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Alte Rezeptehelfen nicht weiter“

Top-Ökonom Oliver Holtemöller über das Wahlergebnis in Sachsen und die Folgen für den Wirtschaftsstandort.

© picture alliance / dpa

Herr Professor Holtemöller, Sachsen steht wirtschaftlich in Ostdeutschland am besten da, und dennoch wird die AfD die stärkste Kraft, warum?

Oliver Holtemöller ist Vizepräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und Professor für Makroökonomik an der Uni Halle.
Oliver Holtemöller ist Vizepräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und Professor für Makroökonomik an der Uni Halle. © IWH

Ich kann nur über die ökonomischen Gründe sprechen, nicht über die kulturellen, die es auch gibt. Ökonomisch betrachtet gibt es eine gefühlte Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation, die nicht übereinstimmt mit dem Bild, das von den Politikern und in den Medien vermittelt wird. Wenn es von der Politik heißt, die Zahlen sind super, Investitionen kommen, die Arbeitslosigkeit sinkt, ich aber vor Ort erlebe, dass die Jungen gehen, weil sie keine Arbeit finden, die Bankfilialen und Arztpraxen schließen, das schnelle Internet nicht kommt, dann tut sich eine Erklärungslücke auf.

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Aber ist das ein Grund, eine fremdenfeindlich eingestellte Partei zu wählen?

Wissenschaftliche Studien haben die Ursachen für die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Fremden untersucht. Die Menschen vergleichen ihr Einkommen mit dem von Freunden, Familie und im Fall der Ostdeutschen mit dem der Westdeutschen. Und da die Sachsen, Thüringer oder Brandenburger bei diesen Vergleichen schlechter abschneiden, selbst wenn sie zu den Besserverdienenden gehören, entsteht diese Wahrnehmung des wirtschaftlichen Abgehängtseins. Und diese gefühlte „Schlechterstellung“ wirkt sich auf den Grad der Sympathie gegenüber Ausländern aus.

Gilt das auch für die große Gruppe der AfD-Wähler zwischen 35 und 55 Jahren, die mitten im Berufsleben stehen und zum Teil sehr gut verdienen?

Ja, denn in der privaten Wirtschaft liegt das Gehaltsniveau immer noch im Durchschnitt bei 80 Prozent des Westniveaus. Das wird als ungerecht empfunden. Wenn man dann beobachtet, dass der wirtschaftliche Aufholprozess stockt, die Einkommens- und Vermögenslücke sich nicht weiter schließt, dann leitet man daraus schlechtere wirtschaftliche Perspektiven für die Zukunft ab. Auch ist die Schulabbrecherquote in Sachsen, wie in anderen ostdeutschen Bundesländern, sehr hoch. Wenn ich keine Ausbildung habe, dann sind meine beruflichen Aussichten und damit auch die Einkommensaussichten schlecht.

Gefährdet das Wahlergebnis in Sachsen den wirtschaftlichen Aufholprozess?

Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, dass das Wahlverhalten – also ob verstärkt links oder rechts gewählt wird – die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst. Allerdings wirkt sich beispielsweise Fremdenfeindlichkeit negativ aus. Das Wirtschaftswachstum wird getrieben durch Forschung und Entwicklung sowie innovative Produkte. Studien zeigen, dass innovative Tätigkeit am besten in heterogen zusammengesetzten Teams gelingt. Da die Vielfalt, auch an Nationalitäten, in Ostdeutschland nicht so ausgeprägt ist, erschwert das die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in privaten Unternehmen durchaus und kann sich letztendlich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken.

Wird es nun noch schwieriger für den ostdeutschen Wirtschaftsstandort werden, junge und qualifizierte Menschen anzuziehen?

Davon ist auszugehen. Dass es jetzt schon schwierig ist, sieht man an der Anzahl der Blue Cards, also der Arbeitserlaubnis für hoch qualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten in der EU. Deren Anteil ist in Ostdeutschland im Vergleich zum Westen gering.

Was müsste die Landespolitik in Sachsen also tun?

Zuallererst muss die Politik erkennen, dass die alten Rezepte, wie etwa Investitionsförderung für Unternehmen, nicht mehr weiterhelfen. Die Ursachen für die schwache wirtschaftliche Entwicklung müssen besser verstanden werden. Der Schlüssel liegt in den Bereichen Bildung und Qualifikation.

Und wie lässt sich das Gefühl des Abgehängtseins bekämpfen?

Ein großer Teil der Gesellschaft wird abgehängt, weil die Chancen ungleich verteilt sind. Der Bildungserfolg der Kinder hängt vom Bildungsniveau der Eltern ab, und Kinder von arbeitslosen Eltern weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, selber arbeitslos zu werden, als Kinder von erwerbstätigen Eltern. Man muss in der Schule anfangen und Schulsozialarbeit ausbauen. Forschung und Entwicklung in der Privatwirtschaft sollten gestärkt werden und der Standort attraktiver für Hochqualifizierte gemacht werden. Das kann gegen das Abgehängtsein helfen in einem Zeithorizont von zehn bis 15 Jahren, kurzfristig lässt sich wenig bewirken.

Das Gespräch führte Nora Miethke.