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Als Friederike den Landkreis traf

Am 18. Januar 2018, vor genau zwei Jahren, richtete ein Sturm massive Schäden an. Zwei Redakteure erinnern sich.

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Die Staatsstraße beim Zeithainer Ortsteil Heidehäuser war noch Tage nach dem Orkan unpassierbar. Im Raum Riesa hatte er nicht nur zahllose Bäume umgelegt, sondern auch mehr als 40.000 Haushalte in Ostsachsen vom Stromnetz abgehängt.
Die Staatsstraße beim Zeithainer Ortsteil Heidehäuser war noch Tage nach dem Orkan unpassierbar. Im Raum Riesa hatte er nicht nur zahllose Bäume umgelegt, sondern auch mehr als 40.000 Haushalte in Ostsachsen vom Stromnetz abgehängt. © Lutz Weidler

Eine Familie sitzt im Dunkeln

Von Christoph Scharf

Kreuz und quer liegen die Bäume in der Gohrischheide. Die Straße zwischen Lichtensee und Nieska ist darunter kaum noch zu erkennen. Wie viele Bäume und Strommasten Orkan Friederike an diesem 18. Januar 2018 rund um Riesa umgeworfen hat, das können wir am Nachmittag in der Redaktion nur erahnen. In Riesa gibt es ja noch Strom. Da funktionieren Monitor, Leuchtstoffröhren, Kaffeemaschine.

Während es draußen dunkel geworden ist, kommt ein Anruf von zu Hause: Auf dem Dorf ist der Strom weg. Das kann ja was werden. Gerade erst hatte uns die Enso-Sprecherin mitgeteilt, dass in der Dunkelheit keine Reparaturtrupps mehr ausrücken können. Zu groß sei die Gefahr, die in der Finsternis von umgebrochenen und möglicherweise unter Spannung stehenden Bäumen ausgehe.

Gut, warum soll es unsere Familie besser haben, als mehr als 40.000 andere Haushalte in Ostsachsen? So viele müssen nach Auskunft des Energieversorgers an diesem Donnerstag zeitweise ohne Strom auskommen. Auf dem abendlichen Heimweg per Rad durch Riesa ist davon noch nichts zu merken – die Schaufenster, Laternen, Ampeln leuchten. Auf der Elbbrücke hat der Sturm ein Verkehrsschild abgerissen, das nun unter der Leitplanke klemmt. Dafür verleiht er stoßweise Rückenwind. 

Aber die rechte Elbseite: Halb Bobersen liegt in Finsternis. Nur ein zur B 169 gelegener Straßenzug ist noch erleuchtet. Weiter mit dem Fahrrad, zum Elberadweg flussabwärts. Noch in Bobersen versperrt ein rot-weißes Flatterband die Durchfahrt: In einem Vorgarten hat Friederike einen Nadelbaum umgeworfen, der landete in einer Freileitung – und knickte mit seinem Gewicht den Strommast daneben. Schnell vorbei. Doch schon am Ortsausgang erfasst die Fahrradlampe ein Bäumchen, das es über den Radweg gelegt hat. Drüber steigen, weiter.

Hier aber, auf den Elbwiesen vor Gohlis, hat der Sturm freie Bahn. Obwohl Friederike im Abklingen ist, weht es einen fast vom Fahrrad. Schieben ist angesagt. In Gohlis leuchten einige Fenster verlockend – dahinter Kerzenleuchter, Pyramiden, Teelichte. Wirkt anheimelnd, säßen die Leute nicht in dicken Anoraks und mit Pudelmütze in ihren Wohnzimmern. Ob Gas oder Öl: Ohne Strom läuft keine Heizung. In den nächsten Dörfern dieselbe Finsternis. Nur auf der anderen Elbseite leuchten Laternen.

Zuhause liegen die Kinder schon im Bett, dick zugedeckt. Im Treppenhaus brennen Teelichter. Eine Öllaterne, verstaubt aus dem Keller geholt, erleuchtet das Wohnzimmer. Gegen die Kälte hilft ein Glühwein: mit dem Campingkocher in der Stube erhitzt. Er ist gerade heiß, da geht unser Licht wieder an. Es ist 20.23 Uhr. Offenbar waren Umschaltmaßnahmen erfolgreich. 

Die Enso hatte 120 Mitarbeiter und zahlreiche Fachfirmen in die Spur geschickt. Unterstützt werden sie von der Feuerwehr – Kreisbrandmeister Ingo Nestler wird später kreisweit 700 Einsätze in 24 Stunden verzeichnen. Das hat er in mehr als 40 Jahren noch nie erlebt.

Andere Haushalte müssen länger durchhalten als wir: Am Morgen nach Friederike sind noch 9.000 Kunden ohne Strom, etwa in Jacobsthal oder Bobersen. Erst vier Tage nach dem Orkan sind die letzten Haushalte wieder am Netz.

Fahrt durch den Orkan

Von Catharina Karlshaus

Der 18. Januar ist mein zweiter Geburtstag. Nicht, dass ich ihn feiern würde. Aber dieser Donnerstagabend um kurz vor halb sechs vor zwei Jahren macht den entscheidenden Unterschied. Zu meinem eigentlichen Tag der Geburt – ich habe den Moment schließlich bewusst miterlebt. Und werde nie vergessen, in welchem das Schicksal entschieden hat. 

Für mich und mein Weiterleben. In den Sekunden, als es plötzlich dunkel wurde vor meinem Auto und dieses riesige Etwas krachend in den Lichtstrahl stürzte. Der Augenblick, vor dem ich andere Menschen des Landkreises vollmundig über den Onlinekanal der Sächsischen Zeitung und die sozialen Netzwerke gewarnt hatte. Und in den ich mich nun ausgerechnet selbst gebracht habe.

Dabei hatte ich doch nur nach Hause gewollt. Nach Hause zu den Kindern. Mein letzter Gedanke, während die Hände das Lenkrad fest umklammerten und die Augen in die Dunkelheit starrten. Auf das riesige Etwas, das sich später als Jahrhunderte alte Eiche herausstellen sollte. So wie unzählige andere Bäume, die im Großenhainer Land an diesem Abend entwurzelt, zerbrochen oder einfach zu Boden gegangen sind, hatte auch dieser Koloss dem Unwetter nicht parieren können.

Immerhin: Mit bis zu 130 Stundenkilometern sollte der Orkan Friederike letztlich über den Landkreis hinwegfegen. Was das wirklich für eine Naturgewalt ist, konnte sich noch Stunden vorher keiner vorstellen. Kreisbrandmeister Ingo Nestler hatte in mehreren Telefonaten extra darauf hingewiesen, dass es nicht nur ungemütlich, sondern sehr gefährlich werden könnte. Am besten wäre es, so riet der erfahrene Feuerwehrmann, ab 18 Uhr nicht mehr nach draußen zu gehen. Dann würde laut den Berechnungen das Auge des Orkans auf unsere Region treffen.

Eine Information, nach der sich die Mitarbeiter in der Redaktion richteten. Wir beendeten unsere Arbeit und verließen viel früher als sonst um kurz nach vier das Büro. Genug Zeit, um an unsere jeweiligen Wohnorte zu fahren – dachten wir zumindest. All jene Kollegen, die in Stadtnähe wohnen, hatten auch Glück. Für die anderen wie mich, welche waldreiche Straßen passieren mussten, lief es nicht so gut. 

In weiser Voraussicht hatte die Polizei bereits alle Zufahrtswege gesperrt. Bäume säumten wie Streichhölzer die Straßenränder, und kurz nach Großdobritz sah ich die erste Mülltonne durch die Luft fliegen. Während zwischen Strauch und Uebigau, in Linz, Liega, Ponickau und Richtung Böhla die Straßen regelrecht mit Bäumen zugedeckt werden, bin ich auf Umwegen noch immer auf der Heimfahrt. Inzwischen ist es viertel sechs. 

Der Radiomoderator spricht davon, dass der Höhepunkt des Orkans jetzt den Kreis Meißen erreicht hat. Etwas früher als erwartet. Wie im schlechtesten Katastrophenfilm bin ich mittendrin. Das Auto wird von der Wucht des Sturms geschüttelt. Doch ich, ich fahre wie all die anderen hinter mir. Was für ein Irrsinn! Der mir besonders dann deutlich wird, als sich wie aus dem Nichts etwas vor mir gen Erdboden in Bewegung setzt. Ich bekomme das Auto mit einer Vollbremsung zum Stehen. Noch nicht mal ein paar Äste ragen auf die Motorhaube. Das Schicksal hat entschieden.