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Als in Kamenz die ersten Metzger schlachteten

Die Anfänge der hiesigen Fleischerinnung gehen ins 14. Jahrhundert zurück. Der 1. Kamenzer Würstchenmarkt will auch an die Historie anknüpfen. Start einer SZ-Serie.

© privat

Von Norbert Portmann

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Kamenz. Endlich! Das 1. Kamenzer Würstchenspektakel am 25. März wirft seine Schatten voraus. Pulsnitz hat seinen Pfefferkuchenmarkt und Kamenz nun auch seinen Würstelmarkt. Hoffentlich mit mehrjährigem Bestand – mit weiteren kulinarischen und touristischen Folgen. Das Marketing-Projekt knüpft auf seine Art ja auch an die reiche Oberlausitzer Fleischergeschichte an. In einer kleinen Serie will die SZ Kamenz an sie erinnern. Heute geht es um die Historie der Fleischerinnung:

Das Schlachter- oder Fleischerhandwerk gehört zu den ältesten Handwerken überhaupt. Schon die Nomaden waren wie auch die ersten Stadtbewohner der Antike auf die Fertigkeiten eines Schlachters angewiesen. Es ist zu vermuten, dass die Römer die Methoden der Fleischverarbeitung und -konservierung bis zu uns gebracht haben. Das Räuchern, Einsalzen oder Pökeln sowie das Lufttrocknen war schon aus der Zeit der Babylonier und Sumerer bekannt. Etwa um die Regentschaft Karl des Großen, also zu Beginn des 9. Jahrhunderts, kann vom Beginn der Geschichte des deutschen Fleischerhandwerkes gesprochen werden. Historisch ist bewiesen, dass die alten Bischofsstädte neue Berufsstände, wie das der Fleischer, entstehen ließen. Bereits im 10. Jahrhundert bescheinigen Urkunden die Existenz von Metzgern und Fleischbänken in Köln. In der Geschichte von Trier ist aus dem Jahre 1161 die Rede von einem Meister der Metzger, worunter man sich einen bischöflichen Aufsichtsbeamten vorstellen kann.

Zusammen mit Tuchmachern, Schustern und Bäckern bildeten die Fleischer jene vier großen Handwerke in Kamenz, die über den sogenannten Vorrat die Beschlüsse des Stadtrates beeinflussten, da die wichtigeren Entscheidungen nur mit ihrer Zustimmung erfolgen durften. Bezogen auf Kamenz heißt das, dass mit der urkundlich erwähnten Stadtgründung am 19. Mai 1225 nicht sofort Fleischer hier anwesend waren, diese aber auch nicht lange auf sich warten ließen. Die Anfänge dieses Gremiums mit den Handwerksvertretern lassen sich bis ins 14. Jahrhundert verfolgen. Über den ersten Fleischer ist derzeitig nichts bekannt. In historischen Dokumenten wird aber bereits 1248 von Fleischbänken gesprochen. Also muss es in dieser Zeit schon eine Metzgerzunft gegeben haben. Schließlich gab es auch erste Verordnungen, zum Beispiel zur Hygiene. Für Kamenz sind dazu keine Dokumente überliefert, aber im deutschsprachigen Raum. So findet man im Augsburger Stadtrecht von 1276 den „Schlachthauszwang“. Damit war das Schlachten auf Straßen oder Märkten und in den Gassen verboten.

Eigene Fleischerordnung

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts soll es fünf Fleischer in Kamenz gegeben haben. Sie mussten Bankzins an das Kloster Marienstern zahlen. Bekannt ist auch, dass die Kamenzer Fleischer die Bänke „von dem Camenzer Rathe verlehnt“ bekamen. Am Sonntag nach Michaelis eröffnete 1482 in Kamenz die Garküche, die durch die Fleischer der Stadt errichtet wurde. Der König von Böhmen und Ungarn privilegierte als Anerkennung für die Unterstützung der Franziskaner beim Klosterbau der Stadt Kamenz 1507 den Keulermarkt. Beide Ereignisse sind Merkmale für die Existenz der Zunft der Fleischer. Eine weitere Bestätigung für die Existenz der Zunft ist die Kamenzer Fleischerordnung von 1587. In ihr wurde geregelt, wer Meister werden konnte, welche Pflichten der Keuler (oder: Fleischhauer) oder woher das Fleisch zu beziehen war. Vermutlich wurden in den ersten Jahrhunderten der Stadtexistenz das Fleisch vom Vieh der ortsansässigen Stadtbauern bezogen, später dann auch aus den Dörfern um Kamenz herum.

Dass die Fleischer mit zu den bestimmenden Kamenzer Innungen gehörten, ist aus der Ahnengeschichte der Familie Hillmann zu entnehmen. Der am 14. Juni 1606 geborene Johann Hillmann war einst Fleischer und Ratsherr von Kamenz. Verheiratet war er mit Frau Margaretha Schober, der Tochter des Goldschmiedemeisters Schober. Dieser hatte einst im heutigen Eckgebäude Zwingerstraße/Pulsnitzer Straße sein Domizil. Ende des 18. Jahrhunderts soll es 15 Fleischer in der Stadt gegeben haben. Vom Säugling bis zum Greis bedeutete dies etwa 130 Personen auf einen Fleischer.

Markenschutzverein gegründet

In historischen Dokumenten ist auch etwas über die Innungsältesten und Obermeister zu erfahren. So fungierten ab dem Jahre 1861 in dieser Funktion Karl Friedrich Schneider und Friedrich Ernst Schneider, 1863/64 Karl Emanuel Hesse, 1865 Mierisch sen., 1866 Ernst Schneider, 1867/68 Karl Mierisch und Karl Moritz Baase, 1869/70 Friedrich Mierisch, 1871 Karl August Grund, 1872 bis 1885 Obermeister Friedrich Mierisch, 1888 bis 1891 Friedrich Hesse, 1892 bis 1896 Moritz Hesse, 1901 bis 1904 Hermann Hausding und von 1904 an Alwin Wobser. Alwin Wobser übte dann noch Jahre später diese Funktion aus.

Über weitere Obermeister aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis um die Anfangsjahre der DDR ist derzeitig nichts bekannt. Später waren dann Gustav Mager und der Jesauer Fleischermeister Bulling die Innungsobermeister. Zu DDR-Zeiten besaß Walter Minkwitz die Funktion des Obermeisters. Da sein Sohn Rudolf 1971 die Fleischerei übernahm, vertraten die Kamenzer Fleischer die Meinung, er könne das Amt seines Vaters antreten. Rudolf Minkwitz übte diese Obermeistertätigkeit auch über die Wendezeit hinaus noch aus. Bis 2008 war er der Obermeister der Innung Ostsachsens. Eine Kamenzer gibt es in diesem Sinne nicht mehr. 2009 schlossen sich mehrere Betriebe zu einem „Kamenzer“-Markenschutzverein zusammen. Er knüpft in gewisser Weise durchaus sinnvoll auch an den Innungsgedanken an.