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Als Oberkellner durch die Republik

Winfried Krause aus Zittau war ein beliebter Komiker. Vor zehn Jahren trat er von der Bühne ab und lebt heute zurückgezogen im Rheinland.

© privat

Von Dietmar Rößler

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Zittau. Ein spitzbübischer Blick, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen und doppeldeutiger Humor in oberlausitzisch-sächsischem Dialekt – so haben ihn viele Leute in Erinnerung: Winfried Krause, DDR-weit bekannter und beliebter Komiker.

Viele Leute erinnern sich gerne an seine Auftritte. Winfried Krause wurde 1939 in Zittau geboren, und hier hat auch seine Karriere begonnen. „Ich habe auch gerne als Elektromonteur und später als Techniker im Textilmaschinenbau und bei Robur gearbeitet“, sagt Krause, „aber dann hat mich meine komödiantische Neigung auf die Bühne gezogen.“ Am 1. Dezember 1960 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne – im Kreiskulturhaus Zittau. Sein Humor kam an. Aber seine scharfe Zunge gefiel nicht allen. So gab es vom „Rat des Kreises“ mehrfach Auftrittsverbote. Wahrscheinlich sah man die „sozialistische Moral“ gefährdet, wenn Krause beispielsweise im Sketch „Baby“ von einer Konstruktionsabteilung erzählte, wo plötzlich ein Baby auftauchte. Ein hinzugezogener Untersuchungsrichter kam zu dem Schluss, dass es unmöglich dort entstanden sein könne. Weil „hier noch nie etwas mit Liebe gemacht wurde. Noch nie zwei Mitarbeiter eng zusammengearbeitet haben. Diese Abteilung nie etwas mit Hand und Fuß verlassen hat. Und außerdem noch nie etwas nach neun Monaten fertig wurde.“

Eigentlich waren seine Sprüche meist ziemlich „unangreifbar“. Zum Beispiel, wenn er mit unschuldigem Augenaufschlag sagte: „Sie denken wohl, wir haben in der DDR keine großen Flaschen?“ Aber nicht jedem gefiel das.

Als ihn die Kulturbürokratie einmal endgültig abservieren wollte, boxte ihn glücklicherweise O. F. Weidling heraus. „Die freiberufliche Arbeit in der DDR hat mir viel Spaß gemacht. Mit festem Ensemble und eigenem Programm bin ich in meiner Lieblingsrolle als Oberkellner durch die Republik gereist“, erinnert sich Winfried Krause gern „an Revue-Engagements unter anderem im Steintorvarieté Halle, im Kulturpalast Dresden und in der Stadthalle Karl-Marx-Stadt. Mit täglich vollen Häusern“. Viel habe er seinem väterlichen Freund Heinz Quermann zu verdanken, der ihn entdeckt, gefördert und bei manchem Problem beigestanden habe, erzählt Krause. Auch bei den ersten Tourneen und Fernsehauftritten nach der Wende hatte Quermann seine Finger im Spiel.

Damals nach 1989 änderte sich natürlich auch sein Berufsleben gründlich. „In dieser schweren Zeit hat mir meine Frau sehr beigestanden,“ erzählt er. „Voriges Jahr hatten wir goldene Hochzeit.“ Und überrascht mit dem nächsten Satz: „Wir zogen noch im Jahr 1989 in ihr Elternhaus ins rheinische Hilden.“ Zuvor hatte sich seine Frau mit der Entscheidung für ihn auch „für die DDR entschieden“. Bis heute lebt das Paar zurückgezogen im Rheinland.

Dort bot das Leben für den Künstler die Chance, sein Talent als „Büttenredner“ auszuprobieren. „Das lief gut an und brachte mir für die darauffolgende Saison einen vollen Kalender.“ Doch durch den Golfkrieg seien danach viele Veranstaltungen ausgefallen und im Jahr darauf verhinderte eine Kehlkopfoperation im Januar weitere Auftritte. Heute erinnert nur noch eine „Orden-Wand“ in seinem Arbeitszimmer an diese Zeit.

Anschließend ging es auch im Osten wieder weiter. Krause erzählt: „Inzwischen hatte ich mein Repertoire auf die Probleme meiner Landsleute umgestellt, und wieder Kontakt zu den Medien gefunden.“ So gab es zahlreiche Auftritte bei Firmengründungen, Jubiläen und Ortsfesten. Aber statt mit Kollegen und Freunden war Krause meist allein unterwegs. „Außer der Zeit vor dem Publikum bestanden meine Reisetage meist aus Einsamkeit. Ich habe deshalb immer häufiger Angebote abgelehnt und immer gedacht: Nach der nächsten schönen Veranstaltung hörst Du auf. “ Am 1. Oktober 2008 hatte Krause zwei Veranstaltungen in einem ausverkauften Haus in der Stadthalle Chemnitz. Hier bekam er wieder seine alte Garderobe zugeteilt, mit der viele Erinnerungen verbunden waren. „Nach dem großen Finale verließ ich ohne Abschiedszeremonie die Bühne und habe seitdem nie wieder eine betreten.“ Ehrlich gibt er zu: „Die Entzugserscheinungen danach habe ich wohl unterschätzt. Applaus kann einem schon ganz schön fehlen, wenn man ihn gewohnt ist.“

Auch wenn sich Winfried Krause sein Leben eigentlich geradliniger und ohne die vielen Umwege und Turbulenzen vorgestellt hat, sei zum Schluss ja doch alles gut gegangen. „Und langweilig war es nie.“ Auch nicht für seine Zuschauer.