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Als Pfarrer zu Ostern arbeitslos

Die Corona-Krise hat den Arbeitsalltag des Glaubitzer Pfarrers Martin Scheiter verändert. Er lebt momentan zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice.

Pfarrer Martin Scheiter sitzt vorm Altar der Glaubitzer Kirche.
Pfarrer Martin Scheiter sitzt vorm Altar der Glaubitzer Kirche. © Sebastian Schultz

Glaubitz. Martin Scheiter sitzt auf den Stufen vorm Altar in der Glaubitzer Kirche. In Zivil. Sein Talar bleibt im Schrank. Denn er darf keinen Gottesdienst halten. Noch nicht mal am höchsten Feiertag der Christenheit. "Es ist furchtbar, dass es in diesem Jahr keinen Oster-Gottesdienst gibt", sagt der 38-Jährige. Wegen der Corona-Pandemie fällt er aus. 

Normalerweise ist die Zeit von Palmsonntag bis Ostermontag eine sehr intensive Zeit, in der in allen Kirchgemeinden viel los ist. Es ist auch eine sehr arbeitsreiche Woche für Pfarrer, die mitunter stressig sein kann. Predigten müssen geschrieben und Andachten ausgearbeitet werden. Für Martin Scheiter wäre das allemal besser, als fast untätig zu sein. Denn er ist gerne Pfarrer, mag es, Menschen zu treffen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und in schweren Zeiten Seelsorger zu sein.

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Doch seit Beginn der Einschränkungen des öffentlichen Lebens hat sich vieles verändert. "Es schmerzt, keinen Gottesdienst zu feiern", sagt er. "Ich vermisse den Kontakt zu den Leuten." Dagegen sind Verwaltungsarbeit und Bauanträge geblieben. An der Zschaitener Dorfkirche sind ein paar Veränderungen geplant. Die Gemeinde will zudem einen Parkplatz daneben bauen. Das verschafft Martin Scheiter ein wenig Abwechslung in einer sonst ruhigen Zeit.

Am Ostersonntag will der Pfarrer mit seiner Familie zu einer persönlichen Andacht in die Kirche gehen. Einen Gottesdienst wird es nicht geben. Doch die Kirche ist für jedermann geöffnet.
Am Ostersonntag will der Pfarrer mit seiner Familie zu einer persönlichen Andacht in die Kirche gehen. Einen Gottesdienst wird es nicht geben. Doch die Kirche ist für jedermann geöffnet. © Sebastian Schultz

Dabei sind Pfarrer seit jeher gewöhnt, von Montag bis Sonntag für die Leute da zu sein. Erst recht auf dem Land. Auch wenn nicht mehr jedes Dorf einen Pfarrer hat. Gott sei Dank, hat Glaubitz noch einen. Martin Scheiter, der in Niederwiesa bei Chemnitz aufwuchs, mag die Glaubitzer und die Glaubitzer mögen ihn. Auch wegen seines unkonventionellen Stils, der auch bei den Leuten, die sonst nichts mit der Kirche zu tun hat, gut ankommt. Wo sonst kann man einen Pfarrer jeden Morgen durchs Dorf joggen sehen, wenn er seine beiden Fahrrad fahrenden Töchter zum Kindergarten bringt? 

Aber das ist vorerst auch passé. Mit seiner Frau Eva, die für eine Dresdner Druckerei in der Marketingabteilung arbeitet und sich derzeit im Homeoffice befindet, teilt er sich in die Betreuung der Zwillinge. Aller zwei Stunden ist jeder mal dran. "Wir haben eine klare Tagesstruktur", sagt der Pfarrer. "Sonst funktioniert es nicht." Das Joggen durch den Glaubitzer Wald mit Pudeldame Maggie lässt er sich nicht nehmen.

Kinder haben diese Steine bunt angemalt und Ostergrüße darauf geschrieben. Sie liegen vor dem Altar in der Glaubitzer Kirche.
Kinder haben diese Steine bunt angemalt und Ostergrüße darauf geschrieben. Sie liegen vor dem Altar in der Glaubitzer Kirche. © Sebastian Schultz

Zu den Veränderungen durch die Corona-Krise gehöre auch die Arbeitsweise in der Kirchgemeinde. Als einer der jüngeren Pfarrer der Region rund um Riesa hat er mit der Digitalisierung der Arbeit kein Problem. Er ist der erste Glaubitzer Pfarrer, der seine Predigen im Gottesdienst von einem Tablet abliest. Sein Vorgänger Hans Zink war zwar auch die Arbeit mit Computern gewöhnt, aber er druckte seine Predigten noch auf Papier aus. Von den anderen Vorgängern ganz zu schweigen. Sie mussten auf Schreibmaschine und Handschrift setzen, weil es damals noch keine Rechner gab.   

Momentan kommuniziert Martin Scheiter mit seinen Konfirmanden per Videokonferenz am Computer. Sie hatten u. a. die Osternacht in Zschaiten geplant. Drei Jugendliche sollten dort am frühen Sonntagmorgen getauft werden. Das entfällt nun. "Ob wir zu Pfingsten ihre Konfirmation feiern können, wissen wir alle noch nicht", sagt der Pfarrer. Er bleibt mit Ihnen in Verbindung - per Internet.

Auch die Informationsweitergabe an die Gemeindemitglieder hat sich in den letzten Wochen verändert. Auf der Internetseite der neuen Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Zeithain, zu der Glaubitz seit diesem Jahr gehört, finden sich u. a. Links zu den vorab aufgezeichneten Gottesdiensten und eine Anleitung, wie Familien mit Kindern das Oster-Frühstück einmal anders gestalten können. 

Mit Computern kennt sich Pfarrer Scheiter gut aus. Er hat sich in seinem Büro ein Stehpult am Rechner eingerichtet.
Mit Computern kennt sich Pfarrer Scheiter gut aus. Er hat sich in seinem Büro ein Stehpult am Rechner eingerichtet. © Sebastian Schultz

"Das ist auch ein Effekt so einer Krise, dass man anders arbeitet als gewohnt", sagt Martin Scheiter. "Das hätten viele nicht gemacht, wenn es nicht notwendig wäre." Er ist überzeugt davon, dass die Corona-Krise, die für viele Menschen schmerzlich, einsam und auch lebensbedrohlich ist, die Arbeit der Pfarrer in ein neues Zeitalter katapultiert hat.  Online-Gottesdienste könnten zur Normalität werden. Für viele Menschen sei der Zeitpunkt der Gottesdienste eine Hürde. "Am Sonntag 9 Uhr wollen viele lieber in Familie frühstücken, weil es normalerweise der einzige Tag in der Woche ist, an dem das möglich ist", so der Pfarrer. Mit einem Klick könnten sie die Gottesdienste aus der eigenen Kirche verfolgen oder sich jederzeit ansehen. 

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Er kann der Corona-Krise noch etwas Positives abgewinnen. "Die Art und Weise, wie sich das Leben verlangsamt hat, passt ja wunderbar in die Fastenzeit", sagt er. Das lasse viele innehalten, ob zum Gebet mit Gott oder auch mal, um sich über das eigene Leben Gedanken zu machen. "Es ist auch die Chance, aus dem Hamsterrad herauszukommen", sagt der Familienvater, der die zusätzliche Zeit mit seiner Familie genießt. Er hat bei den Gesprächen in den Dörfern, die er betreut, festgestellt, dass die Menschen freundlicher und zuvorkommender geworden sind und sich mehr für andere interessieren. Martin Scheiter lächelt: "Das ist hoffentlich etwas, was bleibt."

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

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