beeren und Pilze zu suchen. Auch sind die Kinder auf dem Feld vor den Pferden oder Maschinen hergelaufen, um sie vor Blindgängern zu warnen. „Wir schlugen hier neue Wurzeln, aber wir hatten doch immer die Hoffnung, es geht wieder zurück“, benennt Werner Hoffmann, was alle damals empfanden. Die Heimat verloren zu haben – auch aufgrund der Kriegsschuld der Deutschen – tat weh. Linz war damals ein Dorf mit noch nicht ausgebauter Straße und offenen Straßengräben auf beiden Seiten. Rechts der Schönborner Straße, erinnert er sich, stand ein russischer Panzer vom Typ T34.  

1964 konnte Werner Hoffmann das erste Mal nach Schätz zurück. „Seitdem bin ich 15 Mal dort gewesen", sagt der gehbehinderte Senior entschlossen. Er hat ein gutes Verhältnis zu den heute dort Lebenden. Doch nun, am 75. Jahrestag der Ankunft in Linz, erinnert er sich wieder der großen Unsicherheit, die die Trecks damals begleitete. Wurden sie von russischen Soldaten kontrolliert, hieß das oft: Plünderung. Von Tag zu Tag waren es weniger Pferde geworden, und die Angst der Schätzer war groß, ihre Wagen mit den Habseligkeiten nicht mehr ziehen zu können. „Wie waren in manchen Orten gewesen, wo schon alles überfüllt war“, erinnert sich Werner Hoffmann. Bei den Sorben wollten die Schlesier selbst nicht bleiben. Einige Schätzer sind während der Flucht gestorben, andere verließen den Treck. Sogar noch nach Kriegsende, im Herbst 1945, verschieden vier Frauen aus der Gruppe an Typhus.

Bis vor 15 Jahren trafen sich die Schätzer jedes Jahr im Gasthof Adelsdorf zum Heimattag. Da stellte Werner Hoffmann seine Chronik und seine dicken Fotoalben aus. Doch mittlerweile wissen vielleicht nicht mehr viele Linzer, was es mit den Schlesiern auf sich hat. Der Enkel von Werner Hoffmanns Schwester aber bat eines Tages: „Oma, erzähl doch was von früher!“ So kam der Linzer dazu, seine „Erinnerungen an unsere alte Heimat“ aufzuschreiben. In diesem Heft befindet sich eine Karte des 1310 erstmalig genannten Ortes und die Übersicht, wer wo wohnte. Damit will Hoffmann daran erinnern, wo seine Wiese stand. Für die Enkel, denen diese Geschichte doch stets fremd bleiben wird.

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