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Als der Rektor jeden Fluch bestrafte

Das Görlitzer Gymnasium Augustum blickt auf 450 Jahre zurück. Ein Grund zur Feier – und zu einer Ausstellung.

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Von Ralph Schermann

Ein Museum macht Schule. In Görlitz widmet der Kaisertrutz seit Mai seine Sonderausstellung „Denkfabrik 1600“ einem Bildungsjubiläum: 450 Jahre Gymnasium Augustum. Schon die Eröffnung ließ aufhorchen, hat Historikerin Ines Haaser doch eine Schau entworfen, die sich dem Ereignis mit vielen Facetten nähert, von der Reformation bis zum Buchdruck, von Kriegseinflüssen und Pest bis zur Politik: Schule ist nicht denkbar ohne äußere Einflüsse. Schon gar nicht das Augustum, das als Kaderschmiede für Kirche, Verwaltung und Lehre galt. Der Blick zurück gerät im Kaisertrutz dabei zu einer spannenden Zeitreise.

Dass jetzt 450 Jahre mit Jubel und Festprogramm gewürdigt werden, hat seinen Ursprung bereits im 14. Jahrhundert. Damals ist in Görlitz im Waidhaus eine erste städtische Schule nachgewiesen. 1458 entstand dann eine Schule im Franziskaner-Kloster am Obermarkt. Hier sollten begabte Schüler auf ihr Studium vorbereitet werden. Im Jahr 1530 formte die Reformation die alte Schule zu einer evangelischen städtischen Lateinschule. Am 22. Juni 1565 schließlich wurde diese Schule in das ebenfalls der Reformation wegen nun verlassene Franziskanerkloster verlegt. Der erste Rektor hieß Petrus Vincentius, kam von der Uni Wittenberg und war ein Freund Philipp Melanchthons. Das Schulgeld der Eltern bekam der Rat der Stadt, der wiederum dem Rektor und den zunächst neun Lehrern Gehalt zahlte. 1566 erließ der Rektor das erste Schulgesetz – verlangt wurden vor allem Gehorsam, Dankbarkeit und Bescheidenheit gegenüber Lehrern. Verboten war lasterhaftes Leben, selbst Fluchen führte zur Strafe mit Karzer oder umfangreichen lateinischen Zusatzübungen. Für 1590 sind 648 Schüler nachgewiesen, eine Zahl von Schulstrafen fehlt allerdings. Das lag vielleicht auch am exzellenten Ruf, der der Schule vorauseilte. Deshalb wohl kamen die Schüler nicht nur aus Görlitz und Umgebung, sondern aus der gesamten Oberlausitz, und selbst Herkünfte aus Kurland, Livland, Polen, Brandenburg und Ungarn sind belegt. Der gute Ruf steigerte sich noch, als 1695 Samuel Grosser Rektor wurde. Sein Name steht auch im Zusammenhang mit dem ersten Schülertheater der Bildungsanstalt. Als sich 1779 die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz formierte, gehörten Lehrer des Gymnasiums Augustum bald zu den Mitgestaltern. Spätestens jetzt galt auch die Schule als ein Ort der Wissenschaftspflege der Oberlausitz. Der Wechsel zu Preußen nach 1815 brachte der Schule eine Aufwertung der Fächer Deutsch, Mathe, Zeichnen und – nun neu – Physik. Es wurde Wert auf staatsbürgerliche Erziehung gelegt, zugleich auch auf den Turnunterricht. 1816 gab es die erste Abiturprüfung am Gymnasium Augustum. Nur die Note 1 berechtigte damals zum Besuch einer Universität. Und noch eine kleine Neuerung hatte eine große Wirkung: 1835 wurde das Klassenbuch für eine bessere Strukturierung des Schulbetriebes erfunden. Von Bedeutung für das Jubiläum ist vor allem das Jahr 1856. Nun bezog die Schule ihr neues Gebäude am Klosterplatz, jenes Haus mit der beeindruckenden Fassade, das auch das Fotomotiv der Illustration dieses Beitrags liefert. Der Neubau entstand, als baufällige Reste des alten Klosters an dieser Stelle abgetragen waren.

Im Ersten Weltkrieg wurden 18 von 28 Lehrern zum Militär einberufen. In diesem Krieg fielen 280 ehemalige Schüler, der Zweite Weltkrieg forderte noch mehr Opfer. Zudem wurden unter der Nazi-Diktatur alle Lehrpläne überarbeitet und der Ideologie angepasst. Die bis dahin eifrig betriebenen alten Sprachen waren von den Schulgestaltern des Dritten Reiches nicht mehr als erforderlich bewertet worden.

Nach 1945 wurde das gesamte Haus als Gymnasium nicht mehr gewünscht. Einzig die in der früheren Luisenschule eingerichtete Erweiterte Oberschule (EOS) „Frederic Joliot-Curie“ erfüllte in der DDR die Ausbildung in zwölf Klassen zum Abitur. Es galt als Merkwürdigkeit jener Zeit, als das Jubiläum „400 Jahre höhere Schulbildung in Görlitz“ 1965 ausgerechnet hier mit einer Festwoche begangen wurde. Immerhin: Sowohl im Programm als auch in der Publikation spielte die Geschichte des Augustum eine beachtete Rolle. Das Haus am Klosterplatz indes wurde zur 14. Polytechnischen Oberschule (POS) und erhielt 1968 das Privileg, jährlich in einer 5. Klasse musisch interessierte Schüler aus der Stadt aufzunehmen. Diese Gruppe nannte sich Ensemble-Klasse, und aus ihr kamen jene, die im Jugendblasorchester, im Chor, in der Tanzgruppe oder der AG Darstellendes Spiel mitwirkten. Damit war die Schule, die nach Johannes Wüsten benannt wurde, wieder etwas Besonderes weit über Görlitz hinaus. Es blieb ehemaligen Absolventen im Westen Deutschlands vorbehalten, die Erinnerungen an das Gymnasium mit einem eigenen Freundeskreis wachzuhalten.

Nach den politischen Veränderungen 1990 wurde am Klosterplatz dann wieder ein Gymnasium aufgebaut und auch der alte Name Augustum wieder angenommen. Was bis heute blieb, ist der künstlerische Akzent. Er lebt mittlerweile in einem Zusammenschluss mit dem Annengymnasium, das aus der 5. POS hervorging, einer Schule mit erweitertem Sprachunterricht. 2004 verschmolzen beide Einrichtungen zum Augustum-Annen-Gymnasium. Eine umfassende Sanierung des früheren Franziskanerklosters konnte schließlich im September 2013 abgeschlossen werden.

Foto: Wolfgang Breitkopf