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Als der Frühschoppen schon 6.30 Uhr begann

Die SZ erzählt Geschichten aus dem alten Rödertal. Heute: Wie ein Radeberger Gastwirt für Diskussionen sorgt.

© dpa

Von Hans-Werner Gebauer

Radebergs umtriebiger Gastwirt Karl Quosdorf hatte zum Osterfest 1914 „Prinzess Helena die Marketenderin“ als Schauobjekt in seiner Gastwirtschaft „Zur Reichskrone“ beschäftigt. Menschen zu zeigen, verstieß vor 100 Jahren nicht gegen die guten Sitten und damalige Moralvorstellungen. Ein solches Auftreten führte in aller Regel zu einem erhöhten Umsatz. Zugleich sorgte es natürlich vor allem in konservativen Kreisen immer wieder für Diskussionen. Und es waren nicht nur die, sondern auch Anzeigen. Ob aus Neid zur Konkurrenz oder aus tatsächlichem sittlichem Entrüsten sei dahingestellt.

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Jedenfalls wurde Karl Quosdorf angezeigt. Der Ostersonnabend, der erste Tag des Auftritts von Prinzess Helena – übrigens „89 cm klein und ein Aussehen wie ein achtjähriges Kind“ – war Gegenstand der Anzeige. Die Tage vor Ostern galten nach ursprünglichem Kirchenrecht als geschlossene Zeit. Es durften keine Lustbarkeiten stattfinden, kein Tanz und keine Hochzeit. Radeberg hatte extra noch 1905 eine Stadtordnung erlassen, in der stand: „In neuerer Zeit werden gerade an den Tagen, für die nach den gesetzlichen Bestimmungen über die Sonn-, Feier- und Bußtagsfeier eine besonders stille Verehrung vorausgesetzt wird, nämlich an den Bußtagen, dem Karfreitag und dem Totensonntage sowie an den Vorabenden in den Schankwirtschaften Schlachtfeste, Schmäuse, Skatturniere, Bockbierausschank und dergl. veranstaltet. Das Königliche Ministerium findet solche Veranstaltungen, bei denen eine geräuschvolle Begehung sehr häufig unvermeidbar ist, geeignet, in breiten Schichten der Bevölkerung Aergernis und Entrüstung hervorzurufen und hat strenges Einschreiten dagegen eingeschärft!“

Der diensthabende Gendarm konnte gegen Quosdorf keine einstweilige Verfügung auf Auftrittsverbot durchsetzen, und polizeirechtlich hielt sich Bürgermeister Bauer bedeckt. Denn Quosdorf argumentierte, dass der Sonnabend ein Werktag sei. Schließlich hätten in Radeberg alle Geschäfte bis mindestens 10 Uhr abends auf. Was stimmte. Vor 100 Jahren war noch die Wochenlohnzahlung üblich, wodurch es zu diesen Öffnungszeiten kam. Und der Gastwirt ging noch einen Schritt weiter. Er habe schließlich Prinzess Helena als Marketenderin angestellt. Sie verkaufte tatsächlich im Gastraum Süßigkeiten, Zigaretten und Schnaps auf Rechnung des Hauses.

Auch am Folgetag „provozierte“ Karl Quosdorf. Er stellte praktisch die Gottesdienstfrage neu. War es Polizeirecht und Gewohnheit, dass „weltliche Dinge“ erst nach dem sonntäglichen Hauptgottesdienst stattfinden konnten, hatte Quosdorf den Frühschoppen bereits für 6.30 Uhr angesetzt. Er meinte, da um 4 Uhr früh durch das Läuten der Kirchenglocken zum Gebet und zum Osterfrühgottesdienst gerufen wurde, hätte er die Polizeiordnung nicht verletzt. Zur Sicherheit hatte er zwei Berliner Rechtsanwälte, die in Sachsen zugelassen waren, für seine „Provokation“ gewonnen. Sie machten sich Quosdorfs Auffassung zueigen. „Für die Seele sei gesorgt, nun müsse man auch für den Leib sorgen. Essen, Trinken, Tanzen, Spielen und Dinge tun, die die Lust zum Leben befördern“. Gegner Quosdorfscher Auffassungen machten mobil. So warf man ihm vor: „Zwei Wege führen zur Armut, den Leuten die Zeit mit Unsittlichem zu stehlen und Sonntagsarbeit.“ Die Diskussionen in der Stadt änderten nichts mehr am Lauf der Dinge. Eine Mehrheit der Bürger war für die Neuerungen der Zeit. Der im Sommer beginnende 1. Weltkrieg änderte in seiner Radikalität und seinen Auswirkungen dann sowieso sämtliche traditionellen Werte und Anschauungen. Was man natürlich Ostern 1914 noch nicht wissen konnte.