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Der Landkreis macht die Schränke leer

Nur wohin mit den Altkleidern? Weil die Lieferketten etwa nach Asien und Afrika unterbrochen sind, wird die große Spendenbereitschaft zum Problem.

Container für Altkleidung in Pirna. Die geschlossenen Grenzen sind ein großes Hindernis.
Container für Altkleidung in Pirna. Die geschlossenen Grenzen sind ein großes Hindernis. © Daniel Schäfer

Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung ist groß. "Die Altkleider-Container füllen sich immer schneller", erklärt Nadine Schaer, von der Veolia Umweltservice GmbH. Das Unternehmen entsorgt im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 65 solcher Container. In den letzten Wochen ist das Aufkommen noch mal angestiegen. Ganz Deutschland hat offenbar die Corona-Zeit genutzt, um Platz in den Schränken zu schaffen. 

Veolia sammelt mit ihrer Logistik die Altkleidung nur ein und liefert sie an Verwerter. Die haben derzeit aber große Probleme. Denn ausgerechnet in der Phase, wo es das größte Aufkommen an Altkleidung gibt, bricht parallel dazu der Absatz katastrophal ein. 

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Eine der größten Sortieranlagen in Mitteldeutschland betreibt die SOEX Textil- Vermarktungsgesellschaft mbH in Bitterfeld. Dort landet auch Altkleidung, die im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gesammelt wird. Medienberichten zufolge sind dort jedoch Hunderte Mitarbeiter in Kurzarbeit, weil keine Transporte mehr nach Asien oder Afrika gehen. Die geschlossenen Grenzen seien ein großes Hindernis, heißt es.

Absatzmärkte global zusammengebrochen

Das bestätigt Martin Wittmann. Er ist Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). "Mittlerweile verhindern es weltweit angeordnete Maßnahmen wie Ausgangssperren, überhaupt noch Erlöse zu erzielen", sagt er. Überall, auch in Osteuropa, seien Second-Hand-Läden geschlossen worden. Die Nachfrage nach Altkleidern sei fast vollkommen versiegt.

Auch die afrikanischen Märkte leiden angesichts knapper Geldmittel der einheimischen Verbraucher an Nachfrage-Mangel. "So sind die für den Absatz der sortierten Ware notwendigen Märkte seit Mitte März 2020 global zusammengebrochen", erklärt Wittmann. Der Absatz von gut erhaltener Bekleidung, aber auch von recycelten Produkten und Putzlappen, sei weltweit unmöglich. Von einer Änderung dieser Situation in naher Zukunft geht der Vorsitzende nicht aus. 

Gleich zwei Altkleider-Container hat das DRK am Hexenberg in Freital aufgestellt.
Gleich zwei Altkleider-Container hat das DRK am Hexenberg in Freital aufgestellt. © Karl-Ludwig Oberthür

Sozialverbänden gehen Einnahmen verloren

Das DRK Dippoldiswalde betreibt 43 Sammelstellen im Osterzgebirge. Auch die Volkssolidarität sammelt im Landkreis Altkleider. Etwa 70 Container hat der Verein aufgestellt. "Bisher haben wir auch nicht vor, die Zahl wieder zu reduzieren", sagt Geschäftsführerin Gabriele Hünlich. Ob das noch lange so bleiben wird, ist aber unklar.

Für das Einsammeln und Verwerten der Altkleidung hat die Volkssolidarität die SOEX Textil- Vermarktungsgesellschaft mbH aus Bitterfeld vertraglich gebunden. Dass es irgendwelche Änderungen in der täglichen Praxis gibt, davon sei der Volkssolidarität noch nichts bekannt.

Bei der SOEX selbst ist derzeit aber nichts wie immer. Eine Auskunft vom Unternehmen zu erhalten ist aber schwierig. Der Pressesprecher ist ebenfalls in Kurzarbeit geschickt worden. Klar ist aber, dass jetzt die Altkleidung fast vollständig in die Lager geht - ohne Verwertung. Dass das nicht auf Dauer so weitergehen kann, ist nachvollziehbar.

Altkleider-Spenden in der gewohnten Masse sind derzeit nicht mehr erwünscht. Vertragspartner könnten darum gebeten werden, die Anzahl der Container zu verringern. "Bei uns hat sich diesbezüglich aber noch niemand gemeldet", erklärt Hünlich.

Kleiderspenden an sich würden für Bedürftige in Deutschland auch weiter gebraucht. "Die Kleiderkammern sind ja auf die Spenden angewiesen", sagt Bärbel Bautz, Geschäftsführerin der DRK Freital Soziale Dienste gGmbH. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil in der Verwertungskette. Beim DRK in Freital werde noch entschieden, wie auf die aktuelle Entwicklung reagiert wird.

Altkleider vorerst zu Hause sammeln

Die übergroße Masse der in Deutschland gesammelten Altkleider geht ins Ausland. Davon profitieren auch die hiesigen Sozialverbände, die Kleidercontainer aufgestellt haben. Von den Verwertern erhalten sie eine Ablöse.

Diese Einnahmen werden etwa bei Volkssolidarität oder DRK wiederum für die satzungsgemäßen Zwecke eingesetzt, etwa für Jugendarbeit oder Ähnliches. Diese Einnahmen könnten demnächst wegbrechen. Weil die Verwerter auf der Kleidung sitzen bleiben, haben die ersten schon die Abnahme-Preise reduziert.

Die Entsorger appellieren nun an die Vernunft der Bürger. Ist ein Container bereits voll, sollten die Altkleider zu einem anderen Container gebracht oder wieder mit nach Hause genommen werden. "Es ist empfehlenswert, Altkleider derzeit zu Hause zu lagern, bis sich die Lage am Markt entspannt hat und die Verwertung wieder wie gewohnt möglich ist", heißt es etwa von Veolia.

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