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Alt und ausgehaucht darf niemand sein

Nach dem Prozess um einen Schönfelder Arzt macht sich die Branche Gedanken. Etwa über die tägliche Verantwortung.

Von Catharina Karlshaus

Die Veröffentlichungen hat Dr. Manfred Schulze* natürlich alle gelesen. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass sich ein Mediziner aus dem Großenhainer Land wegen Tötung einer Patientin vor Gericht verantworten muss. Sollte der 95-jährigen Bewohnerin eines Seniorenheims an dem betreffenden Tag tatsächlich zu viel Morphium gespritzt werden? Wer weiß. Mittlerweile ist das Verfahren gegen Zahlung eines Geldbetrags eingestellt worden. Aber der Großenhainer Arzt – der seinen richtigen Namen verständlicherweise in der Zeitung nicht lesen will – macht sich noch immer seine Gedanken. Nicht etwa, weil er den beschuldigten Kollegen lieber hinter Gittern gesehen hätte. Nein. Vielmehr deshalb, weil er nach eigenem Bekunden immer häufiger in so eine Situation gerät. Schließlich werden die Menschen zunehmend älter. „Es kommt ganz oft vor, dass ein Hausarzt zu einem älteren Patienten gerufen wird. Erst neulich musste ich nachts im Rahmen meines Bereitschaftsdienstes zu einer 99 Jahre alten Frau fahren“, erinnert sich Manfred Schulze. Der Allgemeinzustand der betagten Dame sei sehr schlecht gewesen. Sie war unruhig und lag bereits im Sterben. Gemeinsam mit den Angehörigen verständigte man sich in einem langen vertraulichen Gespräch darauf, sie nicht ins Krankenhaus einzuweisen. Statt einem künstlich aufpuschendem Kreislaufpräparat habe er der Greisin dann zur Beruhigung zehn Milligramm Morphium gespritzt. Nach zwei Stunden sei der Anruf der Angehörigen gekommen: Ihre Mutter wäre glücklicherweise friedlich eingeschlafen.

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Schuldig, so Manfred Schulze, fühle er sich wegen seiner Behandlung nicht. Ganz im Gegenteil. Jeder Arzt müsse immer genaustens abwägen. Oftmals unter Einbeziehung der nächsten Verwandten oder einer betreuenden Person. Aber das ein alter kranker Mensch – bei dem der Sterbeprozess häufig bereits schon im Gange ist – endlich seinen Frieden finden darf, sei eben in keiner Zeit so offensiv infrage gestellt worden, wie in dieser. „Angesichts der großen Medikamentenpalette und der Vielzahl an technischen Möglichkeiten ist es nahezu verpönt, jemanden sterben zu lassen. Alt und ausgehaucht darf einfach nicht sein“, weiß Manfred Schulze nur allzu gut aus seiner Praxis.

Eine Praxis, die Montag bis Freitag nahezu proppenvoll ist. Gut einhundert Patienten behandelt der erfahrene Arzt jeden Tag. Wie er betont, als „sprechender Mediziner“, der sich nämlich Zeit nehme und die Ratsuchenden nicht wie von den Krankenkassen gewünscht, in sieben Minuten im Eilverfahren mit der Stoppuhr abfertigt.

Manchmal stünden die ersten Leute bereits um sieben vor der Türe. Jene mit Durchfallerkrankungen etwa, sie seien sogar ein Grund zur Freude. Immerhin: Diese Diagnose wäre eindeutig und schnell gestellt. Schwieriger werde es dagegen dann schon mit den sogenannten „multi-morbiden Patienten“. Zehn, mitunter fünfzehn Krankheiten vereine diese zumeist ältere Personengruppe in sich: Herz- und Kreislaufbeschwerden, Diabetes, Rheuma, Osteoporose oder Arthrose, die Liste ist lang. So lang, wie mitunter das gewünschte Gespräch all der Menschen, die wegen diverser psychischer Erkrankungen in die Sprechstunde kommen. „Und diese Beschwerden nehmen aufgrund der gesellschaftlichen Belastungen und natürlich auch der Tatsache, dass Born out inzwischen eine anerkannte Erkrankung ist, merklich zu“, konstatiert Manfred Schulze. Besonders für diese Patienten bräuchte er eigentlich mehr Zeit. Zeit, die er aber nicht habe. Denn das Wartezimmer sei trotz eines meisterlich ausgeklügelten Bestellsystems seiner Schwestern immer voll. In der Mittagspause oder abends arbeite er den Schriftverkehr ab, telefoniere mit Fachärzten oder der Krankenkasse zu strittigen Themen. Gerade davon gebe es viele, denn seit Einführung des budgetierten Behandlungssystems seien verschreibungspflichtige Medikamente ein hohes Gut und nicht jede Kasse wäre von Schulzes Engagement zugunsten seiner Patienten angetan. „Einer Frau, die eine Krebsbehandlung hinter sich hat, habe ich beispielsweise ein Jahr lang spezielles Verbandsmaterial verschrieben. Die Kassenärztliche Vereinigung hat mich darauf hingewiesen, dass es Probleme mit der zuständigen Krankenkasse geben könnte. Und tatsächlich, unter Umständen muss ich über 1 200 Euro bezahlen“, schimpft Manfred Schulze.

Manchmal habe er jedoch gar keine Gelegenheit, um sich über derlei Ungerechtigkeiten Gedanken zu machen. Mindestens aller zwei Wochen sei er nämlich in den Notdienst der Region eingebunden und fahre durch das Großenhainer Land. Hinzu käme die intensive Betreuung zahlreicher Palliativpatienten, für die Manfred Schulze von vornherein mehr Zuwendung einplant. „Das ist wichtig für alle Beteiligten. Die Betroffenen, die wissen, es ist die letzte Phase ihres Hierseins angebrochen und für die Angehörigen, die diesen schweren Weg mit ihrem Liebsten gehen müssen.“

Die Entscheidungen, die Schulze – seit mehr als zwei Jahrzehnten praktizierend – bei solchen Hausbesuchen treffen muss, fallen oft in wenigen Minuten. Trotz seiner Erfahrung hofft er manchmal in der abendlichen Rückschau, dass es in jedem Fall die Richtige gewesen ist. „Denn das hat unser Beruf so an sich. Mitunter zählt genau diese eine Minute.“ Eine, in der sich ein Arzt eben auch mal scheinbar gegen das Leben entscheiden kann.

(*Name von der Redaktion geändert)