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Altes Stellwerk ist nicht zu retten

Das Gebäude soll dem Radweg weichen. Der Versuch, es zu erwerben, ist gescheitert. Die Bahn lehnt eine private Nutzung ab.

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Von Thomas Morgenroth

Fast jeden Tag fährt sie daran vorbei, und jedesmal stellt sie sich vor, wie schön es doch wäre, in dem alten Stellwerk B1 am Ortseingang der Stadt Tharandt ihre Werkstatt einzurichten. Buchbinderin Carla Schwiegk, die mit ihrem Mann, dem Bildhauer Matthias Jackisch, und drei Kindern gerade von Golberode nach Kurort Hartha umzieht, hat sich in das markante Gebäude verliebt. 1909 im Schweizer Stil gebaut, gehört es zum denkmalgeschützten Ensemble des Tharandter Bahnhofs. Das mechanische Stellwerk hat die Deutsche Bahn Ende 2001 zugunsten einer elektronischen Anlage außer Betrieb genommen. Seitdem ist das zweistöckige Haus ungenutzt.

Jetzt soll die historische Landmarke, die sich maßstäblich verkleinert auf ungezählten Modelleisenbahnanlagen in der ganzen Welt finden lässt, gänzlich von der Landkarte verschwinden. Das Stellwerk B1 mit der Tharandter Adresse Dresdner Straße 30 steht genau auf dem lange geplanten Radweg von Tharandt nach Freital. Weder rechts, da sind die Bahngleise, noch links, da ist die Straße, ist Platz für eine Umfahrung.

Ohne Abriss keine Förderung

Nach zähem Ringen mit den Städten Freital und Tharandt, dem Straßenbauamt und der Deutschen Bahn hat das Landesamt für Denkmalpflege dem Abriss schließlich zugestimmt. „Ich wurde regelrecht an die Wand gespielt“, erinnert sich Gebietsreferent Ralf-Peter Pinkwart nur ungern daran. Er hatte sich vehement für den Erhalt des „kleinen Stücks aufwendige Architektur“ stark gemacht. Und wurde dafür öffentlich verspottet. Dem Druck hielt er schließlich nicht mehr stand: „Ich fühlte mich einem Tribunal ausgesetzt. Das war eine Art von seelischer Folter, die ich so noch nie erlebt habe.“

„Unsere Vorschläge zu Alternativen, wie eine Durchtunnelung, die eine Erhaltung des Stellwerkes hätten ermöglichen können, fanden bei den Planungsträgern leider keine Zustimmung“, sagt Simone Seipelt, Referatsleiterin Denkmalschutz im Landratsamt. Sie erteilte schließlich im August vergangenen Jahres die Abrissgenehmigung, auch, weil keinerlei Nutzung des Stellwerks in Aussicht war.

Das Straßenbauamt beauftragte daraufhin die Stadt Freital mit der Koordinierung und Planung des Radweges. Die Abrissgenehmigung, sagt Freitals Baubürgermeister Jörg-Peter Schautz (parteilos), sei Bestandteil des Antrages auf Fördermittel des Freistaates. Mehr noch: Der Abriss ist der eigentliche Knackpunkt. „Sonst geht es nicht weiter“, sagt Schautz. Ein Szenario für den Radweg mit Stellwerk gibt es nicht. Der Bürgermeister ist deshalb nicht erfreut, als er von Carla Schwiegks Ideen hört, dort ihre Buchbinderwerkstatt einzurichten.

Soweit wird es wohl nicht kommen. Auch wenn Denkmalschützer Pinkwart betont: „Eine Abrissgenehmigung ist keine Verpflichtung zum Abriss.“ Er und Simone Seipelt vom Landratsamt würden jedenfalls gern den Erhalt des Stellwerkes unterstützen.

Die Deutsche Bahn AG, Eigentümerin der Immobilie, hat an einem Erhalt hingegen kein Interesse. Das teilte das Unternehmen zwar nicht der Buchbinderin mit, die seit Monaten vergeblich auf Antwort wartet, aber der Sächsischen Zeitung. „Alle beteiligten Partner haben dem Abriss des Stellwerkes zugunsten des lang ersehnten Fahrradweges zugestimmt. Eine private Nutzung des Stellwerkes ist damit nicht möglich“, schreibt die Pressestelle des Leipziger Regionalbüros.

Keinerlei Medien mehr

„Am Stellwerk liegen keinerlei Medien mehr an, außerdem müssten Parkplätze angelegt werden, das ist dort nicht möglich“, sieht auch Andreas Hübner vom Bauamt der Stadt Tharandt keine Chancen für eine Nutzung. Problematisch ist seiner Meinung nach außerdem die Nähe zu den Oberleitungen der Bahn. Den Radweg erst nach dem Stellwerk zu beginnen, würde außerdem dessen Ziel verfehlen.

Carla Schwiegk ist enttäuscht, wenngleich sie nur geringe Hoffnungen hegte. Die 40-Jährige sucht nun nach anderen Räumen in Tharandt für ihre Werkstatt. Und fährt wehmütig am Stellwerk B1 vorbei, dem unerfüllten Traum: „Das Haus wäre ideal gewesen.“