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Als die Händler in die Hallen zogen

Vor 120 Jahren entstanden in Dresden drei Markthallen. Die Stadt war damit gar nicht auf Gewinn aus.

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Von Andreas Them

Dresden am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Städter kauften Brot, Butter, Obst und Gemüse meist auf Märkten direkt vom Bauern: „Erzeugnisse des hoch entwickelten Gartenbaus in nächster Umgebung“, wie es in einer Werbung hieß. Doch mit Zunahme der Bevölkerung – Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zählte Dresden bereits 100 000 Einwohner, und die Zahl stieg weiter – reichte die Versorgung über Märkte nicht mehr aus. Die Stadtverwaltung sah den Bau von Markthallen als unerlässlich. Vorbild waren Einrichtungen, die es in den großen deutschen und europäischen Metropolen schon gab. Der Vorteil eines Handelns in Hallen lag auf der Hand. Er war hygienischer, denn die Ware war vor Straßenstaub geschützt. Außerdem störten weder Regen noch Sturm, Hitze oder Frost den Verkauf. In einer alten Zeitung liest man zum Thema Markthalle außerdem, dass der „Vorrath guter Waare“ durch passende Lagerräume gewährt werden konnte.

Ein Blick in die erste Dresdner Markthalle. Sie stand am Antonsplatz und eröffnete im Sommer 1893. Sie bot Platz für rund 600 verschließbare Verkaufsstände, an denen vor allem Lebensmittel angeboten wurden. Der damals moderne und großzügige Bau wurde bei
Ein Blick in die erste Dresdner Markthalle. Sie stand am Antonsplatz und eröffnete im Sommer 1893. Sie bot Platz für rund 600 verschließbare Verkaufsstände, an denen vor allem Lebensmittel angeboten wurden. Der damals moderne und großzügige Bau wurde bei

Transport per Aufzug

Der Dresdner Stadtrat plante gleich drei Markthallen. Zwei sollten für die Bevölkerung, eine für die Großhändler bestimmt sein. Die erste Halle eröffnete vor 120 Jahren, im Sommer 1893 auf dem Antonsplatz. Im „Wissenschaftlichen Führer durch Dresden“ von 1907 wird sie beschrieben: „Im Erdgeschoss befinden sich im nördlichen Teile an den Seitenwänden 39 verschließbare Stände für Fleisch, während die Stände für Fischwaren, und zwar 12 mit 28 Behältern für Flußfische und acht für Seefische, auf der mittleren hinteren Standinsel im südlichen Teile untergebracht worden sind. Die Behälter für die Flußfische sind aus Zement und Eisen mit teurer Fliesenvorkleidung hergestellt …“ Es gab eine Galerie, die über „wuchtige Granittreppen“ zu erreichen war und in der Wild, Geflügel und Molkereiprodukte angeboten wurden. Mit Obst, Gemüse und Blumen versorgten sich die Dresdner an den „Bauernständen“.

Die umfangreichen Lagerräume mit feuersicheren Türen in den Kellergewölben waren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die eingebaute Belüftungsanlage galt als eine der modernsten. In ihr wurde durch „Wasserstrahlapparate“ die verdorbene Kellerluft über acht Kanäle abgesaugt. Auch der Transport der Waren aus den Kellern in die Halle war elegant gelöst. Er erfolgte über vier hydraulische, gut gesicherte Aufzüge „von je 150 respektive 400 kg Tragkraft“. Die Stadt hat das ganze Unternehmen insgesamt 2,1 Millionen Mark gekostet. Der Bau von Markthallen ging aber wie geplant weiter.

Zwei Jahre später, im Dezember 1895, eröffnet dann die Halle in der Friedrichstadt für die Großabnehmer. Bei ihrem Bau wurden große Lager- und Kühlräume ebenso eingeplant wie ein Anschluss an die Eisenbahn. In der Neustädter Markthalle an der Hauptstraße konnten die Dresdner ab 1899 die Dinge des täglichen Bedarfs und ein bisschen mehr einkaufen.

Ein einziges Ratsmitglied überwachte damals das Geschehen in den drei Markthallen. Auch wenn es utopisch klingt: Das Unternehmen der Stadt war nicht auf Gewinn fixiert. Einnahmen und Ausgaben sollten sich decken. Dies brachte unter anderem geringe Standgebühren. Die Standbetreiber konnten sich tageweise oder monatlich einmieten. Über Jahre abgeschlossene Mietverträge bildeten eher eine Ausnahme. Markthallendirektor Wittenberger erinnert sich im Jahre 1924: „Der große Wert und die hohe Bedeutung der städtischen Markthallen mit ihren Einrichtungen für die Lebensmittelversorgung und Einwohnerschaft der Großstadt Dresden haben sich vorzüglich während des Krieges und in den schweren nachfolgenden Jahren gezeigt …“ In den städtischen Markthallen konnten Preis und Qualität am besten überwacht werden.

Dresdens erste Markthalle am Antonsplatz wurde im Februar 1945 durch den Bombenhagel zerstört. Geblieben sind die Großmarkthalle in der Friedrichstadt – heute Domizil einer Möbelhauskette – und die Neustädter Markthalle. Letztere wurde in den 1990er-Jahren aufwendig restauriert. Ein Besuch lässt noch einen kleinen Hauch längst vergessener Markthallenatmosphäre erahnen.