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Als Sender Wilsdruff Außenpolitik machte

Nicht jeder möchte den Erhalt der Riesenantenne. Die Gründe dafür liegen mitunter in der Vergangenheit.

Nach der Wende konnte der Sender Wilsdruff besichtigt werden. Nun soll die Riesenantenne abgerissen werden.
Nach der Wende konnte der Sender Wilsdruff besichtigt werden. Nun soll die Riesenantenne abgerissen werden. © Thomas Morgenroth

Die vom Abriss bedrohte Wilsdruffer Riesenantenne hat nicht nur Freunde. Einige davon meldeten sich per Leserbrief und auf Facebook zu diesem Thema. Diese Abrissbefürworter sind davon überzeugt, dass die Sendeanlage von der Staatsmacht der DDR genutzt wurde, um westliche Sender wie die Programme des Rundfunks im amerikanischen Sektor – besser als Rias Berlin bekannt – zu stören.

Dass dieser in Dresden und Umgebung oft in schlechter Qualität zu empfangen waren, lag nicht an der Riesenantenne, sagt Rainer Suckow. Er leitet den Förderverein „Sender Königs Wusterhausen“, der auch das Funkerberg-Museum in Königs Wusterhausen gründet hat. Dessen Mitglieder beschäftigen sich auch mit dem Mast in Wilsdruff. Der Rohrmast in Wilsdruff diente als Antenne für einen Mittelwellensender großer Leistung, erklärt er. Dieser hat ein großes Gebiet versorgt. „Eine gleichzeitige Nutzung als Störsender war in der DDR unüblich“, sagt Suckow. Diese Einschätzung teilt auch Frank Gnegel vom Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main. „Ein Sender kann gleichzeitig nur auf einer Frequenz senden und daher nicht zur selben Zeit für andere Sender auf anderen Frequenzen als Störsender fungieren.“

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Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass es unmittelbar neben dem Mittelwellensender Wilsdruff einen anderen Sender gab, der als Störsender fungierte. An solchen Standorten war es damals durchaus üblich, dass es mehrere Sender gab, die auf unterschiedlichen Frequenzen unterschiedliche Programme abstrahlten, so Gnegel. Ob sich in Wilsdruff ein Störsender befand, könne er aber nicht sagen.

Prinzipiell gab es damals zwei Möglichkeiten, missliebige Programme ausländischer Sender zu stören. Zum einen hätte man dafür große zentrale Sender – wie den in Wilsdruff – nutzen können. Doch diesen Weg sei die DDR seines Wissens nach nicht gegangen. Dies lag auch daran, dass die abgestrahlte Energie mit der Entfernung sinkt und man zur zuverlässigen Störung sehr große Sendeenergien benötigt. Das war offenbar zu teuer. „Daher realisierte man in der DDR ein Netz kleinerer Störsender mit regionaler Reichweite“, so Gnegel. Ähnlich sieht es Suckow. Auch nach seinen Informationen wurden Sender mit geringer Leistung installiert, die in der Nähe der potenziellen Hörer betrieben wurden. Ob auf dem Sendergelände in Wilsdruff mal ein Störsender betrieben wurde, um in der Dresdner Region die von Hof abgestrahlten Rias-Programme zu stören, könne auch er nicht sagen, so Suckow.


Eine unrühmliche Rolle spielte die Sendeanlage allerdings 1968/1969, als in der Tschechoslowakei eine Reformbewegung an die Macht war. An deren Niederschlagung war auch die DDR interessiert. Deshalb gründete die SED-Parteiführung einen Radiosender mit dem Namen Rádio Vltava, zu deutsch Radio Moldau. Unter diesem Namen sendet er ab dem 21. August 1968, erzählt Andreas Schönfelder von der Umweltbibliothek Großhennersdorf bei Löbau. Die Umweltbibliothek ist der wenig erforschten Geschichte dieses Radioprogrammes nachgegangen.

Dieses Programm wurde nicht von der Riesenantenne, sondern von einem kleineren Sender, der sogenannten Flächenantenne,  gesendet. Das Programm habe nur ein Ziel gehabt, sagt Schönfelder: Es sollte die Reformbewegung bekämpfen. Produziert wurde das Programm auf dem Grundstück des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR in der Berliner Nalepastraße. Dort arbeitete eine etwa 60 Mann starke Redaktion für ein Programm in tschechischer und slowakischer Sprache. Mit Beiträgen und Falschmeldungen versuchte die Redaktion, den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes zu rechtfertigen. Anhänger und Akteure der Reformbewegung sowie deren vermeintliche Helfer im Westen wurden denunziert. Die Redaktion versuchte, unter der Bevölkerung Verwirrung zu stiften. Obwohl die neue tschechoslowakische Regierung Berlin mehrfach aufforderte, das Programm abzustellen, ging die DDR erst am 13. Februar 1969 darauf ein.

Eine große Wirkung dürfte das Programm nicht gehabt werden. Denn kurz nach dessen Start kursierten in der CSSR Flugblätter, in denen sich die Initiatoren über die Sendungen lustig machten. Denn jeder Einheimische konnte hören, dass die Nachrichten nicht von Tschechen und Slowaken vorgelesen wurden, so Schönfelder. In der Kürze der Zeit war es der DDR-Staatsführung offenbar nicht gelungen, linientreue Redakteure zu gewinnen, die perfekt Tschechisch und Slowakisch sprechen konnten. Mindestens einer der Sprecher soll ein Sudetendeutscher gewesen sein. Dieser beherrschte zwar die tschechische Sprache, sprach sie aber mit deutschem Akzent, berichtete ein Zeitzeuge dem Internetforum Radiomuseum.org.

Einige Tschechen griffen zur Feder und schrieben der Redaktion von Radio Moldau, erzählt Wolfgang Lill, Redakteur bei Radiomuseum.org. Ein „Hörerbrief“ begann so: „Sehr gern hören wir ihre Nachrichten. Senden Sie öfter! Einen solchen Spaß haben wir schon lange nicht mehr gehabt.“ Der Geheimsender Wilsdruff hat der Zielgruppe offenbar etwas Spaß gemacht – und die Genossen in der DDR hatten ein neues Erfolgserlebnis, sagt Lill.

So reagierten die Tschechen auf Radio Moldau

Die Tschechen und Slowaken erkannten sofort, dass der „Untergrundsender“ Radio Moldau nicht von Einheimischen betrieben wurde. Denn die Moderatoren sprachen eine eigentümliche Sprache.

Einer oder eine Gruppe reagierte mit ganz speziellem Humor. Er oder sie ließen Flugblätter drucken, die heimlich verteilt wurden. Die Umweltbibliothek Großhennersdorf hat eines dieser Flugblätter dokumentiert.

© SZ

Zu sehen ist eine Abbildung des braven Soldaten Schwejk. Dieser ist die Hauptfigur in einem Schelmenroman von Jaroslav Hašek (1883–1923). Schwejk, Soldat der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg, versucht dort, sich mit List und Witz vor dem Kriegseinsatz zu drücken.

Auf dem Flugblatt machen sich die Macher über sie Aussprache lustig. Die Großhennersdorfer versuchten sich an einer sinngemäßen Übersetzung: „Achdung, Achdung! Liebe Bierger, horen sie unsere riechtiggen Nachriechten. Wänn wier ojch aale befreihen aus däm Feind, dann wier werdengähän aale na chause. Wänn uns niecht aale auffressen! 

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Der Beitrag wurde in einigen Passagen gegenüber der Erstveröffentlichung aktualisiert.

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