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Die Alten und die teuren Corona-Tests

Seit über 20 Jahren betreut Mandy Hartmann ihre Schwiegereltern. Die wollten nun nach der Corona-Pause wieder in die Tagespflege. Das wurde zur Odyssee.

Betreuerin Mandy Hartmann mit dem Bescheid des Landratsamtes. 74,02 Euro kostete der Corona-Test pro Person.
Betreuerin Mandy Hartmann mit dem Bescheid des Landratsamtes. 74,02 Euro kostete der Corona-Test pro Person. © Daniel Schäfer

Mandy Hartmann ist viel gewöhnt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Krankenschwester auch noch zur Fachfrau für Altenbetreuung geworden. Sie kennt sich aus mit Anträgen, Hürden und diversen Nuancen der Gesetze und Regeln. Gesammelt hat sie sie bei der Betreuung ihrer Schwiegereltern. Sie dachte, nun alles zu wissen und dass sie nichts mehr überraschen und umhauen kann. Doch bisher gab es ja auch Corona noch nicht.

Die vergangenen Monate hat die Familie gut überstanden. Nun war es an der Zeit, dass die Schwiegereltern wieder in die Tagespflege gehen. Das ist für sie und auch Mandy Hartmann wichtig. Vier Mal in der Woche sind sie im Pflegeheim Einsteinstraße in Pirna gut umsorgt. Doch bevor die beiden dort wieder hin durften, musste ein Corona-Test gemacht werden. Das ist zwar laut Sozialministerium gesetzlich nicht vorgeschrieben, aber der Betreiber kann das fordern. Mit dem Prinzip hatte Mandy Hartmann auch kein Problem. Sie machte sich also auf den Weg. Ihre erste Adresse: Der Hausarzt. Ihre erste Erfahrung: "Er war nicht begeistert." Ihr erster Schock: 130 Euro pro Person. 

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Schnäppchen-Test für 74 Euro

Die Hoffnung, die Krankenkassen könnten einen Zuschuss zahlen, starb bei den Nachfragen. Der Anruf beim Gesundheitsamt des Landkreises brachte zumindest einen "Preissturz". Hier kostete der Test "nur" noch 80 Euro pro Person. Aber einfach so mit den Schwiegereltern hinfahren, Test machen und bezahlen, geht auch nicht. Das jedenfalls wurde Mandy Hartmann beim ersten Anruf gesagt. "Das Landratsamt testet nur bei epidemiologischer Notwendigkeit", heißt es auf Nachfrage von sächsische.de. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn man Kontaktperson eines Infizierten ist oder aus einem Risikogebiet kommt. Aktuell nimmt das Gesundheitsamt zwei Mal wöchentlich Proben. Dabei wurden im August im Schnitt pro Tag 14 Personen getestet. 

"Selbst gewünschte Tests müssen bei einem niedergelassenen Arzt durchgeführt werden", sagt das Landratsamt. in diese Kategorie fallen unter anderem auch Aufnahmen in Pflegeheime oder Tagespflegen. "Der öffentliche Gesundheitsdienst ist daher damit nicht konfrontiert", heißt es. Mandy Hartmann aber hatte mit dem Amt genau dazu telefoniert. Schließlich machte es bei ihren Schwiegereltern offenbar sogar eine Ausnahme. Sie wurden im Testcontainer am Landratsamt zum "Schnäppchenpreis" von letztlich 74 Euro getestet, sagt Mandy Hartmann.

Fragen über Fragen

"Das ging dann alles ganz schnell und unkompliziert", sagt Mandy Hartmann. Sie fuhr mit den beiden alten Leutchen vor, die konnten beim Abstrich nehmen sogar im Auto sitzen bleiben. Nach 48 Stunden kam der Anruf. Test negativ. Dem Besuch der Tagespflege stand also nichts mehr im Wege. Nach ein paar Tagen kam der schriftliche Bericht und die Rechnung vom Landratsamt über 74,02 Euro. 

Damit hätte es für Mandy Hartmann erledigt sein können. Ab 1. September sind die Schwiegereltern, die von der ganzen Aufregung nichts mitbekamen, wieder in der Tagespflege. Doch umso mehr Mandy Hartmann über das alles nachdenkt, umso mehr Fragen hat sie.

Warum sind die Kosten für die Tests so unterschiedlich?

Die Tests bei den niedergelassenen Ärzten sind sogenannte Igel-Leistungen. Das sind individuelle Gesundheitsleistungen, die privat bezahlt werden müssen. Die Ärzte nutzen verschiedene Testsysteme und verschiedene Labore. So erklärt das sächsische Sozialministerium die Unterschiede. Das Landratsamt macht zu den Preisunterschieden keine Aussagen. Die vom Gesundheitsamt vorgenommenen Tests werden aktuell ausschließlich in der Landesuntersuchungsanstalt Dresden ausgewertet. 

Warum müssen die Senioren die Tests selbst bezahlen?

Weil sie bisher nicht zu einem Personenkreis gehören, der anlasslos getestet wird. Dies ist bisher aufgrund der epidemiologischen Lage noch nicht notwendig, sagt das Ministerium. Außerdem ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, dass Personen, die die Tagespflege wieder besuchen wollen, einen Test vorlegen müssen. Wer dagegen etwa aus dem Urlaub nach Deutschland zurückkehrt - ob aus einem Risikogebiet oder nicht - bekommt den Test gratis.

Wer bezahlt die Tests, wenn die Senioren zu den sozial Schwachen gehören?

Das ist so nicht vorgesehen. Das Sozialministerium bezieht sich auf das Sozialgericht Frankfurt. Das verwies darauf,  dass Hartz IV-Bezieher nicht besser gestellt werden dürfen als gesetzlich Krankenversicherte, die ja auch selbst bezahlen müssen. 

Mandy Hartmann hat sich gekümmert, auch "wenn ich von einem zum anderen geschickt wurde." Doch wie machen es die, die sich nicht so durchboxen können?", fragt sie sich. "Vielen Pflegenden werden Steine in den Weg gelegt und sie werden zur Kasse gebeten." Dass Tests wie der für ihre Schwiegereltern als freiwillig eingestuft werden, ist für sie ein weiterer Schlag ins Gesicht. "Wir sind doch darauf angewiesen." Pflegende Angehörige bringen neben ihrer Zeit und Kraft viele Opfer und leben mit Einschränkungen. 

"Da muss ein Unterschied gemacht werden"

Mandy Hartmann zum Beispiel arbeitet aus Verantwortung für ihre Schwiegereltern seit Jahren nur 30 Stunden pro Woche. Das wird sie später bei der  Rente merken. "Wieso werden Sportler oder wieso wird wer unbedingt in den Urlaub fahren muss, kostenlos getestet und die alten Leute, die ihr Leben lang arbeiteten, nicht?" Die Alternative keine Tagespflege oder kein Pflegeheim sei nicht wirklich eine. Die Forderung von Mandy Hartmann an die Politik ist klar: "Da muss ein Unterschied gemacht werden."

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