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Bischofswerda

Alte Weberei weicht neuem Gewerbe

Mit dem Abriss der Industriebrache an der Leibingerstraße schafft Neukirch Platz – und beseitigt zugleich eine Gefahr.

Einst boomte in Neukirch die Weberei, heute zeugt das verfallene Fabrikgebäude an der Leibingerstraße vom vergangenen Ruhm. Das soll nun Platz für die Neuansiedlung von Industriebetrieben machen. Bürgermeister Jens Zeiler rechnet damit, spätestens zu Begi
Einst boomte in Neukirch die Weberei, heute zeugt das verfallene Fabrikgebäude an der Leibingerstraße vom vergangenen Ruhm. Das soll nun Platz für die Neuansiedlung von Industriebetrieben machen. Bürgermeister Jens Zeiler rechnet damit, spätestens zu Begi © Steffen Unger

Neukirch. Stück für Stück holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. In der alten Weberei in der Leibingerstraße 30 in Neukirch rattert schon längst kein Webstuhl mehr. Stattdessen wuchern Pflanzen und Gräser in den Dachrinnen, eine Birke hat sich in dem backsteinernen Schornstein eingenistet und wetteifert mit ihm um Höhe. Viele Scheiben der hohen, industrie-typischen Sprossenfenster sind zerschlagen. Durch sie hindurch blickt traurig eine vertrocknete Topfpflanze und trägt Kunde von der Betriebsamkeit, die hier einst herrschte.

Davon ist längst nichts mehr zu spüren – im Gegenteil. Ein langer Bauzaun verwehrt den Gang ins Innere des Industriebaus. „Das ehemalige Fabrikgebäude ist einsturzgefährdet, die Unfallgefahr ist enorm“, warnt Neukirchs Bürgermeister Jens Zeiler (CDU) allzu eifrige Forscher vor unüberlegten Erkundungsgängen. Um diese Gefahr – und zugleich auch einen Schandfleck innerhalb des Neukircher Naturschutzgebiets – zu beseitigen, ersteigerte die Gemeinde das Areal in unmittelbarer Nachbarschaft des Hochtechnologieunternehmens Trumpf bereits im Sommer 2017. Im gleichen Jahr bewilligte der Gemeinderat einen Betrag von 400 000 Euro für den geplanten Abriss – vorausgesetzt, dieser würde durch Fördermaßnahmen des Freistaates finanziell unterstützt.

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Keine Altlasten im Boden

Ersten Planungen zufolge sollte das Vorhaben mit rund 1,3 Millionen Euro zu Buche schlagen. Diese Zahl wurde nun nach oben korrigiert. „Zu erklären ist das, wie so viele Teuerungen bei Bauvorhaben, mit den gestiegenen Marktpreisen“, erklärt Zeiler die zu erwartenden Mehrkosten von etwa 200 000 Euro. Auch die segnete der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung ab. „Es geht schließlich darum, etwas Altes zu beseitigen, um Platz für Neues zu schaffen“, begründet Zeiler die Entscheidung.

Geplant wird neben dem Eigenanteil der Gemeinde mit einem Zuschuss von 85 Prozent der Gesamtsumme. Die Gelder sind beantragt und sollen aus dem Topf zur „Förderung von Vorhaben der wirtschaftsnahen Infrastruktur“ in die Gemeinde fließen. Spätestens mit Beginn des nächsten Jahres rechnet der Bürgermeister mit dem Abrissbeginn. Im Anschluss daran soll die rund 16 000 Quadratmeter große Fläche revitalisiert und für mindestens zwei neue Gewerbeansiedlungen vorbereitet werden. „Glücklicherweise ist der Boden des Grundstücks nicht durch Altlasten kontaminiert“, ist Zeiler erleichtert. „So haben wir unmittelbar nach dem Abriss Baufreiheit und können direkt das Bieterverfahren zum Verkauf der Flächen einleiten.“

Unmengen an Schrott sammeln sich in den Hallen der Industriebrache. Inzwischen ist das Gebäude einsturzgefährdet, ein Abriss unabdingbar.
Unmengen an Schrott sammeln sich in den Hallen der Industriebrache. Inzwischen ist das Gebäude einsturzgefährdet, ein Abriss unabdingbar. © Steffen Unger

Wenngleich Bürgermeister Zeiler in Abriss und Revitalisierung des Geländes in der Leibingerstraße den Startschuss für den Bau von Hochwasserschutzanlagen und die Erweiterung des Gewerbestandorts nahe der Firma Trumpf sieht, warnt Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Ernst Panse vor der Annahme, die Umsetzung des Bebauungsplans zur Wesenitzaue stünde unmittelbar bevor. „Der Entwurf zum B-Plan Wesenitzaue schafft erst die Rechte, mit den konkreten Planungen beginnen zu dürfen“, erklärt er. Was im nächsten Schritt folge, sei ein komplexer Abstimmungsprozess zwischen verschiedenen Behörden und den Auftraggebern des Projektes, zu denen neben der Gemeinde Neukirch auch die Landestalsperrenverwaltung und das Unternehmen Trumpf gehörten. Neben der Revitalisierung des Geländes der ehemaligen Weberei seien noch keine weiteren konkreten Vorhaben in der Umsetzung.

„Was bislang an Planungen vorliegt, ist lediglich ein grober Vorentwurf“, erklärt Panse und lobt die Umsicht der Gemeinde, die bestrebt sei, trotz begrenzter finanzieller Möglichkeiten und einer eher kleinen Verwaltung einen ordentlichen Planungsprozess für das etwa 35 Hektar große Gebiet östlich der Wesenitz auf die Beine zu stellen. In diesen seien bislang zahlreiche Erkenntnisse – etwa aus Verkehrszählungen, Emissionsgutachten oder Lärmprognosen eingeflossen – genau wie Anregungen von Bürgern und Behörden. „Der Entwurf zum Bebauungsplan befindet sich in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess. Verschiedene Versionen zur Umsetzung existieren“, erklärt der Fachmann für regionale Entwicklung weiter. Darin seien sämtliche relevante Aspekte von Artenschutz, genau wie etwa Hoch- und Abwasserproblematiken berücksichtigt. „Und bei all diesen Aufgaben befinden wir uns auf einem Lösungsweg“, versichert er.

Entwurf frühestens im Herbst

Vorausgesetzt, die Gemeinde erteilt Ernst Panse den Auftrag für die weitere Planungsarbeit, rechnet der Landschaftsarchitekt mit einer optimierten Fassung des Vorentwurfs frühestens im Herbst diesen Jahres: „Diesen stellen wir dann in den verschiedenen Ausschüssen und natürlich auch im Gemeinderat vor, wo er diskutiert und erörtert werden soll.“

Neben einem Rückhaltebecken, das Neukirch und die angrenzenden Gemeinden bei starkem Regen vor Hochwasser schützen soll, sieht der Entwurf zum Bebauungsplan eine Umgehungsstraße zwischen Oststraße und Waldweg vor. Angrenzend an die neu entstandene Trasse sollen weitere Gewerbeflächen erschlossen werden. Insbesondere Zulieferer von Trumpf seien interessiert, sich hier anzusiedeln, weiß Jens Zeiler. Darüber hinaus habe Neukirch Bedarf an weiteren Industrieflächen, seit der Bönnigheimer Ring keine Optionen für Neuansiedlungen mehr biete.

Doch nicht nur die Wirtschaft darf sich freuen: „Es gibt auch die Idee, einen Radweg im Bebauungsplan vorzusehen“, verrät Ernst Panse. „Und natürlich gibt es Pläne für eine artgerechte Bepflanzung.“