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Als Kinder haben wir die Loge nicht gemocht

Mit Freude und Interessse habe ich den Bericht in den „Görlitzer Nachrichten“ vom 5. Juli gelesen. Als einstigem Bewohner von Stift Joachimstein interessieren mich alle Nachrichten aus der Oberlausitz,...

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Mit Freude und Interessse habe ich den Bericht in den „Görlitzer Nachrichten“ vom 5. Juli gelesen. Als einstigem Bewohner von Stift Joachimstein interessieren mich alle Nachrichten aus der Oberlausitz, zumal ich selbst seit Jahren durch meine Studien über die Güter und Forsten des Stifts Joachimstein gleichsam ständig auf Tuchfühlung mit der Oberlausitzer Heimat lebe.

Der deutsch-polnische Gottesdienst in der Radmeritzer Kirche ist ganz sicher ein wichtiger Beitrag zur Verständigung zwischen beiden Völkern – ein Anliegen, das nach wie vor viel an Beständigkeit und Geduld verlangt. Den Anlass für den Gottesdienst halte ich für hervorragend gewählt. Nickrisch (auch: Nikrisch) und Radmeritz waren zwar zwei (politisch selbstständige) Gemeinden im einstigen Kreis Görlitz, aber ein Kirchspiel.

Daher gingen die Schüler aus Nickrisch in Radmeritz zur Schule. Auch das Patronat über die Radmeritzer Kirche oblag den Rittergütern Radmeritz (Stift Joachimstein) und Nickrisch.

Die Ortsbezeichnung Hagenwerder ist nicht eine Nachkriegs-Schöpfung, sondern geht auf die Nazizeit zurück. 1937/38 fand in der Oberlausitz – und nicht nur dort – eine große Aktion zur Umbenennung von Orten mit slawischen Namen in deutsche Ortsbezeichnungen statt.

Die Auswahl der deutschen Ortsnamen erfolgte wohl teils historisch nachvollziehbar (Beispiel Horka – Wehrkirch), teils aber auch reichlich hergeholt (Horscha – Zischelmühle, Mücka – Stockteich und andere mehr).

Nach dem Krieg hat man die meisten dieser Ortsumbenennungen aus der Nazizeit wieder rückgängig gemacht. Erhalten blieb aber Hagenwerder. Bei der Wahl dieses Ortsnamens hat, wie es hieß, der der Nickrischer Gutsbesitzerfamilie Emerich-Hagendorn Pate gestanden, deren Oberhaupt meiner Erinnerung nach ein recht aktives NSDAP-Mitglied war. Für die Patronatsträger gab es in der Kirche zwei besondere Logen: vom Altar her gesehen rechts die der Emerich-Hagendorn (die wohl aus oben genanntem Grund seit 1933 leer blieb), und links die des Radmeritzer Patronates, dessen Vertreter und Mitglied im Gemeindekirchenrat mein Vater war. Infolge dessen mussten wir beim Gottesdienst immer in der Loge sitzen, was wir Kinder gar nicht liebten.

Die Patronatslogen sind inzwischen abgerissen, die Kanzel, die früher über dem Altar war, wurde umgesetzt. Die beiden Fensterfronten auf dem Foto des SZ-Beitrages waren die seinerzeit beheizbaren Logen der Stiftsdamen. Links etwas hinter dem Altar stand die Grabplatte des Stifters und Bauherren der Kirche. Leider ist sie verschwunden.