merken
PLUS

Als der Gastwirt zum letzten Tanz lud

Für den Truppenübungsplatz sind zehn Orte verschwunden – aber nicht vergessen.

Von Birgit Ulbricht

Vielleicht würden die Kinder von Lüttichau heute noch in die Grundschule nach Zochau gehen oder nach Krakau – immerhin war das eine richtige Stadt. Vielleicht, hätte das Deutsche Kaiserreich nicht 1907 die ersten drei Dörfer komplett umgesiedelt, damit hier auf 46 km² ein Schießplatz mit Kasernengelände entstehen kann. Und hätte die deutsche Wehrmacht 1938 nicht weitere sieben Dörfer und eben jene Stadt Krakau geräumt und den Menschen ringsum in den Dörfern Umsiedlerhäusern mit Land gegeben, weil der Truppenplatz auf 75 km² erweitert wurde. Einzig Naundorf überstand diesen Eingriff, weil der Ort, zur Hälfte schon geräumt, schließlich 1945 von Flüchtlingen und Rückkehrern kurzerhand wiederbesiedelt wurde, die die erste LPG gründeten.

Anzeige
Eine Pflegeimmobilie als Kapitalanlage
Eine Pflegeimmobilie als Kapitalanlage

In Hainichen kann ab sofort sicher, sorglos und sozial wertvoll Geld angelegt werden.

Ute Steckel Vorsitzende des Geschichtsvereins TÜP
Ute Steckel Vorsitzende des Geschichtsvereins TÜP © Anne Hübschmann
Kleines Foto: Gastwirt Julius Jurisch aus Zochau. Die Karte zeigt, wie die Landschaft heute aussehen würde, wenn es den Truppenübungsplatz nicht gegeben hätte. Am 1. Oktober 1907 verließen 377 Bewohner der Orte Otterschütz, Zietsch und Quosdorf ihre Dörfe
Kleines Foto: Gastwirt Julius Jurisch aus Zochau. Die Karte zeigt, wie die Landschaft heute aussehen würde, wenn es den Truppenübungsplatz nicht gegeben hätte. Am 1. Oktober 1907 verließen 377 Bewohner der Orte Otterschütz, Zietsch und Quosdorf ihre Dörfe

Die anderen Orte verschwanden, waren weg – aber nicht aus den Köpfen der Umgesiedelten. Am Donnerstagabend war der Sackaer Gasthof rappelvoll. Wer sich zum Vortrag von Ute Steckel vom Geschichtsverein Königsbrück und Heimatforscher Matthias Lange keinen Stuhl reserviert hatte, kam nicht hinein. Es gab Kartoffelsuppe für alle und lebendige Geschichte. Lebendig, weil die Zuhörer nicht nur einfach Zuhörer sind, sondern alte Rohaner, Zochauer, Krakauer oder Otterschützer. Sie wissen, wer mit wem verheiratet war, welchen Hof sie hatten, welche Gaststätte, und sie schreiben so an der Geschichte über die „verschwundenen Dörfer“ mit. So akribisch haben Matthias Lange und Ute Steckel Fotos und Adressbücher ausgewertet, dass schon Ahnenforschung entstanden ist, die Höfe bis 1836 zurückverfolgt wurden, viele Fotolücken geschlossen sind.

Jüngste Luftaufnahmen der verlorenen Orte kommen von den Amerikanern, die 1945 das Gebiet überflogen haben und jetzt sozusagen noch ein spätes Geschäft machen. Matthias Lange hätte am Donnerstag gern die Neuerwerbung eines Zochau-Luftbildes präsentiert, nur das war noch nicht da aus Amerika. Noch nie hat jemand dieses Motiv bestellt, gab er die Antwort der Amerikaner bekannt. Die suchen nun erst mal. Andere Luftaufnahmen, jede 95 Euro teuer, zeigen die typischen Dorfanlagen von Höfen, Kirchen, Mühlen und Schule. Die Orte Sella und Zochau, um die es diesmal ging, waren die kleinsten. Sella hatte 1936 gerade einmal 120 Einwohner, Zochau 143. Aber es sind die Gesichter und Geschichten, die diese Orte seit Jahren lebendiger machen. Geschichten wie die von Julius Jurisch, der im August 1904 stolz mit Frau Ernestine fürs Foto posiert. Er besaß den Zochauer Gasthof zum Lehngericht, ein Gut, das über 400 Jahre im Familienbesitz war, wie Ute Steckel nachweisen konnte. Julius Jurisch war Flaschenhändler, Materialwarenbesitzer, Fleischer und Gastwirt. 1938 lud er als solcher „zum letzten Tanz“ ins Lehngericht, bevor die Dörfler alle mit Pferd und Wagen gehen mussten. Nicht nur jeder Baum, jeder Strauch, jedes Storchennest wird heute nach Aufzeichnungen und Erinnerungen rekonstruiert. Manchmal haben die Altvorderen hübsche Erinnerungen, die sie einfach liebenswert machen. So hat der Radfahrverein Germania in Zochau ein „Prodogoll-Buch“ geführt. Ein Protokoll-Buch natürlich, aber der Schriftführer schrieb halt alles auf, wie ihm die Worte aus dem Mund liefen.

Wie aus Jursch Jurisch wurde

Solche Zeugnisse zu lesen, bietet Ute Steckel auch allen Interessierten an. Sie lassen uns staunen, schmunzeln, nachdenken und sie entheben diese Menschen plötzlich der Anonymität. Genauso aktenkundige Begebenheiten, wie die, als alle Jurschs und Jurischs zusammengerufen wurden und man festlegte, wer seinen Namen künftig mit „i“ führt und wer ohne. Man war mit der Zuordnung der Steuerzahlungen durcheinander gekommen. Da wurde der Staat wach. Dass die Familien ihre Ur- und Großeltern nie vergessen haben, belegt das rege Interesse an einer Geschichtsschreibung und die erstaunliche Ortskenntnis, wie es heute in der alten Heimat aussieht. Denn es ist ja verboten, das Naturreservat NSG Königsbrücker Heide zu betreten, das hat schon viel Unwillen gegeben, weil sich die Menschen durch solche neuerlichen Verbote letztlich genauso gegängelt fühlen wie von über hundert Jahren Militär. Manche ehemaligen Orte stehen nun fast komplett unter Wasser, weil der Biber sein Werk getan hat. Doch überall sind Siedlungsreste zu finden. Denn die Gebäude wurden meist stehengelassen, als Ställe zur Versorgung oder gleich als Zielobjekt für die Panzer. Die Menschen sind nicht vergessen, irgendwann wird der Geschichtsverein die zehn verschwundenen Orte komplett virtuell rekonstruiert haben.