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Als der Müller in der Mühle Feuer machte

Er wurde vom Getriebe erfaßt, zwischen die Räder geworfen und buchstäblich zerquetscht.

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Von Bernd Dreßler

Als in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts die Oberlausitzer Bockwindmühlen in ihrer Blütezeit standen, war der Winter für den Müller eine harte Zeit. In den mit einfachen Brettern verschalten hölzernen Bauwerken pfiff der Wind durch alle Ritzen, an eine Heizung war nicht zu denken. Wurde dem Müller bei seiner harten körperlichen Arbeit wie Säckeschleppen, Getreide zwischen die Mühlsteine schütten usw. noch warm, so wäre er in den mitunter langen Arbeitspausen, in denen er die Mühle wegen eventueller technischer Pannen oder gar Mehlstaubexplosionen nicht verlassen durfte, zum Frieren verdammt gewesen. Wenn es nicht in jeder Mühle eine winzige Wachstube gegeben hätte – das Müllerstübchen.

Qualm aus dem Stübchen

In diesem meist keine vier Quadratmeter großen Zimmerchen war es gemütlich warm. Denn der Raum war nicht nur gut isoliert, sondern auch mit einem kleinen Kanonenofen ausgestattet. Das Rauchabzugsrohr ging, nur einfach ummantelt, durch die Mühlenbretter ohne Umwege ins Freie. Nicht nur an den drehenden Flügeln, sondern auch am Qualm konnte man erkennen, dass die Windmühle in Betrieb war. Vielleicht war das ein Grund, weshalb am 5. Dezember1872 alle Windmühlenbesitzer des Kreises Görlitz ersucht wurden, „sich Behufs einer Besprechung in Angelegenheit der Feuer-Versicherung in der hiesigen Schönhof-Brauerei einzufinden“. Es ist jedoch nicht überliefert, dass wegen der Müllerstübchen-Heizerei in der Oberlausitz oder in Niederschlesien eine Mühle abgebrannt wäre.

Unfälle aus Leichtsinn

Dafür blieben die Windmühlenbesitzer und Windmüller jener Zeit von Unglücken anderer Art nicht verschont. Unfälle waren an der Tagesordnung, wobei man zwischen solchen, die dem Müller in Ausübung seines Berufes passierten, und solchen, die meist Außenstehenden durch puren Leichtsinn widerfuhren, unterscheiden muss.

Zu Unfällen der ersten Kategorie konnte es kommen, wenn der Müller Schaden von der Mühle abwenden wollte, was bei aufkommendem Gewitter oder Sturm der Fall war. Dann musste er, ob er wollte oder nicht, dafür sorgen, dass die Flügel dem Unwetter möglichst wenig Widerstand boten, sprich Segel wurden eingeholt oder – und das war für die hiesige Gegend viel typischer – Windbretter wurden herausgenommen. Dabei kam am 6.April 1853 ein Müller aus Sohland am Rotstein ums Leben. Ein zum Stillstand gebrachter Flügel, in den der Müller geklettert war, setzte sich plötzlich wieder in Bewegung, der Müller wurde „mit in die Höhe geschwungen, gewaltsam herabgeschleudert und am andern Morgen mit bedeutenden Kopfverletzungen entseelt aufgefunden“, wie ein Chronist vermerkte.

Ebenso ein toter Mann war der Müller Glätterbauer aus dem Gebiet Reichenberg, als er im September 1897 einen Antrieb reparieren wollte. Doch er vernachlässigte schon damals geltende Arbeitsschutzbestimmungen sträflich, denn er montierte bei laufender Mühle. So kam es, wie es kommen musste: Er „wurde vom Getriebe erfaßt, zwischen die Räder geworfen und buchstäblich zerquetscht, sodaß das Blut nach allen Seiten spritzte“. Glätterbauer wurde mit zerbrochenem Brustkorb aus dem Getriebe gezogen. „Der Verunglückte war Witwer und hinterläßt vier unversorgte Kinder“, war nach dem Unglück zu lesen.

Mit dem Arm ins Getriebe

Unfälle der zweiten Kategorie ereigneten sich, weil Kunden, aber auch Verwandte des Müllers die in einer solchen Mühle wirkenden Kräfte völlig unterschätzten. So geschehen am 20. Mai 1874 im südöstlich von Ostritz gelegenen Weigsdorf, das bis 1945 zur Amtshauptmannschaft Zittau gehörte. Dort geriet ein zwölfjähriger Junge in das Getriebe der Windmühle, „wodurch der eine Arm derart verstümmelt wurde, daß die Amputation vorgenommen werden mußte“, wie es hieß. Noch schlimmer traf es einen gewissen Johann Christian Zscheutsch aus Ebersbach. Er hatte gewettet, am Abend des 11. September 1763 in Kottmarsdorf ganz nahe bei einer sich drehenden Windmühle vorbeizulaufen, ohne von einem Flügel getroffen zu werden. Der Ebersbacher Chronist Gottlob Paul berichtete: „Allein der Versuch verlief unglücklich. Er ward von der Mühle ergriffen und im 36. Jahre seines Lebens in Kottmarsdorf begraben.“