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Als „El Selencio“ noch sprachloser war

Fünfmal gewinnt Miguel Indurain bei der Tour. Gelernt hat er auch bei Raab und Ludwig während der Friedensfahrt.

© picture alliance / dpa

Von Berthold Neumann

Kurz vor der Nachtruhe und schon im Hotel-Bett liegend, studierte der junge Spanier noch einmal die Ergebnislisten der 37. Friedensfahrt 1984. Und auf einmal fuhr Miguel Indurain hoch. Hellwach. Sein Name tauchte nicht mehr im Protokoll auf. Hatte ihn die Jury etwa ausgeschlossen?

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Der spanische Nationaltrainer Jose Grande staunte, als es zu später Stunde noch an seiner Tür klopfte. Ausgerechnet „El Selencio“ stand da: zitternd, ratlos. „Weil er nur das Nötigste sagte, hatte er schon als junger Kerl seinen Spitznamen weg: El Selencio, der große Schweiger“, erklärte Grande. Sollte Indurains Friedensfahrt-Laufbahn schon nach vier Etappen im böhmischen Most (Brüx) vorzeitig zu Ende sein?

Als sich der spanische Meister in der Liste der Fahrer, die aufgegeben hatten, wiederfand, war es mit der Nachtruhe endgültig vorbei. Indurain schaute seinen Trainer nur noch sprachlos an. Er war doch über den Zielstrich gefahren. Der damals 19-Jährige wollte so gern die Friedensfahrt – über vier Jahrzehnte das größte Amateur-Radrennen der Welt – weiterfahren. „Ich wollte lernen und mir von solchen namhaften Rennfahrern wie Uwe Raab und Olaf Ludwig etwas abgucken“, sagte er später.

Zeitzeugen berichten von einer nächtlichen Aktion. Für die in tschechischer Sprache abgefassten Protokolle mussten Dolmetscher geweckt werden. Aber erst am nächsten Morgen hatte Hauptschiedsrichter Ib Vagn Hansen eine Idee.

Indurain war mit dem Peloton in Zwickau gestartet und über den Erzgebirgskamm nach Böhmen gerollt. Diese 4. Etappe 1984 sollte als eine der großen Unwetter-Etappen in die Geschichte des „Course de la Paix“ eingehen: peitschender Regen, Kälte, fast die gesamte Distanz im Erzgebirge im Nebel. Und so schützte sich Indurain wie die anderen 105 Fahrer auch mit einem Regencape. Die Startnummern verschmutzten unterwegs bis zur Unkenntlichkeit. Und so kam es, dass statt Indurain der Marokkaner Mostapha Afandi im Ziel gewertet wurde. Bloß: Den arabischen Meister im Vierermannschaftsfahren zwangen die Wetterunbilden unterwegs in den Krankenwagen. Er schied damit aus. Das Rätsel war gelöst. Indurain fiel ein Stein vom Herzen, er konnte das Rennen fortsetzen. Auf Rang 70 beendete der Spanier die Friedensfahrt in Warschau.

Dass die Tour de France des Ostens, wie die Friedensfahrt respektvoll bezeichnet wurde, alles andere als eine Fahrt ins Blaue war, bekamen auch andere Tour-Größen zu spüren. Zum Beispiel Laurent Fignon 1981. Während vorn das DDR-Sextett vergeblich versuchte, den Dreifacherfolg der Sowjets um den Sieger Shakid Zagretdinow zu verhindern, rollte Frankreichs Star auf Platz 31 ein. Freilich hatte Fignon, der später zweimal die Tour de France gewann, nicht die Unterstützung eines Profirennstalls, wie es heute üblich ist. Bei der Friedensfahrt waren bis 1990 nur Nationalmannschaften zugelassen.

Und für zahlreiche Profis waren die Erfolge bei der Friedensfahrt die Eintrittskarte für einen Profivertrag und damit für die Tour de France. Der heute fast schon vergessene Franzose Jean-Pierre Danguillaume, 1969 Gesamtsieger auf dem „Course de la Paix“, gewann später sieben Etappen bei der Frankreich-Schleife. Auch nach 1990 feierten Rennfahrer bei beiden Rundfahrten Siege. Der Australier Robbie McEwen und der Berliner Erik Zabel triumphierten als Sprintkönige bei beiden Rundfahrten. Und Jens Voigt, 1994 Gesamtsieger, startete später 17-mal bei der Tour de France. Leider kam nach der letzten Austragung im Mai 2006 das Aus für die Friedensfahrt. Es gibt aber Bestrebungen, die Rundfahrt wieder aufleben zu lassen.

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„Aus unserem baskischen Jungen wird mal was. Spanien hat wieder ein großes Talent“, hatte Spaniens Auswahlchef Grande schon 1984 angekündigt – auch wenn es für Indurain nur zu Platz 18 beim Auftakt-Zeitfahren in Berlin als bester Platzierung reichte, einen Platz und eine Sekunde schlechter übrigens als der damalige DDR-Auswahlkapitän Thomas Barth. „Er ist nur ein bisschen maulfaul“, fügte der Trainer hinzu. El Selencio eben. Der Auswahlchef sollte recht behalten. Mit fünf Tour-Erfolgen, dem Olympiasieg in Atlanta 1996 und dem WM-Titel 1995 beherrschte Indurain wie kein anderer den Radsport bis Mitte der 90er-Jahre.