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Als Deutschland jenseits von Zittau polnisch wurde

Eine neue Studie erinnert daran, dass auch Sachsen nach dem Kriegsende 1945 Gebiete abtreten musste.

Die Autoren des Buches werteten Korrespondenz, Dokumente und Erinnerungsberichte aus und interviewten Zeitzeugen.
Die Autoren des Buches werteten Korrespondenz, Dokumente und Erinnerungsberichte aus und interviewten Zeitzeugen. © Verlag

Von Michael Kunze

Tief hat sich der 22. Juni 1945 ins Gedächtnis der Bürger des östlich der Lausitzer Neiße gelegenen „Zittauer Zipfels“ einst eingegraben. Ein polnischer Räumungsbefehl ließ ihnen seinerzeit keine andere Wahl, als Haus und Hof zu verlassen. Kaum mehr bekannt ist: Neben Schlesiern oder Ostpreußen mussten auch Sachsen im Zuge der von Stalin forcierten Westverschiebung Polens ihre Heimat nach dem Weltkrieg aufgeben.

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Um 22 Dörfer geht es, auf 144 Quadratkilometern mit rund 24.000 Einwohnern (Stand: 1939). Sie waren durch Textilindustrie und sind bis heute von Braunkohlenabbau geprägt und diesem mittlerweile teils zum Opfer gefallen. Die Orte hatten zum Kreis Zittau im Dreiländereck von Oberlausitz, Schlesien und Böhmen gehört. „Meist wird das Gebiet … unter Schlesien subsummiert, was historisch falsch ist.“ Das schreiben die Historiker Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath in ihrer Studie „‚Do hoan uns die Polen nausgetriebm‘. Vertreibung, Ankunft und Neuanfang im Kreis Zittau 1945 – 1950“. Zustande gekommen ist diese mit Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Die Autoren, die den Titel einem die Erlebnisse verarbeitenden Mundart-Gedicht entlehnten, werteten etwa Korrespondenz, Dokumente und Erinnerungsberichte aus und interviewten Zeitzeugen. Laut einer erhaltenen Heimatortskartei, kalkulieren sie, sei rund ein Drittel jener Vertriebenen in die Bundesrepublik ausgewandert, die meisten in die DDR, einige ins Ausland.

Geplündert und vergewaltigt

An jenem 22. Juni musste die Mehrzahl der Bürger des „Zipfels“, der sich an den heutigen Südosten Sachsens anschließt, auf und davon. Die Studie spart Plünderungen, Suizid, Vergewaltigungen nicht aus – das, worüber in der DDR geschwiegen werden musste. Doch es wird auch die Zeit nach Kriegsende in Erinnerung gerufen. Einerseits kommt das Schicksal jener wenigen zu Wort, die noch lange in ihrer Heimat bleiben konnten, da sie etwa Fachkräfte in der Industrie waren. Andererseits schildern die Autoren den Neuanfang jenseits der Neiße, mitunter in Sichtweite der einstigen Häuser, wo bald Polen heimisch wurden, die meist aus den von der Sowjetunion annektierten, polnischen Ostgebieten kamen.

Besonders interessant: Rund 20 Prozent der Einwohner im östlichen Kreis Zittau waren bis 1945 Katholiken, betreut von vier Priestern in vier Pfarreien: Seitendorf (polnisch Zatonie), Grunau (Krzewina), Königshain (Dzialoszyn) und Reichenau (Bogatynia). Der Sprengel gehörte nämlich, anders als etwa Görlitz, nicht zum Erzbistum Breslau. Zuständig war der Bischof von Meißen, der in Bautzen saß. Das war für die katholische Kirche in Polen, die unter August Kardinal Hlond früh und massiv die Polonisierung der kirchlichen Strukturen betrieb, ein Problem. Ihr fehlten die Mittel, schnell deutsche durch polnische Priester zu ersetzen. Protestantische Liegenschaften und Gliederungen gingen währenddessen an die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen über, die in ganz Schlesien „1947 nur rund 10.000 evangelische Christen polnischer Sprache“ zählte.

Doch der für Niederschlesien eingesetzte katholische Verwalter konnte im „Zipfel“ nichts ändern. Das durfte nur der Meißner Hirte, der nach vielen Konflikten erst 1949 die Verwaltung abtrat. Formal gehörte das Terrain aber bis 1972 zum Bistum Meißen, als Papst Paul VI. die Bistumsgrenzen neu ordnete. Das Gebiet gelangte zum Erzbistum Breslau.

Durch die Vielzahl von Zugängen und Zeugnissen gelingt es Dannenbergs und Donaths Untersuchung anschaulich, nicht nur jüngeren Deutschen oder Polen die einstigen Ereignisse authentisch zu überliefern, ohne die Ursachen für den Geschichtsverlauf dabei zu verkürzen.

Lars-Arne Dannenberg/Matthias Donath: „Do hoan uns die Polen nausgetriebm“.  Vertreibung, Ankunft und Neuanfang im Kreis Zittau 1945 – 1950, Via-Regia-Verlag, 268 Seiten, 19,90 Euro.

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