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Alte Weißbacher Schule wird zum Wohn(t)raum

Thomas Dittrich hat das denkmalgeschützte Haus gekauft. Vieles will er bewahren. Auch die mechanische Turmuhr.

Von Ina Förster

Die Glocke samt alten Gewichtshülsen der Schuluhr passen kaum in den Kofferraum. Die Schäfers aus Weißbach haben sie trotzdem extra zum Pressetermin mitgebracht. Gewaltig wäre der richtige Ausdruck für das mechanische Uhrwerk. Hans Schäfer streicht fast liebevoll über das Gusseisen. Der 85-Jährige betreut die ehemalige Schuluhr des Ortes seit 1993. Aller drei Tage stieg er noch vor Kurzem die 22 Stufen der engen Stiege empor, um das Uhrwerk aufzuziehen. Seit am alten Gemäuer gebaut wird, hat der Senior allerdings Zwangspause. „Es fehlt schon etwas, aber wenn ich dabei zuschauen kann, wie das Haus langsam wieder zu neuem Leben erweckt wird, macht mich das auch froh“, sagt er.

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Thomas Dittrich (re.) hat voriges Jahr die alte Schule gekauft. Wenn alles gut läuft, will er Ende des Jahres mit Frau und zwei Kindern einziehen, aber ihn drängt nichts. Uhrmacher Mathias Schäfer kümmert sich derweil um die Restaurierung der alten Turmuh
Thomas Dittrich (re.) hat voriges Jahr die alte Schule gekauft. Wenn alles gut läuft, will er Ende des Jahres mit Frau und zwei Kindern einziehen, aber ihn drängt nichts. Uhrmacher Mathias Schäfer kümmert sich derweil um die Restaurierung der alten Turmuh

Thomas Dittrich aus Großröhrsdorf ist der neue Besitzer. Und mit den meisten Nachbarn schon per Du. „Meine Familie und ich waren auf der Suche nach einem alten Haus, haben uns viele Objekte angesehen, sind in der Region herumgereist. Die Schule hat es uns besonders schnell angetan“, sagt er. Sie hat auf jeden Fall Flair, auch wenn derzeit der alte DDR-Graupelputz dominiert. Mit etwas Fantasie kann man sich zurückversetzen in die Historie. 188 Jahre hat das Haus bereits auf dem Buckel. 1826 wurde es als Dorfschule erbaut. Eine Aufstockung erfolgte 1912, dazu feierte man Wiederweihe. 1962 wurde es zum Kindergarten umfunktioniert, der immerhin bis 1993 in Betrieb war. Zwischendurch zog sogar noch die Gemeinde ein. Das alles hat der neue Hausherr zum größten Teil von Hans Schäfer erfahren. Der ist zwar nicht der Ortschronist von Weißbach. Weiß aber annähernd so viel. Besonders gut informiert ist er aber über die frühere Dorfschule. Der Weißbacher packt alte Zeichnungen und Fotografien aus. Dazu Chronikübersichten und Hintergrundwissen. Ein Spruch ziert damals noch die Hausfassade: „Lasset die Kinderlein zu mir kommen“. Der soll nach der Sanierung wieder an die Front kommen. Thomas Dittrich hat etwas übrig für solcherlei Spielereien. „Viele Dinge schreibt ja der Denkmalschutz vor, aber einige liegen einem auch selber am Herzen“, so seine Meinung.

Über diese Einstellung freuen sich natürlich besonders die Einheimischen. Dittrich lässt nämlich auch viel von hiesigen Gewerken fertigen. Die Steinaer Dachdeckerfirma Andreas Schneider beispielsweise hat derzeit hoch oben auf dem alten Schuldach zu tun. „Eine tolle Herausforderung“, sagt Mitarbeiter Thomas Weitzmann. „Solche tollen Dächer mit Fledermausgauben und eingebundenen Kehlen findet man nur noch selten“, weiß er. Auch Kollege Mario Zimmermann blickt nach oben und nickt zur Bestätigung. Sein Vater Hans-Dieter arbeitet gerade mit seinen 63 Jahren und viel Freude hoch auf der Weißbacher Baustelle mit. „Das ist noch einmal so etwas wie ein besonderes Schmeckerchen kurz vor seinem Ruhestand“, sagt Thomas Weitzmann.

Auch Mathias Schäfer freut sich. Darüber, dass der neue Hausherr die uralte Uhr restaurieren lässt. Für ihn als Uhrmacher ist das wie ein Geschenk, auch wenn es viel Tüftelei und Arbeit bedeutet. „So ein mechanisches Uhrwerk ist nur noch selten im Einsatz. Sie verschwinden immer mehr aus Kirchtürmen, Rathäusern oder Schulen“, weiß der Fachmann. Oftmals werden sie durch funkgesteuerte Automatismen verdrängt. „Umso größer war die Überraschung, dass der Bauherr daran interessiert ist, das alles hier zu erhalten“, sagt Mathias Schäfer. Der ursprüngliche Hersteller aus Osnabrück existiert zwar noch. Aber Dittrich hat dem Weißbacher Handwerker den Auftrag zur Restaurierung erteilt.

Ein bisschen freut es Mathias Schäfer ebenso für seinen Vater Hans. Der kramt unterdessen die nächste Geschichte aus dem Nähkästchen: „Die Bauern von Weißbach haben 1924 zusammengelegt und die Uhr gestiftet, damit das Gesinde auf den Feldern hörte, wann Mittag und Feierabend war“, so der 85-Jährige. Für Familie Dittrich wird es wohl am Anfang etwas ungewohnt sein. Im Turmzimmerchen oben schlägt es ihnen und dem ganzen Dorf dann wieder regelmäßig das Stündchen.