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Niesky

Als die Klittener Geschichte schrieben

Vor 30 Jahren kam die erlösende Nachricht: Klitten bleibt! Der Erfolg gegen die Kohlebagger wird mit Dankgottesdienst und Festwoche gefeiert.

Die Demonstration gegen den Abriss von Klitten für die Kohle am 20. Januar 1990 vereinte vor der Gaststätte Schuster geschätzte 1.000 Menschen von überall her.
Die Demonstration gegen den Abriss von Klitten für die Kohle am 20. Januar 1990 vereinte vor der Gaststätte Schuster geschätzte 1.000 Menschen von überall her. © Archiv/Hans-Jürgen Berg

Es war am 2. Februar 1990, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete: Klitten bleibt! Auf den Tag genau, nur  30 Jahre später, kommen die Klittener wieder zusammen, in der evangelischen Kirche des Ortes. An diesem Sonntag werden sie in einem Dankgottesdienst noch einmal beten, dass Klitten und seine umliegenden Ortschaften der Kohle nicht geopfert werden mussten. Dem schließt sich eine Festwoche vom 21. bis 28. Juni in Klitten an.

Drei Jahrzehnte ist es her, dass der Kampf für ein Stück Heimat erfolgreich für die Klittener sein Ende fand. Ein Ereignis, dass sich tief in die Dorfgemeinschaft eingebrannt hat und an das alljährlich Anfang Februar gedacht wird. Mit Gottesdiensten, abwechselnd in einer der beiden Kirchen von Klitten.  Die evangelische und die altlutherische Kirchgemeinden sind die beiden "Zentralen" gewesen, in denen sich zunächst Widerstand regte und später sich der Widerstand organisierte. Von den staatlichen Stellen in der DDR - von der Gemeinde bis zum Bezirk - konnten die Klittener nicht viel Hilfe erwarten. Sie waren die Durchsetzer der von Berlin aus verordneten Energiepolitik. Und die besagte: Klitten muss der Braunkohle weichen.       

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Protest zum Kirchentag

Hagen Gano war damals gerade volljährig geworden und Mitglied der Jungen Gemeinde in Klitten. Als junger Christ wollte er, dass nicht nur sein Heimatdorf Kaschel erhalten bleibt, sondern dass kein Mensch in der damaligen Gemeinde Klitten sein Zuhause verlassen muss. "Wir wollten auf unser Schicksal aufmerksam machen, eine große Öffentlichkeit erreichen", sagt der heute in Petershain mit seiner Familie lebende Kascheler. Als Podium bot sich der im Juni 1988 in Görlitz durchgeführte Kirchentag an, zudem sich die Vertreter aus 84 Kirchgemeinden im Bezirk Dresden trafen. 

Die Junge Gemeinde hatte eine Idee, die sie mit Pfarrer Siegfried Fischer umsetzte: "Wir wollten, dass die Menschen für Klitten beten, also schrieben wir diese Botschaft auf schwarze Briketts: ,Betet für Klitten'", erzählt Hagen Gano. Zusammen mit seinem Vater besorgte Hagen Gano 110 Briketts, die beschriftet und lackiert wurden, damit die Empfänger keine schwarzen Finger bekommen. "Unser Ziel war es, dass jede Kirchgemeinde so ein Brikett mit nach Hause nimmt."   

Dieser Protest blieb der Staatsmacht nicht verborgen. Aber weder die Leitung des Kirchentages noch andere kirchliche Stellen ließen sich dazu bewegen, den Stand der Klittener mit den Briketts zu verbieten. "Für uns war das ein großer Erfolg", sagt Hagen Gano zu der Aktion. Sie blieb nicht die einzige Ende der 1980er Jahre. In Klitten fanden regelmäßig Demonstrationen mit Protestmärschen statt an denen sich bis über 1.000 Menschen beteiligten. Und das waren nicht nur Klittener. 

Die Wende herbeigebetet

Einer, der regelmäßig in Klitten anzutreffen war, ist der Schriftsteller und Journalist Benedikt Dyrlich. Der Bautzener gehörte mit zu den sorbischen Schriftstellern und Künstlern, die sich mit Aufrufen und Protesten gegen eine weitere Zerstörung sorbischen Siedlungsraumes wehrten. In einem Zeitungsinterview vor fünf Jahren sagte Dyrlich: "Letztendlich waren es aber die Klittener selbst, die die Bagger buchstäblich in letzter Minute gestoppt haben." 

Hagen Gano ist heute überzeugt: "Wir Klittener haben die Wende herbeigebetet". Denn die Proteste sind kein Widerstand gegenüber der Staatsmacht gewesen, sondern die Aufforderung an sie zum Dialog mit den Bürgern, sagt der heute in Niesky praktizierende Hausarzt.  Dass die Klittener keinen militanten beziehungsweise gewalttätigen Protest zuließen, bestätigt Werner Hippe. "Wir haben von selbst darauf geachtet, dass es zu keinen Ausschreitungen kommt", sagt der 74-Jährige. 1978 ist er mit seiner Familie nach Klein Ölsa, das sich gleich an Klitten anschließt, gezogen. Als Ingenieur für Chemie war er für das Abwasser im Kraftwerk Boxberg zuständig. 

Die Arbeit gefährdet

"Natürlich wussten wir Kraftwerker, dass unsere Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Aber mir war der Erhalt des Ortes und der Heimat vieler wichtiger als die Arbeit", sagt Werner Hippe. Noch heute lebt er mit seiner Frau in dem Haus, in das beide vor gut vier Jahrzehnten gezogen sind. "Es hat sich gelohnt zu kämpfen, allein schon wegen unserer Kinder und der Enkel. Deshalb würde ich es heute wieder so machen", bekennt der Rentner.        

Sein Nachbar stimmt ihm zu. Heinz Hubatsch ist 1970 nach Klitten gezogen und arbeitete als Bauingenieur beim Gleisbau der Deutschen Reichsbahn. "Es war schon mutig zu sagen: Wir stellen uns dagegen! Denn es war ja ein Protest gegen die DDR-Energiepolitik", sagt der 75-Jährige. Hinzu kam die spätere Erkenntnis, dass Klitten nicht weggebaggert werden sollte, weil es auf Kohle steht, sondern zum Opfer der Bergbautechnologie erklärt wurde. "Der Bagger sollte über Klittener Gebiet fahren, um das nächste Kohleflöz zu erschließen. Wir wollten aber, dass Klitten umfahren wird und stehen bleibt", erklärt Werner Hippe.     

Keine Dorfgemeinschaft mehr

Diese Variante schien den Planern zu teuer zu sein. Der nur technologisch bedingte Abriss war der erste Dämpfer für die Klittener. Als es um das Umsiedeln ging, folgte der zweite. "Es war nie geplant, Klitten als neues Dorf wieder entstehen zu lassen", sagt Heinz Hubatsch. Die rund 1.600 Einwohner sollten in Niesky und anderen Gemeinden angesiedelt werden. "Damit wäre die Dorfgemeinschaft zerstört gewesen", so Heinz Hubatsch. Werner Hippe ergänzt: "Man konnte mich nicht überzeugen: Gib alles und du bekommst Neues. Das war kein fairer Tausch."  Das war für viele Klittener ein wichtiger Grund, für den Erhalt ihrer Gemeinde vor drei Jahrzehnten auf die Straße zu gehen.    

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Dankesgottesdienst anlässlich 30 Jahre Erhalt von Klitten am Sonntag, 10 Uhr, in der evangelischen Kirche Klitten. Die Predigt zu dem ökumenischen Gottesdienst hält Superintendent Thomas Koppehl.

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