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Als die Görlitzer Neiße Weltpolitik schrieb

Vor 50 Jahren erkannte die Bundesrepublik die deutsch-polnische Grenze an. Das war hilfreich auch für die Wiedervereinigung - obwohl es zunächst gar nicht so aussah.

Passanten an der Görlitzer Altstadtbrücke.
Passanten an der Görlitzer Altstadtbrücke. © Nikolai Schmidt

Sie werden wohl auch künftig noch an der Görlitzer Neiße stehen: Die Grenzpfähle Deutschlands und Polens. Die deutschen werden in diesen Tagen sogar ausgetauscht durch modernere. Aber die Passanten an der Neiße nehmen sie schon gar nicht mehr wahr. Wie unwichtig sie sind, zeigte erst die Corona-Pandemie, als Polen die Grenze schloss und Tausende Pendler erlebten, wie das war, als sich der Eiserne Vorhang an der Görlitzer Neiße senkte.

Dass Europa gerade auch an diesem Fluss in den vergangenen 30 Jahren zusammenwuchs, das ist auch einem Ereignis zu verdanken, das heute vor 50 Jahren in Moskau stattfand. Damals unterschrieben die Sowjetunion und die Bundesrepublik den so genannten Moskauer Vertrag. Er war vielleicht nicht der Startpunkt der Ostpolitik, aber mit Brandts Kanzlerschaft verbindet sich diese Politik doch in besonderem Maße. Es folgten die vielen Verträge mit den Ostblockstaaten, auch mit der DDR.

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Als der deutsche Bundeskanzler und der Partei- und Staatschef der Sowjetunion diesen Vertrag unterschrieben, dachte kaum jemand an die deutsche Wiedervereinigung. Das schrieb auch der Görlitzer Brückepreisträger Timothy Garton Ash bereits 1993 in seinem Bestseller "Im Namen Europas - Deutschland und der geteilte Kontinent". Schließlich hatte sich Brandt zu der neuen Ostpolitik entschlossen, als die DDR und der gesamte Ostblock ihre Macht demonstrierten: Unmittelbar nach dem Bau der Berliner Mauer. Nichts schien damals so sicher, wie die Teilung Europas und damit Deutschlands.

Brandt hoffte durch ein Entgegenkommen gegenüber Moskau, Erleichterungen für die Deutschen zu erlangen.  Wandel durch Annäherung hieß das. So war er zu Konzessionen bereit, die lange Zeit in Deutschland tabu waren: Die Bundesrepublik erkannte die "bestehende wirkliche Lage" in Europa an und verpflichtete sich, die Unverletzlichkeit der Grenzen aller europäischen Staaten anzuerkennen, "einschließlich der Oder-Neiße-Linie, die die Westgrenze der Volksrepublik Polen bildet".  Ohne die Anerkennung der neuen deutsch-polnischen Grenze gab es damals diesen Vertrag nicht, 20 Jahre später auch nicht die Wiedervereinigung, als sie endgültig festgeschrieben wurde.

Das war ein gewaltiges Wagnis von Brandt. Millionen Heimatvertriebene mussten damit endgültig eine Rückkehr in ihre Heimat in Schlesien oder Ostpreußen abhaken. Doch Brandt war sich sicher, dass er nichts aufgab, was nicht schon 1945 verloren wurde.

Und damals war auch nicht sicher, ob die Zugeständnisse wirklich eine Entwicklung hin zur Wiedervereinigung anstoßen können. Aus dem Rückblick scheint es so, als wenn das eine nahtlose Entwicklung war. Doch das Scheitern lag mindestens so sehr im Bereich des Möglichen. Als Brandt 1990 in Görlitz auch davon sprach, dass nun zusammenwächst, was zusammengehört, da lag hinter der deutschen Politik ein langer Weg. Ohne Brandt, kein Kohl.

Daran kann auch an diesem Donnerstag erinnert werden, wenn das politische Görlitz  an den Mauerbau vom 13. August erinnert. 

Hinweis: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Landrat Bernd Lange sowie als Zeitzeuge Dietrich Rohrbeck erinnern am Donnerstag, 13. August, 16 Uhr, am Gedenkstein für die Opfer des Mauerbaus, Reichertstraße 112, in Görlitz. 

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