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Als in Pirna Bücher brannten

Vor 80 Jahren räumte die SA eine Buchhandlung aus und zündete die Bände an. Ein Fotograf will nicht vergessen.

Von Susanne Sodan

Berlin, München, Dresden – in 22 deutschen Hochschulstädten wurden am 10. Mai 1933 in der nationalsozialistischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ Bücher verbrannt. In Pirna aber ging bereits zwei Monate zuvor der Bestand der Volksbuchhandlung in Flammen auf.

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9. März 1933, früher Nachmittag: Bewaffnete SA-Angehörige räumen die Volksbuchhandlung in der Breiten Straße aus, werfen sämtliche Bücher zu einem Haufen zusammen und setzen sie in Brand. KPD- und SPD-Mitglieder werden aus ihren Wohnungen geholt und gezwungen, das grausige Spektakel mitanzusehen. Ein Pfarrer, der gegen das Treiben protestiert, wird abgeführt. So beschreiben Zeitzeugenberichte die Bücherverbrennung in Pirna.

Die Aktion war Teil des NS-Terrors gegen Sozialdemokraten und Kommunisten. Nicht nur die Schriften demokratischer, pazifistischer, jüdischer und sozialistischer Autoren, sondern zum Beispiel auch Werke von Goethe sowie Schreibutensilien wurden in der Breiten Straße ein Opfer des Feuers. Die Zerstörung klassischer Werke stritt die NSDAP-Kreisleitung im Nachhinein ab.

Im Zusammenhang mit der „Aktion wider den undeutschen Geist“, die vom Deutschen Studentenbund geplant und durchgeführt wurde, stand die Pirnaer Bücherverbrennung nicht. „Vielmehr hat die SA in Pirna eines der Hauptanliegen der Nationalsozialisten durchgesetzt: die vollständige Zerschlagung der Arbeiterbewegung“, erklärt der Historiker Hugo Jensch. Die Volksbuchhandlung war eine Institution der SPD, über dem Buchladen befand sich die Pirnaer SPD-Geschäftsstelle. Auch das Volkshaus, damals Treffpunkt von Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftlern – heute das Gasthaus „Weißes Roß“ – geriet ins Visier der Nazis und wurde am selben Tag von SA-Männern besetzt.

Zusammenstöße zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Verbote oppositioneller Einrichtungen und Organisationen waren seit der Machtergreifung Hitlers in der Stadt allgegenwärtig. Nach dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar und der Reichstagswahl am 5. März 1933 – in Pirna holte die NSDAP 35,7 Prozent der Stimmen, deutschlandweit 43,9 – verstärkten sich die Repressionen gegen die Gegner des NS-Regimes. Die Jugendherberge auf der Burg Hohnstein wurde am 8. März besetzt und zu einem der ersten Konzentrationslager umfunktioniert. Am selben Tag fand bereits in Dresden eine Bücherverbrennung statt, am 9. März dann in Pirna.

Um die Bücherverbrennungen 1933 nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist Anfang des Jahres das Projekt „Verbrannte Orte“ ins Leben gerufen worden. Dahinter steht der Fotograf Jan Schenk. Er will eine interaktive Plattform schaffen, um die Schauplätze der Bücherverbrennungen zu dokumentieren – mit Fotografien, Zeitzeugenberichten und historischen Hintergrundinformationen. Eine Dokumentation, um Unsichtbares sichtbar zu machen. Ob das Projekt gelingt, ist offen. Es soll über Crowdfunding finanziert werden und noch fehlt Geld.

Quellen: Stadtarchiv Pirna: Diplomarbeit Günter Buckow, 1969 (E II-E II 532), Zeitzeugenberichte (PDS-IV-PDS-IV 60; PDS-III-PDS-III 29), Foto (PDS-IV-PDS-IV 60) (PDS-III-PDS-III 29)

www.geschichte-pirna.de/