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Feuilleton

Als Ost und West sich trennten

Was bewegte die Deutschen in den ersten 100 Tagen nach der Teilung? Davon erzählen spannende Reportagen. Doch eine These macht stutzig.

1949 protestierten in Leipzig Studenten der „Belter-Gruppe“ gegen das SED-Informationsmonopol. Herbert Belter wurde 1951 hingerichtet, weitere Mitglieder landeten für mehrere Jahre in Straflagern in der Sowjetunion.
1949 protestierten in Leipzig Studenten der „Belter-Gruppe“ gegen das SED-Informationsmonopol. Herbert Belter wurde 1951 hingerichtet, weitere Mitglieder landeten für mehrere Jahre in Straflagern in der Sowjetunion. © Universitätsarchiv Leipzig

Das Jahr 1949 war für die Deutschen eine historische Zäsur. Vor sieben Jahrzehnten erlebten sie den Vollzug der staatlichen Teilung. Über die Gründung der Bundesrepublik im Mai und der DDR im Oktober wurden schon Hunderte Bücher geschrieben, eben soviele Dokumentationen und Filme gedreht. Wolfgang Brenner nähert sich der Zeit vor sieben Jahrzehnten mit einer ganz eigenen Perspektive.

Der Journalist schildert in 14 Reportagen Ereignisse, die die Menschen damals bewegten. Und das war nicht unbedingt die ganz große Politik. Da geht es etwa um chinesische Drogenhändler, deren Geschäfte in Hamburg Aufregung auslösten. Doch die erweisen sich als harmlos – verglichen mit der Wehrmachtsdroge Pervitin, die für die junge Bundesrepublik eher zum Problem wurde. Brenner beschäftigt sich auch mit der Rekordschicht von Adolf Hennecke in „Ölsnitz“ (der Fehler blieb leider unentdeckt). Die SED-Führung machte den Bergmann zur Symbolfigur der Aktivistenbewegung, löste aber nicht die erhoffte Begeisterung aus, sondern viel Unmut.

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Wie nah der Krieg vier Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands noch war, erlebten die Bewohner des Eifel-Orts Prüm auf tragische Weise. Dort explodierte am 15. Juli 1949 im Katharinenberg ein riesiges Munitionslager, das unter Kontrolle der französischen Besatzungsmacht stand. Die Katastrophe verwüstete Prüm ein zweites Mal; noch stärker und verheerender als während des Krieges. Dabei wäre die Tragödie vermeidbar gewesen. Der zuständige Landrat bemühte sich darum, die explosiven Hinterlassenschaften aus dem Depot räumen zu lassen – vergeblich. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier warnte, sich gefälligst aus Angelegenheiten der Alliierten herauszuhalten.

Die waren wenige Wochen zuvor in Berlin in Bedrängnis geraten, als ein Streik bei der S-Bahn auch den gesamten Schienenverkehr lahmlegte. Organisiert und geführt hatte ihn die Unabhängige Gewerkschafts-Opposition (UGO) – ein Ableger des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). In den Westteil der Stadt vertrieben, wollte sich UGO als Interessenvertreter der Arbeitnehmer profilieren. Doch mit der S-Bahn legten sich die Gewerkschafter mit einem ganz speziellen Konstrukt an. Eigentümer und Betreiber war die Deutsche Reichsbahn – auch in Westberlin. Die SED-gesteuerte Presse sprach von einem „Putsch“ von „UGO-Banditen“. Eine Wortwahl, die von der Atmosphäre des „Kalten Krieges“ geprägt war.

Wie sehr man in Ostberlin und Moskau überall Feinde witterte, zeigt auch der Fall Kurt Müller. Der KPD-Funktionär aus der Bundesrepublik reiste Anfang 1950 auf Geheiß seines Parteichefs zu Gesprächen mit Walter Ulbricht nach Ost-Berlin. Dort wurde Müller im Gebäude des SED-Zentralkomitees verhaftet. Für ihn begann ein Leidensweg, der mit tagelangen Verhören im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen begann und im Gulag endete. Müller sollte wohl Hauptangeklagter werden in einem Verfahren nach dem Muster der Schauprozesse von Prag und Budapest. Dazu kam es nicht. Stattdessen wurde von einem sowjetischen Militärtribunal wegen „Terrors, Spionage und Sabotage“ zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1955, nachdem Bundeskanzler Adenauer in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aushandelte, kehrte Kurt Müller in die Bundesrepublik zurück.

So plastisch und spannend Brenner die Ereignisse auch schildert: Er hält sich nicht durchgängig an den zeitlichen Rahmen, den er mit dem Titel seines Buches selbst vorgegeben hat. Doch das lässt sich verschmerzen. Viel mehr verwundert seine These, dass sich die Gründung der beiden deutschen Staaten weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit abspielte. Angeblich gab es kaum etwas, was die Deutschen damals weniger interessierte. Der Vollzug der deutschen Teilung eine Nebensache oder gar nur eine Randnotiz? Auch wenn die meisten Menschen ganz andere Sorgen hatten und ums blanke Überleben kämpfen mussten, erscheint Brenners Behauptung gewagt. Da wird so mancher Zeitzeuge vehement widersprechen.

Wolfgang Brenner. Die ersten hundert Tage. Herder-Verlag, 288 Seiten, 24 Euro.

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