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Eine unverhoffte Chance für Görlitz

Es ist das Thema des Tages: Übernimmt Alstom Bombardier und damit die Werke in Görlitz und Bautzen? Politiker und Gewerkschafter sehen das eher positiv.

Großdemonstration zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier in Görlitz. 19.01.2018 / Demonstrationszug vom Waggonbau zum Brautwiesenplatz.
Großdemonstration zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier in Görlitz. 19.01.2018 / Demonstrationszug vom Waggonbau zum Brautwiesenplatz. © nikolaischmidt.de

Wenn es noch eines Nachweises bedurfte, wie viel Vertrauen die Zugsparte von Bombardier verloren hat, dann war es die Nachricht von Ende vergangener Woche. Die Odeg und die Deutsche Bahn kaufen neue Regionalzüge für Strecken in Südbrandenburg - bei Siemens und beim Schweizer Anbieter Stadler. 

Vor zehn, 15 Jahren wäre das nicht geschehen. Damals war Bombardier der Marktführer. Görlitzer konnten sich darauf verlassen, wenn sie Doppelstockzug im Osten Deutschlands fuhren, dass die Wagen aus Görlitz kamen. Zunehmend auch im Westen.  Indien bestellte seine neue U-Bahn in Görlitz, die Schweizer Staatsbahnen ihre neuen City-Doppelstockzüge bei Bombardier, Israel modernisierte seine Zugflotte mit Wagen aus Görlitz. Doch nun kommt zum Vertrauensverlust auch noch der Spott:  "Alstom kauft Schüttelzug-Bauer Bombardier", titelte am Montag die Schweizer Boulevardzeitung "Blick". 

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Der Prestigeauftrag für die Schweizerischen Staatsbahnen bereitet heute noch Probleme.
Der Prestigeauftrag für die Schweizerischen Staatsbahnen bereitet heute noch Probleme. © SBB
Auch die neue Metro für die indische Hauptstadt Delhi entstand in Görlitz.
Auch die neue Metro für die indische Hauptstadt Delhi entstand in Görlitz. © Pawel Sosnowski

Bombardier verlor sein Ansehen

In den vergangenen zehn Jahren hat Bombardier sein hohes Ansehen verloren - und damit auch seine Werke in Bautzen und Görlitz. Die Qualität der nach Osteuropa verlagerten Produktion stimmte nicht, anschließend mussten die Mitarbeiter in Görlitz ausputzen, was andere angestellt hatten. Zudem gab es Material- und Finanzprobleme. Die Schwierigkeiten mit den Zügen in der Schweiz und zuletzt für die Deutsche Bahn haben das Renomee weiter minimiert. 

Fast schon wie ein Aufatmen klingt da die Erklärung von Danny Di Perna, Präsident von Bombardier Transportation, zur Ankündigung der geplanten Übernahme: "Mit einem gemeinsamen Engagement für die nächste Generation grüner und digitaler Bahnlösungen würde ein kombiniertes Unternehmen von Größenvorteilen profitieren." 

Und Ostsachsens IG-Metall-Chef Jan Otto sagt. "Wir gehen in eine neue Ära und wollen offen und transparent über einen neuen und schlagkräftigen Schienenfahrzeugbauer verhandeln." Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erklärte, dass sich seine Regierung für die Beschäftigten und den Fortbestand der Werke in Görlitz und Bautzen stark machen werde. Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu rechnet mit einer endgültigen Entscheidung durch die EU erst in einem Jahr. Er stehe in Kontakt mit der Deutschlandspitze von Bombardier. Für Görlitz sei vor allem der Erhalt des Werksstandortes und der Arbeitsplätze wichtig. 

Degradierung des Görlitzer Werkes unter Bombardier

Im Januar 2018 erlebte die Stadt Görlitz die größte Demonstration seit der friedlichen Revolution - für den Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier
Im Januar 2018 erlebte die Stadt Görlitz die größte Demonstration seit der friedlichen Revolution - für den Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens und Bombardier © nikolaischmidt.de

Die IG Metall hatte in den vergangenen Jahren den Umbau der Werke in Bautzen und Görlitz begleitet und musste dabei manche Kröte schlucken. Während das Bautzener Werk mit 30 Millionen Euro zum globalen Kompetenzzentrum für die Serienfertigung von Regional- und Fernverkehrszügen, Straßenbahnen sowie S- und U-Bahnen  modernisiert wurde, wartet der Görlitzer Waggonbau auf Investitionen. Von den versprochenen acht Millionen für Görlitz floss jedoch nur eine. Während die Belegschaft in Görlitz nunmehr nur noch 1.250 Mitarbeiter zählt - vor wenigen Jahren waren es noch 2.500 - sind es in Bautzen 1.100 Beschäftigte. 

Für die IG Metall ist nun klar: Hinter diese roten Linien, die mit Bombardier vereinbart wurden, geht es mit der Gewerkschaft auch für den möglichen neuen Eigentümer Alstom nicht.  Weder weniger Mitarbeiter noch weniger Kompetenzen oder gar ein Ausstieg aus dem Flächentarif der IG Metall. 

Befürchtungen bei Gewerkschaftern in Salzgitter

Doch auch im deutschen Alstom-Werk in Salzgitter mit seinen 2.600 Beschäftigten löste die Ankündigung des Deals größte Befürchtungen aus, wie es in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heißt. "Bombardier hat mehr Kapazitäten in Ostdeutschland, wo die Löhne weit niedriger sind", sagte Betriebsratschef Thomas Ueckert zu der Zeitung.

Einen Arbeitsplatzabbau an anderer Stelle in dem neuen Konzern will natürlich auch Jan Otto nicht. Solidarität sei eine große Aufgabe und nötig.  Aber für Görlitz sagt Otto eben auch: Der Waggonbau habe mehr gegeben als andere in den vergangenen Jahren. "Wenn es die Chance gibt, Görlitz als Vollbahnhersteller zu erhalten, dann sollten wir sie nutzen". 

In Görlitz herrscht eher Hoffnung als Resignation

Im Mai vergangenen Jahres feierte der Görlitzer Waggonbau sein 170-jähriges Bestehen, bewusst spiele Bombardier nur eine kleine Rolle. 
Im Mai vergangenen Jahres feierte der Görlitzer Waggonbau sein 170-jähriges Bestehen, bewusst spiele Bombardier nur eine kleine Rolle.  © Pawel Sosnowski
Schon damals waren sich diese Herren nicht in allem einig (v. links): der heutige OB Octavian Ursu, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Bombardier Deutschland-Chef Michael Fohrer, der Görlitzer Werksleiter Carsten Liebig und Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig.
Schon damals waren sich diese Herren nicht in allem einig (v. links): der heutige OB Octavian Ursu, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Bombardier Deutschland-Chef Michael Fohrer, der Görlitzer Werksleiter Carsten Liebig und Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. © Pawel Sosnowski
Skepsis herrschte damals auch unter den Besuchern. Zum offiziellen Teil waren viel weniger als erhofft gekommen.
Skepsis herrschte damals auch unter den Besuchern. Zum offiziellen Teil waren viel weniger als erhofft gekommen. © Pawel Sosnowski

In Görlitz rennt er damit offene Türen ein. Schon als im Sommer vergangenen Jahres der Waggonbau sein 170-jähriges Bestehen feierte, war die Distanz zwischen dem Bombardier-Deutschlandchef Michael Fohrer und der hiesigen Politprominenz, inklusive Ministerpräsident Michael Kretschmer, zu spüren. Hinter vorgehaltener Hand zweifelten damals bereits Siegfried Deinege und der frühere Waggonbau-Produktionsleiter Willi Siegert an, was Fohrer kurz zuvor erklärt hatte: Bombardier sei Weltmarktführer. Zuletzt äußerten sich Politiker ziemlich offen in Hintergrundgesprächen über die Lage: So könne es nicht weitergehen. Selbst die beabsichtigte Ausgliederung der Teilefertigung mit ihren annähernd 70 Mitarbeitern sah man als ein Hoffnungszeichen. Vielleicht, so dachte man vor Weihnachten, könnte das der Anfang für einen Neubeginn für das gesamte Werk sein.

Nun ist die Lage wieder eine andere.  Und doch schwingt bei vielen Entscheidungsträgern eher Hoffnung als Resignation mit.  Schon vergangene Woche, als die Übernahme gerüchteweise durch die Medien schwappte, hatte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu zügig Gespräche gefordert, um die Zukunftsfragen für Görlitz zu klären. Und das heißt für ihn: Erhalt der Arbeitsplätze.  

Können die neuen Görlitzer Forschungsinstitute helfen?

Das ist die Mindestforderung. Doch gibt es nun auch Überlegungen, ob Bautzen und Görlitz nicht wieder zu großen Wagenherstellern aufgebaut werden könnten. Europäische Länder wie Deutschland investieren massiv in ihr Schienensystem, um künftig mehr Passagiere transportieren zu können. Nicht zuletzt, um die Vorgaben der Klimavereinbarungen einzuhalten. Dafür sind auch neue Züge nötig. 

Alstom wiederum ist ein Vorreiter bei Zügen, die mit Wasserstoff-Antrieb fahren. Bombardier hatte diese Entwicklung völlig verschlafen. Siemens wiederum baut gerade ein Innovationszentrum in Görlitz auf, das zusammen mit der Technischen Universität Dresden sowie Fraunhofer-Instituten über wasserstoffbetriebene Transportmittel für die Zukunft forscht. Auch das grenzüberschreitende Casus-Institut in Görlitz wird sich mit Fragen des Verkehrs beschäftigen. Das alles könnte nun auch zusammenkommen. 

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Wenn die Europäische Union die Übernahme genehmigt. Alstom gibt sich zuversichtlich, Frankreich wollte am Dienstag bereits bei der EU-Kommission für die Übernahme werben. Aber die Ablehnung der Fusion mit Siemens vor einem Jahr macht zumindest noch vorsichtig.  Anders als damals gibt es jetzt keine Probleme bei Hochgeschwindigkeitszügen, nur Alstom produziert sie mit den TGVs. Doch bei den Regionalzügen haben beide Anbieter hohe Marktanteile. Trotzdem: Kenner wie Siegfried Deinege und Jan Otto bleiben dabei - für Bautzen, aber insbesondere für Görlitz könnte die neue Entwicklung eine große Chance bergen.

Der Görlitzer Waggonbau ist immer ein Politikum: Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig legte im Sommer vergangenen Jahres eine Schicht bei Bombardier in Görlitz  ein und half beim Innenausbau von Zügen für die Schweizer Bundesbahnen (SBB). 
Der Görlitzer Waggonbau ist immer ein Politikum: Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig legte im Sommer vergangenen Jahres eine Schicht bei Bombardier in Görlitz  ein und half beim Innenausbau von Zügen für die Schweizer Bundesbahnen (SBB).  © Kristin Schmidt/SMWA

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