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Altes Haus erhält junges Gesicht

Wer noch vor zwei Jahren an der verfallenden Kate, gleich hinter dem Berthelsdorfer Ortseingangsschild von Strahwalde kommend, vorbei lief, der hatte für den Zustand dieses Gebäudes wohl nur ein bedauerndes Achselzucken übrig.

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Von Andreas Herrmann

Wer noch vor zwei Jahren an der verfallenden Kate, gleich hinter dem Berthelsdorfer Ortseingangsschild von Strahwalde kommend, vorbei lief, der hatte für den Zustand dieses Gebäudes wohl nur ein bedauerndes Achselzucken übrig. Nicht so Hans-Peter Nestler. Er und seine Frau Heidemarie haben den Wiederaufbau und die Sanierung in Angriff genommen. Ein Mix aus günstigem Kaufpreis, Fördermitteln und sehr viel Eigenengagement machen das möglich.

Die Lehmwände von damals sind für die Ewigkeit gebaut und werden stehen bleiben. Ansonsten arbeiten derzeit über zehn Gewerke auf dem kleinen Anwesen, zu dem auch ein Nebengebäude sowie ein hübsches Grundstück mit altem Baumbestand und Bachanschluss gehören.

Der historische Baubeginn des Hauses ist nicht genau bekannt, aber nach einer Untersuchung mit modernen physikalischen Verfahren wurden die Bäume für die hölzernen Dachsparren im Winter 1801 gefällt. Ein Kleinod in dem unterkellerten Domizil wird die zukünftige Küche. In diesem Raum mit gewölbter Decke befand sich früher der Viehstall. Gekocht hat man damals in der „Hölle“, auch schwarze Küche genannt. Das ist heute noch an den rauchgeschwärzten Wänden zu sehen. Um etwas mehr Raumhöhe zu bekommen, wird der Fußboden um einige Zentimeter abgesenkt. Dazu müssen die Bodenplatten aus Granit horizontal zersägt werden.

Interessant an dem Gebäude ist auch die Bedachung mit rotem Schiefer. Der kam als Rückladung von England. Die Produkte Oberlausitzer Weberei wurden in diesen Zeiten von Fuhrleuten bis auf die Insel gebracht, die Interesse daran hatten, von dort auch eine Rückladung zurückzunehmen. Da bot sich der rote englische Schiefer an, weil in der Lausitz viel gebaut wurde. Auch für die Transportschiffe nach England oder die Flussschiffer auf Oder, Elbe und Saale war das ein gutes Geschäft, denn sie hätten sonst Ballastwasser an Bord nehmen müssen. Die Vorteile des Binnenmarktes nutzen, würde man heute dazu sagen. Häuser mit ähnlicher Geschichte gibt es in vielen solchen ehemaligen Waldhufendörfern wie Berthelsdorf.Das Nebengebäude auf Nestlers Grundstück war früher ein so genanntes Ausgedinge. Das ist sozialhistorisch interessant, denn solche Ausgedinge dienten unseren Vorfahren vor gar nicht allzu langer Zeit, als es noch keine Rentensysteme und Altersheime gab, als Wohnort für die Großeltern, die dort etwas abseits vom Familientrubel in Ruhe das Alter verbringen und trotzdem nah bei ihren Kindern sein konnten. Das Mehrgenerationenhaus von anno dazumal also. Heute steht an diesem Platz der Kessel für die moderne Holzheizung, die ständig 2 000 Liter Wasser warm halten kann, das dann in den Heiz- und Wasserkreislauf eingebracht wird.

Den Wiederaufbau und die Sanierung haben Nestlers wegen verschiedener günstiger Umstände gewagt. Zum einen waren da der günstige Kaufpreis und die Möglichkeit, Fördermittel über das Amt für ländliche Neuordnung in Kamenz sowie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu bekommen. „Das reicht aber nicht aus“, sagt Hans-Peter Nestler, der seit Baubeginn und Zuwendungsbescheid im Sommer vergangenen Jahres an fast allen Wochenenden sowie abends auf der Baustelle ist. Er hat vorher an einem Umgebindehausseminar an der Zittauer Hochschule von Oktober 2001 bis Februar 2002 teilgenommen und auch eine Architektin aus Seifhennersdorf beauftragt. Fündig ist der Bauherr auch auf Abrissbaustellen geworden. Dort gibt es oft noch wiederverwendbares Baumaterial, wie zum Beispiel eine Haustür, das auch denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht wird.

Die Nestlers haben in dem Haus die Nachfolge der Berthelsdorferin Lucretia Schönberner angetreten. Diese alte Dame war als Dorforiginal mit einem Orchestermusiker des legendären Circus Sarasani verheiratet und hatte dadurch fast die gesamte Welt bereist. Hans-Peter Nestler, der beim Diakoniewerk Oberlausitz in Großhennersdorf arbeitet, und seine Frau haben vier Kinder, die sich schon jetzt auf herrliche Sommerabende auf dem wunderschönen Grundstück mit Oberlausitzer Tradition freuen.