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Kompromiss mit Globus gefunden

Die Verhandlung zum Ausweichstandort ist beendet. Das Areal am Alten Leipziger Bahnhof könnte nun zum Wohngebiet werden. Die Meinungen sind geteilt.  

Ein neues, belebtes Stadtviertel am Alten Leipziger Bahnhof: Das sehen Modellentwürfe von Studierenden der TU Dresden vor. Visualisierung:  Thomas Neumayer und Lennart Senger
Ein neues, belebtes Stadtviertel am Alten Leipziger Bahnhof: Das sehen Modellentwürfe von Studierenden der TU Dresden vor. Visualisierung: Thomas Neumayer und Lennart Senger © TU Dresden/Lennart Senger

In Dresden werden händeringend Flächen für den Wohnungsbau gesucht. Erst vor wenigen Tagen hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergeben: In den letzten drei Jahren wurden in der Stadt nur 62 Prozent der benötigten neuen Wohnungen gebaut. Die städtische Genossenschaft Wohnen in Dresden erklärt regelmäßig zum Problem, dass die Stadt kaum Bauflächen habe. Die Nachfrage nach zentrumsnahem Wohnraum einerseits und das überschaubare Angebot andererseits bestimmen die Debatte zur Stadtentwicklung. Und potenzielle, neue Wohnquartiere rücken in den Fokus der Öffentlichkeit: Eins davon ist das Gelände am Alten Leipziger Bahnhof.

Bislang hatte die Stadt dementiert, dass es eine Einigung mit dem  Einzelhandelsunternehmen Globus, Eigentümer von Flächen am Alten Leipziger Bahnhof, gibt. In der Antwort auf eine Anfrage von Linken-Stadtrat André Schollbach erklärt Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) jedoch, ein Kompromiss sei geschlossen, die Verhandlungen für einen Ausweichstandort beendet. Doch noch würden Gespräche mit dem Eigentümer geführt, deshalb werde der Kompromiss nicht öffentlich kommuniziert. Als Alternative hatte sich zuletzt eine Fläche an der Bremer Straße herauskristallisiert. Auf dem Gelände in der Friedrichstadt ist die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, sie gehört dem Freistaat. 

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Wie die Zukunft am Alten Leipziger Bahnhof aussehen könnte, wenn Globus auf dem Areal nicht baut, wird derzeit greifbar. Die gut 40 Hektar große Fläche zwischen Großenhainer und Leipziger Straße bietet Platz zum Träumen. Studierende der Technischen Universität Dresden zeigen im Zentrum für Baukultur (ZfBK), wie ein neues Viertel in der Leipziger Vorstadt aussehen könnte. Rege Wohnbebauung, teils Hochhäuser, viel Platz für Grün – das sehen die ersten Entwürfe vor. „Wir wollen versuchen, das Gebiet für die Stadt wichtiger zu machen“, erläutert Felix Greiner-Petter, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Architektur der TU. In den nächsten 20 Jahren könnte das Areal für die Stadt eine zentrale Rolle spielen und sich zur neuen Mitte Dresdens entwickeln, prognostiziert er.

Für Greiner-Petter handelt es sich um ein vernachlässigtes Areal. Blicke man von der Frauenkirche Richtung Pieschen, klaffe eine Lücke auf Höhe des Bahndamms, die Stadtteile Pieschen und Neustadt wirkten durchschnitten. Aus der Perspektive eines Städteplaners biete das Inspirationsraum. Zur weitsichtigen Auseinandersetzung gehört aus seiner Sicht zunächst ein neutraler Blick, der alle Ideen zulässt. Sicher ist, dass Wohnen eines der Zukunftsthemen im Areal sein wird. Für die Leipziger Vorstadt wird bis 2025 laut Stadt ein Bevölkerungswachstum von rund elf Prozent erwartet – und sehr hohe Geburtenüberschüsse. Ob und wie das Gelände bebaut werden könnte, ruft verschiedene Meinungen hervor. Unter anderem wegen des Lärms durch Bahn und Autos an beiden Hauptstraßen. Ziel der Ausstellung ist es auch, Meinungen zu sammeln, diese zu analysieren und an die Stadt zu übergeben. (SZ/mes)

Judith Brombacher von der Bürgerinitiative Wohnen am Leipziger Bahnhof findet, das ist ein interessantes Wohnquartier.
Judith Brombacher von der Bürgerinitiative Wohnen am Leipziger Bahnhof findet, das ist ein interessantes Wohnquartier. ©  privat

Pro: Rein museale Nutzung ist nicht tragfähig

Niemand fordert eine reine Wohnbebauung auf dem Gelände des Alten Leipziger Bahnhofs! Im geltenden Masterplan ist für die Leipziger Vorstadt ein Quartier mit vielfältiger Nutzungsstruktur einschließlich kultureller Zwecke vorgesehen. Ein Gutachten, das im Auftrag der Stadtverwaltung Dresden erstellt wurde, legt dar, dass die Erschwernisse – etwa Lärm durch Straßen- und Bahnverbindungen – für die Verwirklichung dieser Absicht innenstadttypisch und beherrschbar sind. Viele praktische Beispiele zeigen, wie sich diese Nachteile des Geländes durch die intelligente Verteilung der Nutzungen im Raum sowie durch die Form der Baukörper und eine angemessene Bauweise überwinden lassen.

An einem industriell geprägten Standort ergibt sich – anders als bei Bauvorhaben auf bisher unversiegelter grüner Wiese – aus dem Wunsch nach Nutzungsvielfalt unleugbar ein Mehraufwand. Er ist im Fall der Leipziger Vorstadt aber ganz besonders gerechtfertigt. Denn es handelt sich um ein innerstädtisches Gebiet in hervorragender stadtlandschaftlicher Lage, das optimal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Die historische Bedeutung und Tragik des Alten Leipziger Bahnhofs – erste deutsche Ferneisenbahn, Deportation der Juden – sind gebührend zu berücksichtigen. Eine rein museale Nutzung des Geländes halten wir als Bürgerinitiative jedoch für nicht tragfähig und für die Stadt Dresden als vertane große Chance.

Wir setzen uns für einen lebendigen Planungsprozess und dabei die Einbindung vieler Akteure ein, um einen Ausgleich zwischen Gemeinwohl und privaten Interessen zu sichern.

Christian Rietschel vom Verein Haus und Grund argumentiert gegen das Areal als Wohnstandort.
Christian Rietschel vom Verein Haus und Grund argumentiert gegen das Areal als Wohnstandort. © Frank Hoehler

Kontra. Gelände ist zum Wohnen ungeeignet.

Kaum ein Standort in der Stadt Dresden ist so geschichtsträchtig mit der Entwicklung des Eisenbahnwesens verbunden, wie der Alte Leipziger Bahnhof in der Äußeren Neustadt. Schließlich handelt es sich um den Anfangspunkt der ersten deutschen Ferneisenbahn, die mit der feierlichen Eröffnung bis Leipzig am 7. April 1839 in Betrieb ging.

Leider liegt dieses Gelände seit dem Jahr 1990 weitgehend brach. Es bedarf dringend einer ihrer Bedeutung gerecht werdenden Aufwertung. Weder ein Globus-Markt noch Wohnbebauung werden diesem Ziel gerecht, vielmehr wird so der Standort abgewertet.

Dresden ist auf dem besten Wege, eine einmalige Chance für die sinnvollste Verlegung des Verkehrsmuseums zu verspielen. Soll etwa das Verkehrsmuseum in einem Lokschuppen an der Nossener Brücke verschwinden und bedeutungslos werden? Am Neumarkt wird es auf Dauer keine Existenzberechtigung mehr haben. Dabei hätte die Neustadt einen Höhepunkt dringend nötig. Dresdens Kultur ist nicht nur die Altstadt! Wird der Alte Leipziger Bahnhof mit Wohnungen bebaut, ist diese Chance für immer vertan.

Als Wohnungsbaustandort taugt er ohnehin kaum: Er ist ringsum von Verkehr, Abgasen und Staub sehr beeinträchtigt. Zwar kann man mit hohem technischen Aufwand zumindest den Lärm abmildern. Aber hier würde nur ein neues, abgetrenntes Wohnviertel geschaffen, vermutlich, um die Wohnungen dann an Anleger zu teuer zu verkaufen. Oder sollen dort Sozialwohnungen für weniger Betuchte entstehen? Die, die es sich leisten können, werden diesen Standort meiden.

Diskussion

Am Mittwoch, 7. August, wird im ZfBK unter dem Titel „Wer bestimmt eigentlich wie wir wohnen?“ debattiert. Die Veranstaltung findet um 19 Uhr statt, der Eintritt ist frei. Weitere Infos gibt es online unter www.zfbk.de

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